DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Frühe Konflikte mit Hera


Irgendwie kann ich sie ja verstehen, sie hat es ja auch nicht so leicht mit meinem Vater, der die Sache mit der Monogamie nicht so fürchterlich ernst nimmt. Aber was mir daran nicht gefällt, ist, dass sie ihre Unlust an Unschuldigen auslässt. Ich meine, ich kann doch nichts dafür, dass ich am Leben bin, also warum hackt sie auf mir herum?

Es fing schon an, bevor ich noch geboren war. Das weiß ich, weil das hat mir mein Vater erzählt, damals vor drei Jahren, als ich ihn getroffen habe. Er hatte festgelegt, dass der nächste Perseide, also der in unserer Familie (die ja von Perseus abstammt), der als nächster zur Welt kam, König von Mykene werden solle.

Das könnte er übrigens nie gesagt haben, wenn Iphikles und ich wirklich Zwillinge gewesen wären, weil Iphikles ist ja auch ein Perseide (sogar in größerem Ausmaß als ich). Und nicht einmal mein Vater hätte dann wissen können, wer von uns beiden zuerst geboren werden würde. Aber es wird ja immer so viel geglaubt und getratscht...

Normalerweise, nach den Gesetzen der Natur, hätte ich zuerst das Licht der Welt erblickt, und deshalb hatte Zeus es ja so bestimmt, weil er wollte, dass ich die Königswürde bekam. Aber schon damals hatte Hera ihre unnützen Finger im Spiel. Sie schickte Ilithyia, eine ihrer Gehilfinnen, die sich bei uns daheim am Dach mit gekreuzten Beinen hinsetzen musste. Jedes kleine Kind weiß doch, dass das eine Methode ist um eine Geburt hinauszuzögern. Und Hera selbst ging zu Sthenelos und sah dazu, dass Eurystheus geboren wurde - als Siebenmonatskind. Und das bedeutete ja, dass er statt mir in Mykene herrschen würde. Eigentlich macht mir das gar nicht so viel aus, denn wäre ich König geworden, hätte ich niemals so viel Freiheit gehabt, wie jetzt - aber ganz allgemein betrachtet war es eine Frechheit von Hera. Und Eurystheus gegenüber war es auch falsch, er war ja nun von Anfang an klein und schwächlich, da ist es kein Wunder, dass er heute als Feigling verschrieen ist.

Aber mein Verhältnis zu Hera - ich muss schon als Wickelkind instinktiv gefühlt haben, dass ich sie nicht leiden konnte. Man behauptet nämlich, dass ich indirekt an der Milchstraße schuldig bin...

Und das ging so zu: Mama setzte mich im Wald aus, als ich noch fast neugeboren war, die Gegend wird heute noch als Ebene des Herakles bezeichnet. Nun behaupten die Leute, dass Mama das nur tat, weil sie vor Hera Angst hatte, aber das glaube ich nie im Leben. Sie hätte mich niemals freiwillig ausgesetzt. Ich glaube ja stark, dass hier auch mein Vater dahintersteckt und dass er die Pallas Athene losgeschickt hat, damit sie zusammen mit Hera dort einen Spaziergang machte und damit sie mich dort finden sollten. Das war nämlich genau das, was geschah und Athene überredete Hera, mich doch an die Brust zu nehmen. Und das war wieder genau das, was mein Vater wollte, weil jeder, der von Hera gestillt wird, unsterblich wird.

Ich hoffe wegen der Unsterblichkeit, dass ich genug getrunken habe, denn dann passierte es. Ich muss zugebissen haben, und zwar vermutlich recht kräftig, denn Hera jaulte auf und ließ mich fallen, während die Milch in weitem Bogen aus ihrer Brust spritzte, das ist das weißliche, das wir sehen, wenn wir zur Milchstraße hochblicken. Pallas Athene nahm mich dann auf ihren Arm und gab mich am ersten Hof, den sie erreichten, als Findelkind ab. Glücklicherweise war das unser eigenes Anwesen. Mir sind das allzuviele Zufälle, die hier zusammenspielen, sodass ich nicht wirklich an den Zufall glauben kann. Und vor allem aber, wie gesagt, Mama hätte mich niemals wirklich ausgesetzt!

Andere behaupten sogar, dass es Zeus selber war, der Hera einschlafen ließ und mich dann an ihre Brust legte, also ist es ja so gut wie erwiesen, dass er auf irgendeine Art mitspielte.

Ich glaube auch, dass Hera früher oder später begriff, dass sie betrogen worden war, vermutlich als sie aus Zorn die Schlangen schickte. An das kann ich mich auch noch nicht selbst erinnern, ich lag ja immerhin noch im Gitterbett. Aber eines Abends krochen zwei Schlangen zu mir ins Bett hinauf, ohne dass es jemand merkte. Das wäre bei einer schon fast unmöglich gewesen, zwei müssen bedeuten, dass sie von göttlicher Hand geschickt wurden. Ich hatte ja noch nicht genug Verstand, um Angst zu bekommen, aber als sie sich mir um den Hals legten, wurde es mir unangenehm. Deshalb nahm ich sie weg und drückte ihnen die Schädel ein, bis sie tot dalagen. Wie ich schon sagte, daran kann ich mich nicht erinnern, aber ich habe eine schwache Ahnung, dass es nachher viel Radau gegeben hat, als die Leute entdeckten, was geschehen war. Ich glaube, dass mich das mehr erschreckte als die Schlangen es taten.

Und Stiefmutter hin oder her, mit all dem als Belastung ist es wohl kein Wunder, dass ich nicht gerade in Hera verliebt bin.


Bernhard Kauntz, Västerås 1998


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