DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Der Löwe am Berg Kithairon


Heute habe ich das bezauberndste Mädchen meines ganzen Lebens gesehen. Ich hätte nie gedacht, dass es solche Schönheit wirklich geben kann. Nicht einmal Göttinnen können so aussehen! Und dann ihr Lächeln, ihre strahlenden Augen und der Glanz in ihrem goldenen Haar! Und wie sie mich ansah, voller Bewunderung, unter ihren Blicken bin ich noch ein paar Zentimeter gewachsen. Natürlich hat das Fell als Umhängemantel und der Kopf als Helm einen gewissen Eindruck gemacht, aber trotzdem. Ich bin von ihr genauso betört wie sie es von mir zu sein schien. Dennoch war ich dort um den König zu treffen - aber was war wohl dies, verglichen mit ihrem Anblick.... Megara heißt sie, das habe ich schon herausgefunden.

Aber ich bin ja ganz außer mir, sehe ich. Ich muss wohl von vorne anfangen.

Als ich zum Fuß des Kithairon gekommen war, sprach ich mit den Ansäßigen, um einen Fingerzeig zu bekommen, wo ich wohl den Löwen am ehesten treffen würde. Nun gab es niemand, der etwas Genaues wusste, alle konnten mir nur mitteilen, dass er oben am Berg hauste, vermutlich in irgendeiner Höhle. Bisher war es aber niemand gelungen, diese Höhle zu lokalisieren, obwohl sie es schon versucht hatten, wie sie auch schon oft versucht hatten, das Untier zu erlegen. Es musste aber eine schlaue Bestie sein, denn sie hatte jedem Versuch getrotzt. Wenn sich viele Jäger versammelt und auf die Lauer gelegt hatten, war das Vieh nie aufgetaucht, aber wenn sich ein einsamer mutiger Kerl fand, der sich auf den Berg begab, dann war es meistens das Letzte, was er in seinem Leben tat. Allzuviele Male hatte man zerrissene Körper gefunden, die die letzte Spur von diesen Abenteurern waren. Aber im Laufe der Jahre hatte die Bestie bei den meisten die Herdenbestände kräftig gelichtet und daher hatte es auch genug Leute aus der Umgebung gegeben, die in ihrer Verzweiflung auf den Berg gestiegen waren und nicht wiederkamen.

Sie waren alle heilfroh, als sie hörten, dass ich auf den Berg gehen wollte, um sie von diesem unseligen Tier zu befreien, aber sie warnten mich auch, denn meine Aufgabe schien ihnen unmöglich.

Ich nahm mir eine Kuh als Lockvogel mit, wenn man das so sagen darf, und trieb sie den Berg hinauf, wo ich sie an einer langen Leine um einen Baum Band, während ich mich auf einen anderen setzte, um bessere Übersicht zu haben, wenn der Löwe auftauchte. Der aber ließ sich nicht blicken. Gegen Abend trieb ich die Kuh zurück ins Dorf und am nächsten Tag nahm ich mir ein neues Tier mit auf den Berg. Aber an diesem Tag war das Resultat ebenso schlecht. Ich versuchte auch an jedem Tag an neuen Stellen zu bleiben, um auf diese Art vielleicht einmal in die Nähe vom Aufenthaltsort des Löwen zu kommen, aber alles war vergebens.

Wir mochtes es etwa zehn Tage lang so getrieben haben, vielleicht auch schon zwei Wochen und mir wurde diese ganze Löwenjagd schon ziemlich langweilig. Ich fand, dass die größte Tugend eines Abenteurers wohl eine anständige Portion Geduld sein musste und dass mein ganzes Vorhaben viel weniger heroisch war, als ich anfangs glaubte. Da geschah es plötzlich und es geschah schnell.

Wir waren noch gar nicht weit den Berg hinaufgekommen - vielleicht war ich deshalb auch so unaufmerksam - sondern wir hatten erst den großen Felsen erreicht, wo sich der Weg teilt und wo es auch ein wenig eng ist. Ich trieb die Kuh heute rechts an diesem Riesenstein vorbei und war in meinen Gedanken zu Hause in Theben, als die Kuh plötzlich in vollem Galopp davonstob. Ich hatte das Seil, an dem ich sie führte, um mein Handgelenk gewickelt, um so einen besseren Halt zu bekommen. Vielleicht war es das, was mein Leben rettete. Denn durch den Ruck wurde ich von den Beinen gerissen und im Fallen drehte es mich halb herum, sodass ich das Stück des Weges sah, das wir gerade zurückgelegt hatten. Und da hockte der Löwe schon bereit zum Sprung und ließ aus seinem mächtigen Maul gerade ein abgrundtiefes Gebrüll erschallen.

Ich gebe ganz ehrlich zu, dass ich ein wenig Angst bekam. Ich rollte schnell zweimal die Böschung abwärts, gerade rechtzeitig, bevor der Löwe auf dem Platz niederschlug, wo ich gelegen hatte. Und ich kann bezeugen, dass man gute Nerven braucht, wenn solch eine wilde Bestie einen knappen Meter neben einem niederschlägt. Wir waren beide ungefähr gleich schnell, als wir uns neu orientierten; die Katze war schon dabei, sich auf die Hinterbeine zu stellen, als ich mit der Keule zuschlug. Aber statt dass ich den Kopf traf, wie ich es vorgehabt hatte, schlug ich nur auf die rechte Vordertatze. Das muss trotzdem ziemlich schmerzhaft gewesen sein, denn ein neues Brüllen ließ die Luft vibrieren. Nach dem halben Treffer hatte ich die Keule losgelassen, damit ich mich schneller zurückziehen konnte und gleichzeitig holte ich meinen Bogen über die Schulter. Der hatte, Gott sei Dank, den Fall gut überstanden und jetzt hatte ich großen Nutzen von den Schnelligkeitsübungen, mit denen mich Eurytos im Bogenschießen gedrillt hatte. Als reine Reflexhandlung glitt meine Hand in den Köcher, holte den Pfeil hervor und legte ihn ein, spannte den Bogen und schon flog der Schuss ab. Der erste Pfeil ging gerade in den Rachen, denn der Löwe hatte sich auch gesammelt und war schon wieder auf dem Sprung nach mir. Während ich selbst zur Seite floh, holte ich schon den nächsten Pfeil heraus und schoss ihn ab, als mein Gegner wieder auf der Erde aufschlug. Dieser Pfeil traf genau ins Ziel, schief hinter der linken Vorderpfote. Sicherheitshalber schickte ich aber noch einen dritten Pfeil nach, der das große Tier endgültig umriss. Es schlug noch ein paar Mal mit den Tatzen und lag dann still.

Natürlich wollte ich mir das schöne Fell als Erinnerung an diesen Kampf mitnehmen, deshalb begann ich gleich, der Bestie die Haut abzuziehen. Nachdem ich dann eine Weile gesucht hatte, fand ich auch die Kuh wieder. Sie schien alles gut überstanden zu haben, aber natürlich war es vollkommen unmöglich, sich ihr zu nähern, während ich das Löwenfell trug. Deshalb ließ ich die Kuh dort stehen und begab mich ins Dorf hinab.

Dort wurde ich wie ein großer Held gefeiert, und auch wenn ich manchmal verlegen war, war dies doch ein Gefühl, das an sich nicht unangenehm war. Der Kürschner des Dorfes nahm mir das Fell ab und dann musste ich dem einen Fest nach dem anderen beiwohnen. Die Menschen sparten wirklich nicht an Opfergaben für die Götter, sie meinten es sei viel besser, ihre Tiere zu opfern, als sie als Löwenfraß zu verwenden. Man wollte immer wieder von mir hören, wie es denn zugegangen war, als ich mich mit der Bestie herumschlug - zuletzt wusste jedes Kind um jeden Schritt, den ich auf dem Berg gemacht hatte.

Als ich das Löwenfell zurückbekam, freute ich mich sehr. Der Kürschner hatte tolle Arbeit geleistet, sodass ich das schöne Fell jetzt als Umhängemantel tragen und den Löwenschädel als Helm verwenden konnte. Diese Ausstattung gefiel mir vom ersten Augenblick an und sie trug dann natürlich auch noch zu meinem Ruhm bei, als mich die Menschen damit sahen. Gleichzeitig aber wunderte es mich schon ein bisschen, wie wenig es eigentlich bedarf, um ein Held zu werden...

Schließlich beschloss ich, dass es jetzt genug an Freudenszenen gegeben hatte und hatte vor, meine Schritte wieder gen Theben zu wenden. An dem Morgen als ich mich auf den Heimweg machte, stand jeder einzelne Einwohner des Dorfes am Wegrand, um Abschied zu nehmen.

Aber das Gerücht war viel schneller gewesen als ich selbst. Die meisten, denen ich auf dem Weg begegnete, wussten schon von meiner Tat und ganz apropos wurde ich nach Thespeia eingeladen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.


Bernhard Kauntz, Västerås 1998


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