DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Hausarrest


Ich hätte mir nie vorstellen können, dass König Kreon über die Nachrichten so entsetzt sein würde. Ich meine, es war mir ja klar, dass ich ein bisschen zu weit gegangen war, als ich die Gesandten von Orchomenos lächerlich machte - und sicher kann diese Situation auch zu größeren Schwierigkeiten führen, wenn die Minyer jetzt tatsächlich aus diesem Grund einen Krieg beginnen. Aber ich finde auch - in aller Untertänigkeit - dass Kreon ein bisschen feig ist. Wollen sie wirklich Krieg führen, na gut, dann bekommen wir endlich eine Möglichkeit, sie zu besiegen und brauchen dann die nächsten fünfzig Jahre den Tribut nicht mehr bezahlen.

"Du vergisst, junger Mann", hatte er mir geantwortet, als ich ihm meine Ansicht vorlegte, "du vergisst, dass wir laut dem Vertrag von damals nicht einmal eine Rüstung besitzen, geschweige denn tragen dürfen. Wie sollen wir ihnen da Widerstand leisten können?"

Klar, natürlich, das ist wahr, das ist ein Jammer. Aber dann wieder, dieses Verbot hätte man schon lange umgehen können, wenn man nur angefangen hätte, zeitgerecht nach Lösungen zu suchen. Der Tribut eines Jahres wiegt doch sicher die Rüstungen für jeden einzelnen Mann in Theben auf, der noch eine Lanze oder eine Keule halten kann. Man hätte die Rüstungen in einer der Nachbarstädte anfertigen lassen und sie dann dort auch lagern können, wenn man nun schon so große Angst hatte, sie nach Hause zu bringen. Dann hätte man sie jetzt nur holen brauchen und hätte den Minyern aufspielen können. Nur als Beispiel, also. Das wäre doch viel besser gewesen, als mich ins Gefängnis zu werfen. Naja, Gefängnis und Gefängnis.... Eingesperrt bin ich ja wirklich, aber man kann ein Gästezimmer des Palastes ja kaum mit einer Gefängniszelle vergleichen. Hier ist es doch ziemlich bequem und an Speise und Trank fehlt es mir auch nicht.

Er würde über die Sache nachdenken und dann sehen, was man machen könne, hatte Kreon zum Abschluss noch gesagt. Das war vorgestern. Ich muss jetzt wohl warten, bis er zu einem Ergebnis kommt - wenn es hier nur nicht so langweilig wäre!

* * * * * * * * * *

Mein Gott, wie glücklich ich bin. Das ist der schönste Tag meines Lebens! Ich kann noch gar nicht daran glauben! Ich könnte vor Freude das ganze Zimmer demolieren - aber das wäre wohl Unsinn. Aber ich bin so froh! Sie ist hier gewesen, meine geliebte Megara! Sie ist das mutigste und süßeste und liebste und listigste Mädchen, das es auf dieser Welt überhaupt gibt. Ich weiß nicht, wie sie es anstellte, den Wächter zu überlisten oder zu bestechen - auf jeden Fall war es sie selbst, die mit dem Essen zu mir kam.

Ich traute meinen Augen nicht, als die Tür aufging und sie dort stand, lächelnd und mit errötenden Wangen und mit einem Anrichtetablett in den schmalen, hübschen Händen. Ich muss wie ein Idiot ausgesehen haben, unvermögen mich zu bewegen starrte ich sie an, als ob sie ein Geist wäre. Sie ging, nein, sie glitt dem Tisch zu und stellte das Essen hin, dann wandte sie sich an mich. Und ihre Stimme erst! Die klang so hübsch wie ein ganzer Garten voller Silberglöckchen, die im Wind schaukeln.

"Ich bin nur gekommen um Dir zu sagen, dass ich es gut finde, was du mit den Minyern gemacht hast", sagte sie. "Ich finde, dass es mutig und tapfer war - und unter der Jugend Thebens gibt es noch mehrere, die dieser Ansicht sind, wenn meine Informanten nicht lügen." Sagte sie. Dann lächelte sie wieder und ich sah aus Versehen in ihre dunklen Augen. Und bei Zeus und Apollon und der ganzen übrigen Bevölkerung des Olymps, in diesen Augen lag eine Magie, die mir den kleinen Rest des Verstandes raubte, den ich noch besaß.

Ich warf mich vor ihr auf die Knie, umfasste ihre Beine und berauschte mich am Duft ihres Körpers. Ich beteuerte ihr meine Liebe, glaube ich, denn ich weiß nicht mehr, was ich sagte, ich weiß nur, dass ich voller Gefühl war. Ich weiß auch nicht, wie lange ich sie so umschlungen hielt, ich hatte den Sinn für alle Begriffe verloren. Schließlich strich sie mit der Hand über meine Haare.

"Ich muss jetzt gehen", hauchte sie, "ich darf nicht zu lange weg sein."

Benommen öffnete ich meine Arme und sah sie wegfliegen wie ein Schmetterling. Ein leichtes Winken der Hand, ein letztes Lächeln in der Tür, dann verschwand sie und mit ihr der Sonnenschein.

Aber - was konnte mein Herz mehr begehren? Meine Zweifel waren zerstreut, mein Traum wahr geworden! Sie nahm das Risiko auf sich, zu mir zu schleichen und sie nannte mich mutig und tapfer! Megara, ich gehöre Dir auf ewige Zeiten.

* * * * * * * * * *

Heute kam mein Vater auf Besuch, ja, ich meine natürlich Amphitryon. Er machte sein "Habe ich dir nicht schon hundertmal gesagt"-Gesicht, aber er verlor tatsächlich kein Wort über unbedachte Taten oder über Gefühle im Zaum zu halten, oder so....

Aber statt dessen erzählte er andere unlustige Dinge. König Erginus hatte neue Herolde geschickt und ließ ausrichten, dass er bereit sei, den Vorfall zu vergessen, wenn Kreon dieses Jahr doppelten Tribut zahle und außerdem den frechen Täter ausliefere, also mit anderen Worten mich.

"Und wenn er es tut, wenn er dich den Minyern übergibt", sagte Amphitryon mit leiser Stimme, "dann brauchst du dir keine Hoffnungen zu machen. Die schleppen dich nach Orchomenos, setzen dich jeder erdenklichen Schmach aus und richten dich dann hin."

Zu dem Schluss war ich selbst auch schon gekommen. Und ich muss ja zugeben, dass ich mir bessere Alternativen vorstellen konnte... Kreon hatte um 24 Stunden Bedenkzeit gebeten, morgen zu Mittag wollte er Bescheid geben. Vielleicht war das heute meine letzte Nacht in Theben, vielleicht das letzte Mal, dass ich Amphitryon traf. Ich spürte, wie die Verzweiflung durch jede einzelne Pore in meinen Körper eindrang.

"Aber er kann sich ja nicht einfach diese Behandlung gefallen lassen", schrie ich wild. "Doppelter Tribut! Das würde ja bedeuten, dass ganz Theben im kommenden Winter hungern muss!"

"Das schon", antwortete Amphitryon. "Aber er riskiert ja, dass Theben vernichtet und die Bevölkerung als Sklaven verkauft wird, wenn er nicht nachgibt. Es gibt einige, die den Hunger vorziehen, schätze ich."

Er sah mich ernst an. "Aber ich kann es nicht verhehlen, dass es auch Stimmen gibt, die dir die Stange halten und die meinen, dass jetzt eine gute Gelegenheit wäre, Revanche zu suchen. Ich gehöre wohl zu denen, aber es sind vor allem die Jüngeren, die auf deiner Seite stehen und allen voran ist wahrscheinlich Iphikles, der nach Entgeltung ruft. Es ist auch nur deswegen, dass Kreon sich Bedenkzeit auserbeten und dich nicht gleich übergeben hat." Er räusperte sich. "Iphikles hat auch einen Vorschlag, wie wir zu Rüstungen kommen könnten, aber das ist eben auch ein zweischneidiges Schwert..."

"Was denn? Was will er tun?"

"Er meint, dass wir ja die Rüstungen nehmen könnten, die in den Tempeln hängen, die unsere Vorfahren den Göttern geweiht haben."

"Ja! Logisch!" Ich strahlte.

"Nein, nein, so logisch ist es gar nicht. Man kann nicht einfach die Tempel schänden um sich zu nehmen, was den Göttern gehört. Das könnte ja ihren Zorn hervorrufen und das Kriegsglück von Haus aus gegen uns wenden."

Das war natürlich auch klar. Aber es würde uns trotz allem bessere Chancen geben. Die ganze Zeit, seit Amphitryon gegangen ist, habe ich hin und her überlegt. Ich finde, dass wir es wagen sollten. Wenn wir versprechen, die Rüstungen zurückzuhängen, dann plündern wir ja die Tempel gar nicht, sondern dann leihen wir sie nur aus, um einer guten Sache Willen. Das wäre auf jeden Fall besser, als wie ein Lamm zur Schlacht geführt zu werden.

* * * * * * * * * *

Oh Gott, oder besser gesagt Göttin! Denn auch wenn ich noch ganz verwirrt bin, glaube ich doch, dass es Pallas Athene war, die hier war. Zwar in der Gestalt eines Jünglings, aber ich hörte deutlich vor dem Fenster eine Eule schreien, während sie hier im Zimmer stand.

Jetzt kann nichts mehr schiefgehen, jetzt muss auch Kreon einsehen, dass es der Wille der Götter ist, dass wir kämpfen sollen! Diese wunderbare Rüstung, die sie mir schenkte, muss auch für den größten Zweifler als Beweis genügen.

Was für Erlebnis! Ich war schon eingeschlafen, denn als ich erwachte, stand er/sie schon beim Bett und sprach zu mir.

"Habe keine Angst, Herakles, ich will dir kein Leid. Ich bin gekommen um dir ein paar Hilfsmittel zu bringen, damit du die begonnene Tat auch zu Ende führen kannst."

Ich war noch immer viel zu schlaftrunken, um zu verstehen, was sie meinte, ich sah nur einen jungen Mann dortstehen, der jetzt mit einer grazilen Handbewegung zum Tisch zeigte. Und da sah ich, dass es im Schein des Talglichtes aufblinkte.

Und während ich mich bemühte ein wenig besser zu sehen und meinen Blick auf den Tisch konzentrierte, nahm sie die Gelegenheit wahr, um zu verschwinden.

Aber welche Rüstung ich auf dem Tisch vorfand. Vom Helm bis zu den Schienbeinschützern war alles da, nahezu unfassbar schön bearbeitet. Und dann der Schild erst! Platten aus Bronze abwechselnd mit steifem, aber trotzdem elastischem Leder in vier Schichten! Der musste für irdische Waffen undurchdringlich sein. Von dem Gorgonengesicht aus Silberbeschlag auf der Vorderseite ganz zu schweigen - das allein musste ja einen Gegner schon in Schrecken versetzen. Ich frage mich ob da nicht sogar Hephaistos einen Finger mit in der Arbeit gehabt hat....

Aber wie das auch immer sein mag - wenn mich eine Gottheit mit solcher Ausrüstung versieht, muss es doch auch als Beweis genügen, dass die Götter unsere Sache unterstützen, da können sie uns auch nicht zürnen, wenn wir die geweihten Rüstungen aus den Tempeln nehmen. Das muss ja schließlich auch König Kreon einsehen.


Bernhard Kauntz, Västerås 1999


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