DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Glückliche Jahre


Gestern Abend habe ich mein altes Tagebuch wiedergefunden. Den Rest des Tages verbrachte ich damit, meine Aufzeichnungen von damals zu lesen, das war, ehrlich gesagt, recht interessant. Es ist ja schon ziemlich lange her, seit ich das geschrieben hatte und heute muss ich über meine damaligen Worte lächeln. Trotzdem hat mich die Lektüre so in den Bann gezogen, dass ich glaube, dass ich meine Tagebuchnotizen jetzt weiterführen werde; wenn ich einmal alt bin, kann es ja nett sein, das alles wieder zu lesen. Aber zuerst werde ich versuchen, kurz zusammenzufassen, was seither geschehen ist:

Zuallererst muss gesagt werden, dass Amphitryon noch am Leben ist. Iphikles behauptet, dass die Götter eine Hand im Spiel gehabt haben mussten, sonst hätte er nicht einmal den Heimtransport überleben können. Und ich bin derselben Meinung, weil ich hätte nicht gedacht, dass er auch nur eine Stunde lang überleben würde, als ich ihn in unserem Streitwagen liegen sah. Aber als ich nach der Verwüstung von Orchomenos nach Hause kam, lebte er noch immer, wenn auch nur gerade noch. Aber es ging ihm jeden Tag ein wenig besser und zwei Wochen später konnte er schon in seinem Bett sitzen. Und heute ist er, abgesehen von der bösen Narbe über der Hüfte, wieder ganz gesund.

König Kreon war natürlich über den Ausgang des Krieges sehr erfreut und wusste kaum, wie er mir seine Dankbarkeit bezeugen sollte. Er wollte mich mit Gaben überhäufen, aber ich ließ ihn verstehen, dass ich nach der Plünderung der feindlichen Stadt mehr als genug an weltlichen Dingen besaß - sodass ich wirklich keinen Bedarf an noch mehr Gerümpel hatte. Na, ganz so deutlich war ich wohl nicht, aber er verstand, was ich sagen wollte.

"Nun ja, Herakles", donnerte der König mit seinem Bass, "dann wünsche dir eben gerade was du haben willst - wenn ich kann, werde ich dir deinen Wunsch erfüllen."

Das war meine Chance. Jetzt oder nie. Ich stellte mich auf die Knie, damit ich nicht dauernd auf ihn hinuntersehen musste und sagte:

"Dann, mein König, bitte ich, um die Hand Megaras, Ihrer Tochter, anhalten zu dürfen."

Das überraschte ihn schon ein wenig. Er brauchte eine Weile um meine Worte zu verdauen und ich war schon am Überlegen, ob ich ihm ein zu großer Raufbold sei, als dass er mich als Schwiegersohn haben wolle. Aber andererseits konnte er ja auch nicht gern sein Versprechen zurücknehmen, vor allem nicht vor all diesen Leuten, die sich im Audienzsaal befanden. Und als man Megara geholt hatte und er sah, wie sie sich in meine Arme warf, beruhigte er sich wieder.

Im nächsten Frühjahr heirateten wir dann und ich kann es gar nicht beschreiben, wie glücklich wir waren, ja, noch immer sind. Jetzt haben wir auch Kinder, zwei liebe Buben, und ein drittes ist unterwegs. Ich mag sie wirk- Oh Gott, was ist das? Schon wieder ein Erdbeben! Es darf ja gar nicht wahr sein, wie viele solch erschreckende Dinge jetzt geschehen. Am Himmel sieht man auch so komische Zeichen, man könnte ja glauben, dass der Weltuntergang heranrückt....

Aber, wie gesagt, ich mag meine Kinder wirklich und die haben ihren Papa auch gern. Aber das ist ja nichts gegen Iolaos, den Ältesten von Iphikles, der liebt mich ja abgöttisch! Es ist übrigens spaßig, dass sie einander so ähnlich schauen, unsere Kinder, dunkelbraune, widerspenstige Haare und braune Augen haben sie auch alle - die perseidischen Züge scheinen ziemlich dominant zu sein.

Megara ist eine wunderbare Frau und eine ebenso wunderbare Gattin - aber das war mir ja klar, sonst hätte ich mich ja nicht um sie bemüht. Sie ist immer gut aufgelegt und lieb zu den Kindern, obwohl sie ihnen auch klare Grenzen setzt. Und sie versteht auch sehr wohl, dass ich manchmal ein wenig Freiheit brauche; es kommt sogar vor, dass sie selbst mich dazu auffordert, doch einmal ein paar Tage zur Jagd zu gehen, wenn sie merkt, dass ich ungeduldig und rastlos werde. Und sie beklagt sich auch nicht, wenn ich mit Iphikles einmal eine Tavernenrunde vornehme. Sie ist auch auf eine andere Art wunderbar - aber ich will ja nicht allzu indiskret sein....

Sonst ist wohl nicht so viel geschehen, es war eine ruhige und schöne Zeit, die wir miteinander verbracht haben und ich hoffe wirklich, dass es den Rest unserer Tage auch so bleibt.

Ja natürlich, den Tempel muss ich ja auch noch erwähnen, den ich von der Kriegsbeute aus Orchomenos bauen ließ. Der steht jetzt fertig, zu Ehren von Zeus, stattlich und schön, 16 Säulen lang. Dennoch sind mir genug Reichtümer geblieben, sodass es für uns mehr als genügt - ich habe also nicht den geringsten Grund, unzufrieden zu sein.


Bernhard Kauntz, Västerås 1999


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