DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Perseus


Als ich auf mein Zimmer zurückkam, erwartete mich eine freudige Überraschung. Außer einer Tasse Nektar wartete dort nämlich auch Hebe auf mich.

"Da bist du ja", grüßte sie mich spöttisch. "Ich dachte schon, du wärest wieder zurück auf die Erde verschwunden."

"Aber gar nicht, Mädchen", antwortete ich und umarmte sie, was mir mein ganzes Innenleben durcheinanderbrachte. Sie war so zärtlich und geschmeidig und einladend und sie tat überhaupt nichts dazu, um mein Verlangen und meine Lustgefühle zu zügeln. Aber der Gedanke an Megara brachte mich wieder zur Besinnung und ich löste langsam ihre Arme von meinem Hals. Eine Sekunde lang glitt die Enttäuschung wie ein leichter Schatten über ihr Gesicht, aber dann kam erneut der Glanz in ihre Augen und sie meinte auffordernd:

"Heute bist du dran mit dem Erzählen."

"Na, aber...", stotterte ich. "ich kann gar nicht gut erzählen. Du kannst das viel besser." Darauf wollte sie aber nicht eingehen, und wer kann einer charmanten und verführerischen Frau auf Sicht schon einen Wunsch abschlagen?

"Ja, aber... was soll ich denn erzählen", sagte ich schließlich. "Du kennst doch sicher alle Geschichten."

"Ach, weit gefehlt", antwortete sie. "Ich weiß zwar viel von dem, was hier heroben im Olymp geschieht, oder auch sonst unter den Göttern. Aber auf der Erde passiert so viel, wovon ich überhaupt keine Ahnung habe. Erzähle doch zum Beispiel von deinem Stammvater, da weiß ich überhaupt nicht, was passierte, nachdem unser Vater Danae als Goldregen besucht hatte." Sie kicherte. "Wie romantisch, übrigens, meinst du nicht?"

"Du meinst Perseus", sagte ich schnell, um mich an die Tatsachen zu halten und von dem Zwinkern, das sie zusammen mit dem Wort "romantisch" abfeuerte, nicht allzu hingerissen zu werden. Was willst du über ihn wissen?"

"Alles", antwortete sie. "Ich weiß nur, dass er der Medusa den Kopf abgeschlagen hat, aber nicht warum oder wie. Ich weiß auch nicht, was er als Neugeborener - zusammen mit seiner Mutter - in einer Kiste auf dem Meer gemacht hat."

"Na, da fangen wir wohl am Anfang an." Ich setzte mich bequem hin, nahm einen Schluck Nektar und erzählte.


Gossaert: Danae

"Der Großvater von Perseus hieß Akrisios und war König von Argos. Ihm war vorausgesagt worden, dass er durch die Hand seines Enkels umkommen würde - das war ja der Grund, warum er Danae, sein einziges Kind, im dem Turmzimmer einsperrte, wo Zeus sie besuchte. Er wollte ihr ganz einfach jede Möglichkeit nehmen, während seines Lebens ein Kind zu bekommen. Und als sie dennoch ihren Jungen gebar, ließ Akrisios eine Kiste zimmern, setzte Mutter und Kind hinein und übergab sie dem Meer. Aber genau wie alle anderen, denen ein Orakel ihr Schicksal vorausgesagt hatte, konnte er dem seinem auch nicht entgehen. Es geschah zwar viele Jahre später, Perseus war schon erwachsen und Akrisios ein sehr alter Mann, als ihn der Diskus traf, den Perseus bei einem Wettkampf wegschleuderte."

"Ach", sagte Hebe. "War er ihm aus der Hand geglitten, sodass er schief ging?"

"Nein, gar nicht. Es war so, dass ihn Perseus so weit warf, wie es niemand für möglich gehalten hatte. Deshalb sassen dort schon die Zuschauer, im Glauben, dass es dort ganz sicher sei.
Aber weil alles so schlecht ausgegangen war, verzichtete Perseus auf den Thron von Argos und gründete Mykene." Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Nektar.

"Aber zurück zur Kiste mit Danae und dem kleinen Perseus", setzte ich meine Erzählung fort. "Sie wurde nach einiger Zeit auf der Insel Seriphos an Land gespült, wo sie von einem Fischer gefunden wurde. Dieser hieß Diktys und war ein Bruder des Königs der Insel, Polydektes. Diktys übernahm die Fürsorge von Muter und Sohn und Perseus wuchs zu einem stattlichen Jüngling heran, mit ungewöhnlichen Kräften. Man konnte das Erbe von Zeus nicht übersehen."

"Da gibt es noch mehrere Beispiele", lächelte Hebe und zwinkerte wieder. Sie war nicht nur äußerst nett, sie konnte auch das Ego der Leute aufbauen. Ich lächelte dankbar zurück und sprach weiter:

"König Polydektes hatte begonnen, Danae seine Aufwartung zu machen. Danae war auch im reifen Alter eine außerordentliche Schönheit, aber sie war von den Annäherungen des Polydektes nicht so erbaut. Und als ihr Sohn Perseus einmal über die Hemmungen der Pubertät hinausgewachsen war, soll er den König mehr oder weniger forsch darauf hingewiesen haben. Klar, man muss ja einsehen, dass Polydektes sich darüber nicht gerade freute, sondern dass er versuchte, es dem vorlauten Jungen heimzuzahlen. Deshalb gab er Perseus den Auftrag, den Kopf der Medusa zu holen, eine Aufgabe, die man ja normalerweise nicht anstrebt."

"Nein, wirklich nicht!" Hebe gab mir recht. "Vor den Gorgonen soll man sich hüten. Ein tiefer Blick in die Augen und man beendet seine Tage als Steinstatue. Dass Perseus es überhaupt wagte. Er opferte damals zwar den Göttern und bat um Hilfe, aber trotzdem..."

"Ja, genau", fiel ich ihr ins Wort, "von wem bekam er eigentlich die Hilfsmittel? Da gibt es unten auf der Erde verschiedene Ansichten."

"Augenblick, lass mich mal sehen, ob ich mich daran erinnern kann." Hebe wickelte einen Finger in ihre Locken ein, während sie nachdachte.

"Das Spiegelschild bekam er von Athene - das wissen wir ja, weil sie ja noch heute das Gorgonenhaupt darauf trägt", half ich nach. "Und die geflügelten Sandalen muss er doch von Hermes geliehen bekommen haben, oder nicht?"

"Ja, das stimmt", antwortete sie. "Athene hatte auch Hades gebeten, ihm seinen Zauberhelm zu leihen. Den, der den Träger unsichtbar macht. Und soviel ich weiß, bekam er auch eine Zaubertasche, um den Kopf hineinzustecken, aber ich kann mich ehrlich nicht daran erinnern, von wem. Ich glaube, es war von einer Nymphe. Aber dann musste ja der Perseus die Arbeit selbst verrichten. Wie schaffte er das eigentlich?"

"Wie er den Weg fand, meinst du?"

"Ja, das auch, aber wie er ihr den Kopf abtrennen konnte, ohne versteinert zu werden. Und stimmt es, dass Pegasos geboren wurde, als Medusa geköpft wurde?"

"Nur mit der Ruhe", lachte ich. "Eins nach dem anderen. Den Weg fand er durch die Hilfe der Graien, den Schwestern der Gorgonen. All diese Ungeheuer waren ja Töchter des alten Meereskönigs Phorkys und der Bestie Keto, mit der er zusammenlebte. Kein Wunder, dass sie nur solche Ungeheuer zeugten. Die drei Graien hatten ja nur ein Auge und einen Zahn miteinander. Sie wollten natürlich den Weg nicht verraten, aber Perseus nahm ihnen ihr Auge weg und behielt es, bis sie zur Mitarbeit bereit waren."

Mich schüttelte es. Zuerst diese Karikaturen von Wesen, die er treffen musste, um dann den gefügelten Gorgonen entgegenzutreten, mit ihren Schlangenhaaren und ihren ehernen Händen! Brrr. Aber bald war ja ich an der Reihe, vielleicht noch schlimmeren Ungeheuern ausgesetzt zu werden. Ich sammelte meine Gedanken wieder zusammen und erzählte weiter.

"Als er die Gorgonen gefunden hatte, waren diese ziemlich selbstsicher. Stheno und Euryale waren ja ohnehin unsterblich und Medusa rechnete sicher damit, dass Perseus schon lange vorher versteinert worden war, bevor er ihr etwas anhaben konnte. Aber ihre Rechnung ging nicht auf, weil Perseus das Schild als Spiegel benutzte, während er sich näherte. Und dann hieb er ihr mit dem Schwert den Kopf ab, bevor sie noch begriffen hatte, was ihr bevorstand."

"Das war gut gemacht", lobte meine Schwester. "Weil es ist ja gar nicht so einfach, etwas zu tun, wenn man in den Spiegel schaut. Da muss man sich ja verkehrt bewegen, also der natürlichen Bewegung ganz entgegengesetzt. Und wie war das jetzt mit dem geflügelten Pferd?"

"Ja, das ist auch ganz richtig", sagte ich. "Im selben Moment, als der Kopf fiel, entsprang Pegasos dem verstümmelten Körper der Medusa. Perseus hatte Glück, sowohl die Sandalen, wie auch den Helm zu besitzen, denn er konnte kaum den Kopf in die Zaubertasche stecken, bevor die Schwestern Medusas über ihn herfielen. Aber sobald er unsichtbar wurde, konnten sie ihm nichts mehr anhaben."

Ich stellte meinen leergetrunkenen Nektarbecher weg, lehnte mich zurück, atmete aus und fand, dass ich die Erzählung recht gut bewältigt hatte. Aber Hebe hörte noch nicht auf.

"Und am Heimweg traf er seine Liebste, nicht wahr?"

"Mhm", nickte ich.

"Ja, aber dann erzähl doch", forderte sie mich auf.

"Was soll ich denn erzählen, du kennst die Geschichte ja..."

"Nein. Ich weiß nur, dass er die Andromeda getroffen hat, aber nicht wie oder was. Erzähl doch weiter. Bitte!" Jetzt sah sie mich wieder so an - und ich erzählte weiter:

"Ja, das ist wohl schnell erzählt. Auf dem Weg nach Hause sah er an der Küste von Äthiopien ein schönes Mädchen, das ganz nackt an einen großen Felsen gebunden war, der aus dem Wasser herausragte. Natürlich stürzte Perseus sofort hin, um sie aus der misslichen Lage zu befreien. Wäre er auch nur Sekunden später gekommen, wäre es zu spät gewesen. Denn gleichzeitig mit ihm näherte sich ein großes Meeresuntier, dem man Andromeda hatte opfern wollen und Perseus musste erst eine Runde gegen das Ungeheuer kämpfen und es besiegen, bevor er die bezaubernde Frau befreien konnte, die ihn sofort in ihren Bann gezogen hatte."

"Gut, aber warum um alles in der Welt ist sie dort gestanden? Warum wollte man sie opfern?" Hebe war entrüstet. Offenbar hatte sie sich in die Rolle der Andromeda hineingelebt.

"Naja, grundsätzlich konnte sie das ihrer Mutter und deren Hochmut verdanken", erklärte ich das auch noch. "Kassiopeia, die Gemahlin des Königs Kepheus von Äthiopien, hatte schon lange die Geduld der Nereiden strapaziert, weil sie immer wieder ihre eigene Schönheit mit der der Meeresnymphen verglich. Schließlich wurde das dem alten Meeresgott zuviel und er verwüstete das Land mit einer Sturmflut und schickte die Bestie, um die Küsten zu verheeren. Ein Orakel versprach dem Kepheus, dass diese Verheerungen aufhören würden, wenn er seine Tochter dem Untier opferte. Und er fand wohl das Königreich wichtiger als die Tochter, sodass er zu dem Opfer bereit war."

Guiseppe Cesari, gen. Cavaliere d'Arpino,
Perseus befreit Andromeda, 1602,
Kunsthistorisches Museum in Wien
"Schrecklich", ließ sich Hebe vernehmen. "Kein Wunder, dass sich die Menschen heute so benehmen, wenn sie solche Gene in ihrem Erbe haben.... Aber was dann? Du hast gesagt, dass Perseus sich sofort in sie verliebte. Aber mochte sie ihn auch?"

"Ich glaube doch, dass jeder, der aus ihrer Situation befreit wird, den Retter verehren würde." Ich schüttelte den Kopf. "Aber so leicht war es trotzdem nicht für die beiden. Denn auch, wenn sie einander mochten, hatte man Andromeda schon dem Phineus versprochen, den Andromeda aber eigentlich gar nicht leiden konnte. Aber der gute Phineus machte natürlich seine Ansprüche geltend, er hatte ja die Möglichkeit, sich eine Königstochter zu angeln und dadurch auch Macht und Ehre. Deshalb suchte er seine Anhänger zusammen und zog gegen Perseus, um Andromeda zu holen."

Ich sah, wie Hebe sich vor Spannung zusammenkrümmte. Das war anscheinend eine Geschichte, wie sie Frauen so richtig mögen. Um sie ein wenig zu ärgern, machte ich eine Pause. Aber ich hatte kaum den Gedanken fertiggedacht, da stieß Hebe hervor:

"Na? Und? Was geschah weiter?"

"Ja, Perseus hatte ja noch ein As im Ärmel", lächelte ich. "Er zeigte Phineus und seinem Gefolge nur das Haupt der Medusa. Seither hat keiner von ihnen auch nur mehr mit dem Finger gewackelt. Dasselbe machte er übrigens dann daheim mit Polydektes, weil der auch weiterhin Danae mit seiner Aufwartung belästigt hatte. Danach wurde Diktys König auf der Insel und Perseus schenkte Athene den Kopf der Medusa."

Ich schlug mit den Armen aus.

"Und jetzt weißt du wirklich alles, was ich über Perseus erzählen kann." Ich sagte es ein wenig theatralisch, um den Einsatz, den ich soeben vollbracht hatte, zu unterstreichen, aber ich wurde auch sogleich mit einem ganz speziellen Lächeln von Hebe belohnt.


Bernhard Kauntz, Västerås 1999


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