DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Ankunft in Athen


Am nächsten Morgen gingen wir schon im Morgengrauen los, um noch eine Übernachtung im Freien zu vermeiden, bevor wir unser Ziel erreichten. Wir hatten gutes Wetter und kamen auch gut voran, sodass wir schon am Nachmittag in der Ferne die Akropolis erblickten. Da kam Hylas auf die Frage zurück, die wir gestern besprochen hatten:

"Jetzt hast du zwar einen Teil über die Jugendjahre des Theseus erzählt, aber kein Wort darüber verloren, wie ihr euch getroffen habt oder was ihr zusammen erlebt habt."

"Du bist ziemlich neugierig, junger Mann", lachte ich, fing aber dennoch zu erzählen an. "Es gab einen üblen Wegelagerer, der Prokrustes hieß. Er hatte die unangenehme Angewohnheit, Reisende in sein Haus einzuladen und in seinem Bett schlafen zu lassen, wo er sie ermordete und ihre Habseligkeiten raubte. Es wird behauptet, dass denen, die für sein Bett zu groß waren, die Beine abgehackt wurden, während die Glieder der Kleinen so lange gestreckt wurden, bis sie daran starben.
Ich hatte mich aufgemacht um mir diese Bestie näher anzusehen, um vielleicht auch den Übeltaten ein Ende setzen zu können. Aber bevor ich noch hinkam, traf ich Theseus, der schon erledigt hatte, was ich ausführen wollte. Vom ersten Augenblick an kamen wir gut miteinander aus. Wir zogen gemeinsam auf ein paar Abenteuer aus, bevor er sich schließlich nach Athen begab, um seinen Vater zu treffen."

Ich lächelte über meine eigenen Erinnerungen. Das war eine nette Zeit gewesen, die wir miteinander verbracht hatten. Zwei Jugendliche voller Kraft und Übermut - wir fühlten uns, als ob die Welt uns gehörte.

"Und hast du ihn auch nachher noch gesehen?" Die Stimme von Hylas holte mich in die Wirklichkeit zurück.

"Ja, im Jahr darauf lud er mich nach Athen ein; ich bin also schon früher dort gewesen", sagte ich und zeigte auf die felsige Anhöhe, die immer höher in den Himmel ragte, je näher wir kamen. "Damals wurde die Stadt von Amazonen angegriffen, die weit vom Osten her gekommen waren. Aigeus hatte sich in der Woche vorher bei der Jagd verletzt, sodass er sich kaum bewegen konnte. Deshalb durfte Theseus die Verteidigung der Stadt anführen und ich half auch dabei. Es wurde ein ziemlich einfacher Sieg und wir eroberten viele Gefangene, die später als Sklavinnen verkauft wurden. Außer einem der Mädchen; sie war eine Art Prinzessin in ihrer Heimat, Hippo... Hippolone? Nein, Hippolete.... nein, das auch nicht." Ich schüttelte den Kopf. Wie schnell man doch vergisst!

"Nein, ich weiß nicht mehr, wie sie hieß. Sie durfte jedenfalls im Palast bleiben, wenn ich mich richtig erinnere. Ich glaube, dass sie Theseus recht gut gefallen hat und dass er ihr deshalb die Schande ersparen wollte, als Sklavin zu leben.
Auf jeden Fall wird es ganz großartig, meinen Freund wiederzusehen. Und du, Hylas, hältst dich im Zaum. Sei nicht zu neugierig und nicht zu frech und auch sonst nichts. Denk daran, dass wir hier Gäste sind und unsere Heimatstadt vertreten."

Innerlich lächelte ich. Hylas war ein braver Junge, er würde sich schon gut benehmen, aber es konnte nie schaden, einen Fünfzehnjährigen zu ermahnen - wenn auch nur sicherheitshalber.

Jetzt hatten wir den Berg erklommen und standen am Tor des Palastes, während eine Wache mit einer Nachricht unterwegs war, wer den König treffen wollte. Ich genoss die weite Aussicht, wurde aber recht bald darin unterbrochen, als Theseus selbst, ganz unköniglich, über die Stufen heruntergaloppierte und mich dann umarmte, dass mir der Atem ausging.

* * * * * * * * * *

Wir hatten ein paar Stunden Zeit bekommen, um uns den Reisestaub ein wenig abzuwaschen und wir konnten uns sogar eine Weile auf den Betten ausruhen, bevor uns ein Sklave abholte und uns in den Hof des Palastes führte, wo das Abendessen stattfand. Es war inzwischen Nacht geworden, sodass das Sternenlicht und der Feuerschein die einzige Beleuchtung waren. Ich sah, dass Theseus die Gesellschaft einer Dame hatte. Das war gar nicht so überraschend, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten, waren immerhin fünf, sechs Jahre vergangen. Ich hatte in dieser Zeit ja auch geheiratet. Auf jeden Fall schien sich Theseus eine ziemlich hübsche Begleiterin geangelt zu haben. Aber ich wurde sprachlos, als uns Theseus einander nicht vorstellte, sondern mit einem Lächeln sagte:

"Ja, und ihr zwei kennt euch schon seit langer Zeit."

Ich musste wie ein Fragezeichen dortgestanden sein, es war eine Schande, sich an eine so schöne Frau nicht zu erinnern, aber Theseus ließ mich eine gute Weile zappeln, bevor er, noch immer mit einem breiten Grinsen, hinzufügte:

"Ihr habt euch ja beim vorigen Mal getroffen, als du hier warst, Herakles. Du wirst dich doch an Hippolyte erinnern?"

Ja! Natürlich! Das war sie! Die Amazone! Aha! Da saß der Pfeil des Eros also noch tiefer als ich gedacht hatte! Die Gedanken in meinem Kopf gingen im Kreis, als sich alle Farbe in diesem Körperteil zu sammeln schien. Ich war für die Dunkelheit dankbar und stotterte ein paar verlegene Worte, bevor ich mich wieder fand und ihr dann Hylas vorstellte. Aber der Rest des Abends wurde dennoch sehr nett.

Die halbe Nacht war sicher schon vorbei, als ich endlich von meinem Auftrag zu erzählen begann. Ich beschrieb, wie ich Jason getroffen hatte und setzte dann mit seiner Erzählung fort. Aber ich weiß nicht, ob es an der späten Stunde lag, oder ob meine Erzählkunst es an Feuer ermangeln ließ, mir schien, als ob Theseus ziemlich uninteressiert aussah. Wenn ich kein größeres Engagement hervorlocken konnte, war die Chance ziemlich klein, dass ich ihn überreden konnte, mitzukommen. Erst als ich erwähnte, dass das goldene Vlies sich in Kolchis befand, setzte er sich plötzlich auf, kerzengerade:

"Was hast du gesagt", fragte er. "Hast du Kolchis gesagt?"

"Ja", antwortete ich verwundert. "Aber niemand weiß genau, wo es liegt."

"Das weiß ich auch nicht", gab Theseus zurück. "Aber von dort war doch dieses Weib, diese Hexe, die versuchte, mich zu vergiften."

Jetzt war ich völlig perplex. Wovon redete er eigentlich? Hatte er zu tief in den Weinbecher geschaut?

"Was denn", wollte ich wissen. "Wovon redest du? Wer will dich umbringen?"

Man sah, dass seine Gedanken aus der Erinnerung zurückkehrten.

"Jaaa." Er dehnte das Wort, wie um noch einen Augenblick des Nachdenkens zu gewinnen. "Es gibt nicht viele, die wissen, was passiert ist. Es ist also kein Wunder, dass du überrascht bist. Es geschah, als ich zum ersten Mal in Athen ankam, um meinen Vater zu treffen. Er war damals mit einer Frau zusammen, die Medea hieß. Durch ihre Verwandtschaft mit Kirke, die ihre Tante war, hatte sie ein wenig zaubern gelernt - deshalb bekam sie wahrscheinlich auch Vater an die Angel, nehme ich an. Hübsch war sie ja, das muss ich zugeben, aber sie war auch gemein. Und mich mochte sie überhaupt nicht. Zwischen uns bestand vom ersten Augenblick an eine Mauer."

Theseus Stimme brach ab, er schien wieder in die Tiefen der Erinnerung zu sinken. Ich beeilte mich, ihn zu fragen:

"Wie willst du das wissen? Kann es nicht sein, dass du nur eifersüchtig warst, weil sich dein Vater auch um sie kümmerte, statt dir all seine Aufmerksamkeit zu schenken? So etwas kommt vor, weißt du, sogar ziemlich oft."

Aber Theseus lachte nur roh über meinen Einwand.

"Ha!" Sollte ich eifersüchtig gewesen sein? Sie war es! Sie war es so stark, dass sie mich ums Leben bringen wollte. Schon am dritten Tag nach meiner Ankunft versuchte sie, mich zu vergiften. Nur Dank der alten Amme meines Vaters, die gerade noch rechtzeitig den schrecklichen Plan enthüllen konnte, bin ich noch am Leben. Die arme Frau musste ihre Loyalität damit büßen, dass sie in eine Ziege verwandelt wurde. Drei Jahre musste sie in Tiergestalt verbringen, bevor sie ihr Erdendasein abschloss!"

Die Bitterkeit in der Stimme meines Freundes war nicht zu überhören, gleichzeitig wurde er aber immer erregter, während er weitersprach.

"Wir servierten Medea ihren eigenen Trank und drohten, sie ins Gefängnis zu werfen, sollte sie ihn nicht austrinken. Aber sie weigerte sich natürlich. Da musste einer der herrenlosen Hunde von der Straße als Versuchsobjekt herhalten. Bevor wir ihm noch die Hälfte des Becherinhalts eingeflößt hatten, starb das arme Tier. Medea wurde natürlich sofort hinter Gitter gebracht, aber schon am nächsten Morgen war sie verschwunden, ohne dass jemand wusste, was geschehen war."

Theseus verstummte, aufgebracht vom Wiedererleben dieser tragischen Geschehnisse. Ich konnte es ihm nachfühlen, aber eines war mir noch immer nicht klar.

"Was hat das alles mit Kolchis zu tun?"

Theseus warf mir einen wilden Blick zu.

"Ja, aber sie ist die Tochter von König Aietes! Begreifst du jetzt?"


Bernhard Kauntz, Västerås 1999


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