DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Minotaurus


Als wir um die nächste Wegbiegung gekommen waren, sahen wir sofort, warum Theseus bis hierher gehen wollte. Rechts, von der Bergseite her, sprudelte eine Quelle mit ganz kristallklarem Wasser hervor und außerdem hatte eine Kaprize der Natur eine Sitzgruppe aus Stein erschaffen. Ein langschmaler, riesiger Stein mit einer ziemlich glatten Oberseite konnte als Tisch dienen und einige kleinere Steine bildeten Hocker.

Wir hatten uns viel Proviant mitgenommen und genaßen jetzt eine delikate Mahlzeit, die aus - einstweilen noch frischem - Brot, Salz, Zwiebel, Oliven und diversem geräucherten Fleisch bestand.

Leider wurde die Idylle vorzeitig unterbrochen, weil eine regenträchtige, graue Wolkenbank so schnell vom Südosten her aufzog, dass wir kaum Zeit hatten, alles einzupacken, bevor die ersten großen Tropfen fielen. Und dann wurde es schnell immer ärger. Der Regen wurde stärker, aber wir fanden nirgends einen Unterschlupf.

Ich setzte mir den Kopf meines Löwenfells als Haube auf und versuchte, den Rest so dicht wie möglich zusammenzuziehen, aber es half nicht viel. Nach einer Weile war ich genauso patschnass wie die beiden anderen. In einem Hain versuchten wir, uns an ein paar Baumstämme zu drücken, aber das war auch wertlos, weil es schon eine Weile geregnet hatte. Auch wenn das Laubwerk den Regen einigermaßen auffing, konnten die Blätter der Last nicht standhalten und bei jedem kleinen Windstoß kam ein ganzer Schauer von noch größeren Tropfen.

Wir gaben bald auf und marschierten am Weg weiter. Solche Verhältnisse sind natürlich nicht dazu geeignet, Geschichten zu erzählen, sondern wir wanderten schweigend dahin, während alle nach einem geeigneten Schutz gegen den Regen Ausschau hielten. Hylas entdeckte die Höhle zuerst.

"Schaut, dort", zeigte er mit der ausgestreckten Hand zum Gegenhang auf der linken Seite. "Ich glaube, das kann eine Höhle sein."

Jetzt sah auch ich durch die Regenkaskaden einen etwas dunkleren Fleck im Gestein auf der anderen Seite des Tales. Das konnte sehr wohl eine Höhle sein. Und auch wenn wir den Weg durch das kniehohe, nasse Gras nehmen und den Bach in der Mitte des Tales durchwaten mussten, konnten wir kaum noch mehr nass werden, als wir es ohnehin schon waren.

Aber dann war es schön, ein schützendes Dach über dem Kopf zu haben. Nachdem Hylas außerdem noch Holz geholt hatte und Theseus wohl zauberte, um von den nassen Ästen ein Feuer zu machen, nachdem wir unsere nassen Klamotten auf Astgabelungen um das Feuer herum aufgehängt hatten und als wir dort auch unsere Schlaffelle ausgebreitet hatten, um uns selbst zu wärmen, da war es eigentlich ganz gemütlich, draußen das Plätschern des Regens zu hören.

Und als unsere Sinne sich wieder geweitet und genug geöffnet hatten, um auch Zerstreuung zu suchen, fing Theseus selbst an, die abgebrochene Erzählung vom Vormittag weiterzuerzählen.

"Pasiphae war jetzt ja gezwungen, ihrem Gatten alles zu erklären, und auch wenn dieser über die Entwicklung nicht gerade erbaut war, so sah er doch ein, dass er selbst einen recht großen Anteil an der Schuld hatte, weil er den Stier des Poseidon nicht geopfert hatte, wie versprochen. Sie nannten das Monstrum Asterion, aber das Volk, das trotz aller Vorsichtsmaßnahmen schnell erfahren hatte, was im Palast passiert war, weigerte sich, dem Bastard einen gewöhnlichen Namen zu geben, sondern nannte ihn Minotaurus. Und das war auch der Name, der sich über die Welt verbreitete.

Ich sah zu Hylas hinüber, quer über das Feuer, und wieder begeisterte ich mich an seinen großen, dunklen Augen, in denen das Feuer mit seinen Schatten spielte, sodass sie fast ein eigenes Leben zu haben schienen, obwohl sie wie gebannt an Theseus Lippen hingen.

"Doch auch wenn König Minos seiner Gattin vergab", fuhr mein Freund jetzt fort, "war er dagegen äußert wütend auf Daidalos, weil der versucht hatte, Pasiphae zu helfen, statt die schreckliche Geschichte ihm, seinem König, zu berichten. Aber noch beherrschte sich Minos und gab Daidalos den Auftrag, ein undurchdringliches Labyrinth zu bauen, in dem man das Ungeheuer verstecken konnte.
Nun brauchte Daidalos einige Jahre, um mit dem Bau fertig zu werden und in dieser Zeit entdeckte man, dass der Minotaurus nicht nur ein genetisches Monstrum war, sondern auch ein soziales. Bald nach seiner Geburt weigerte er sich nämlich, gestillt zu werden und zeigte das ganz deutlich, indem er einer Amme die halbe Brust abbiss. Als man dann, durch den Schaden klug geworden, versuchte, ihn mit Hilfe einer Flasche zu ernähren, biss er alle, die es wagten. Eine Frau soll dabei zwei Finger verloren haben, die das Ungetüm nachher mit Genuss verzehrte."

Theseus stand auf, um noch etwas Holz zu holen, von dem wir im Hinteren der Grotte einen Vorrat angelegt hatten, der die ganze Nacht reichen sollte. Er hatte diese Pause sehr strategisch gewählt, weil er uns damit die Möglichkeit gab, über diese ungeheuren Tatsachen nachzudenken. Jetzt kam er zurück, legte einen Arm voll halbnasser Äste ins Feuer, sodass es knisterte und qualmte. Dann erzählte er weiter.

Eines Tages war der Minotaurus seinen Bewachern irgendwie entwischt. Man fand ihn später im Hühnerhaus, wo er inzwischen nicht nur alle Eier verspeist hatte, sondern auch die meisten Hühner. Und noch bevor er ein Jahr alt war, standen sowohl Lamm- wie auch Ziegenfleisch auf seinem Speisezettel, beides in ungekochter Form. Aber er weigerte sich konsequent, Rinderfleisch zu fressen. Als er etwa zwei Jahre alt war, begann er zu sprechen. Das hatte ihm niemand gelernt, denn alle versuchten ja, mit dieser Bestie so wenig Kontakt wie möglich zu haben."

Mir fiel ein, dass ich gehört hatte, dass Kinder im Alter von zwei Jahren ein Sprachgefühl entwickeln, unabgesehen davon, ob sie nun eine Sprache hörten, oder nicht. Damit stimmte Theseus Erzählung ja vollkommen überein.

"Er hatte wohl das eine oder andere mitbekommen", erklärte der Sohn des Aigeus jetzt, "und so viele Wörter brauchte er ja nicht zu können. Es genügte ja, um sein Essen zu bestellen; und dabei zog er es jetzt vor, die kleineren Tiere, wie Gänse und Hühner, lebend geliefert zu bekommen. Wenn er seinen Willen nicht durchsetzen konnte, endete es immer mit einem Rasereianfall, bei dem der Minotaurus ungeahnte Kräfte entwickelte und unter denen er ein ganzes Zimmer zu Kleinholz schlagen konnte. Es dauerte auch gar nicht so lange, bevor er mit seinen Hörnern auch Mauern forcieren konnte, um sich selbst das zu beschaffen, worauf er Appetit haben mochte."

"Warum kettet man ihn nicht an?" Hylas war so in die Erzählung vertieft, dass er in der Gegenwart sprach.

"Das konnte man nicht mehr. Man hatte das einmal getan, und sicher, die Kette hielt ihn zurück, aber nur, bis er die ganze Verankerung aus der Mauer gerissen hatte." Theseus schlug mit den Armen aus. "Seither durfte niemand in seine Nähe kommen."

"Aber warum tötet man ihn nicht?" Hylas ließ nicht nach, gefangen von der Bosheit im Wesen der Bestie.

"Das versuchte man auch. Aber Pfeile reichten nicht aus, weil seine Haut jetzt so dick geworden war - auch auf der menschlichen Hälfte des Körpers, sodass sie allen Versuchen widerstand. Und die Wenigen, die einen Nahkampf gewagt hatten, waren alle von dem Ungeheuer getötet worden." Theseus schwieg einen Augenblick lang, aber fügte dann hinzu: "Und aufgefressen."

Mir lief es kalt über den Rücken. Nicht so sehr darüber, dass ein Abenteurer im Kampf sein Leben verlor, das war nicht so tragisch. Das geschah ja hin und wieder, und dessen musste man sich ja bewusst sein, wenn man sich auf solche Dinge einließ. Nicht einmal, dass einige von ihnen von wilden Tieren aufgefressen wurden, störte mich, auch das war nicht so schrecklich - sondern der Anflug von Kannibalismus bei dieser Bestie, die ja zur Hälfte selbst Mensch war!

"Aber wie bekam man ihn dann in das Labyrinth hinein", fragte ich meinen Freund.

"Komischerweise willigte er selbst ein", antwortete er. "Nach einer Zeit merkte man ja, dass es am leichtesten war, mit ihm auszukommen, wenn man ihm seinen Willen ließ und das Essen herbeischaffte, das er haben wollte. Man konnte ja tatsächlich ein Gespräch mit ihm führen und in gewissem Grad auch an seine Logik appellieren. Er sah wohl selbst ein, dass er nicht in diese Welt passte, dass es vielleicht auch für ihn besser war, sich zurückzuziehen, statt überall, wo auch immer er sich zeigte, Unwillen und Feindlichkeit hervorzurufen. Als das Labyrinth endlich fertig war, nach fast vier Jahren, willigte er ein, dort einzuziehen. Und er versprach, auch die Mauern nicht zu ruinieren, so lange die Menschheit sich an ihren Teil des Abkommens hielt."

Ich wusste, welcher Teil das war, und vermutlich Hylas auch, denn die schweren Willküren waren allseits bekannt. Aber vermutlich stand Hylas auf der Leitung, denn er fragte jetzt:

"Und was war das für Abkommen?"

Theseus kniff den Mund zusammen, voller Bitterkeit, als er antwortete:

"Dass Minos jedes Jahr sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen unter achtzehn Jahren hineinschicken musste."

Wir saßen ein Weile schweigend da, dann meinte Theseus:

"Nun, jetzt ist es wohl Zeit, schlafen zu gehen. Draußen ist es schon ganz dunkel geworden. Wir können uns doch beim Wache halten abwechseln, sodass wir das Feuer nicht ausgehen lassen?"

Wir einigten uns darauf, dass ich die erste Wache übernehmen sollte, und ich benützte die Zeit dazu, alles niederzuschreiben, was heute geschehen war. Meine zwei Reisegefährten schlafen schon lange und draußen hat es aufgehört zu regnen. Jetzt ist es bald Zeit, Hylas zu der zweiten Wache zu wecken, sodass ich auch meine Glieder eine Weile lang ausstrecken kann.


Bernhard Kauntz, Västerås 1999


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