DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Ariadne


"Ich finde, du machst das sehr spannend", sagte ich am nächsten Morgen zu Theseus, als wir wieder weiterzogen. "Vor Tagen schon wollte ich dir wissen, wie du den Minotaurus besiegt hast, und jetzt weiß ich es noch immer nicht..."

"Ja, was willst du denn", verteidigte sich mein Freund entrüstet. "Ich habe doch jeden Tag erzählt. Und wir hatten uns ja darauf geeinigt, dass ich von Anfang an erzählen soll, nicht wahr, damit unserem jungen Freund" - er zeigte mit der Hand auf Hylas - "damit ihm die Zusammenhänge klar werden."

Damit hatte er natürlich vollkommen recht. Mir aber ging es wie dem Leser einer Erzählung, der nicht schnell genug lesen kann, um die Handlung voranzutreiben. Ich konnte, mit anderen Worten, meine Neugierde kaum mehr bezähmen.

Wir waren am Nachmittag zuvor in Theben angekommen und waren natürlich auch über Nacht geblieben, um die harten Lager der Natur wieder mit einem Bett vertauschen zu können. Aber die Zeit daheim verging so schnell, dass keine Zeit zum Erzählen geblieben war. Die Kinder freuten sich, dass wir zu Hause waren und sie kletterten die ganze Zeit auf uns herum. Am Abend wollte dann Megara den neuesten Klatsch aus Athen hören, sodass sich keine Gelegenheit geboten hatte, die Erzählung weiterzuführen. Aber jetzt - ich überlegte mir gerade, dass er heute wohl nicht mehr darum herumkommen konnte.

"Sag einmal, Herakles", unterbrach mein Freund meine Gedanken mit einem schelmischen Lächeln, "sind wir nicht unterwegs nach Orchomenos?"

"Ja, sicher", antwortete ich, nichts Böses ahnend.

"Da finde ich aber wirklich, dass du jetzt an der Reihe bist, mit dem Erzählen."

"Wieso denn? Was denn?" Ich begriff noch immer nicht.

"Na, wie du damals König Erginos den Tribut verweigert hast. Und am Ende die ganze Stadt eingeäschert hast."

Ich sträubte mich. Ich weigerte. Ich wand mich. Und ich gab nach. Also erzählte ich den ganzen gestrigen Tag lang. Heute dagegen, da auch Orchomenos hinter uns lag, gab es wirklich keinen Aufschub länger - und das sah Theseus selbst auch ein.

"Als ich nach Athen kam, war ich sechzehn Jahre alt", begann er. "Wie jedes Jahr wurde das Los geworfen, unter allen, die zwischen fünfzehn und achtzehn Jahre alt waren. Ich hatte Glück, es traf mich nicht. Ich war erst ein paar Wochen vorher angekommen, ich freute mich sehr über das Wiedersehen mit meinem Vater, aber ich sah auch die Verzweiflung derer, die ausersehen worden waren, dem Minotaurus geopfert zu werden. Ich sah auch das Leid der Eltern, als das Schiff abfuhr, und ich sah die Trauer, die über der ganzen Stadt lag. Denn jede Familie hatte inzwischen schon mindestens einen nahen Verwandten nach Kreta senden müssen. Da beschloss ich, dass ich mich im nächsten Jahr freiwillig melden würde, um zu versuchen, der Bestie den Garaus zu machen."

Mein Freund erzählte dann von den endlosen Diskussionen mit seinem Vater, die im nächsten Jahr stattfanden, von der Empörung des Aigeus, darüber dass sein Sohn sich das Leben nehmen wollte, bis zur Einsicht, dass es vielleicht wirklich die einzige Lösung war, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Er erzählte von den Reaktionen des Volkes, als es hörte, dass er sich freiwillig meldete, von der Bewunderung, die ihm gezeigt wurde, von der Erleichterung, weil es bedeutete, dass einer weniger ausgelost werden würde, und von der Betroffenheit, weil niemand daran glaubte, dass er den Minotaurus besiegen werden könne.

"Das Jahr verging viel zu schnell", sagte Theseus. "Plötzlich war es Zeit, abzusegeln. Das Schiff hatte aus Tradition schwarze Segel gesetzt, als Symbol für die Fahrt des Grauens. Vater hatte aber auch weiße Segel mitgeschickt, die ich bei der Heimfahrt hissen solle, sei ich noch am Leben. Das war gut, denn es zeigte mir, dass er wenigstens an diese Möglichkeit dachte, dass er wenigstens die Hoffnung hegte. Denn, ehrlich gesagt, hatte mich das gezeigte Mitleid der Athener schon einen Teil meines Selbstvertrauens gekostet. Deshalb konnte ich jede mögliche Ermunterung wirklich brauchen. Dass die weißen Segel dann dennoch ein Unheil waren, wusste ich ja nicht. Doch davon später."

Theseus erzählte kurz von der Reise, vom Trübsal an Bord, vom Wehklagen der vom Los getroffenen und von seinem Kampf mit sich selbst, um selbst nicht den Kopf zu verlieren, sondern den Mut beizubehalten. Er sagte, dass das Schiff gute Fahrt machte und dass sie deshalb schon zwei Wochen vor dem ersten Opfergang in Knossos ankamen.

"In Knossos wurden wir vor den König geführt, der uns der Reihe nach musterte und uns dann erklärte, dass wir..., dass je einer von uns im Abstand von vier Wochen ins Labyrinth zum Minotaurus geschickt werde. Er erklärte weiter, dass wir keine Gegenstände, welcher Art auch immer, ins Labyrinth mitnehmen durften, dass wir demnach dem Minotaurus auch nackt ausgeliefert sein würden. Eines der Mädchen sollte den Anfang machen und dann würde immer ein Junge und ein Mädchen abwechselnd an die Reihe kommen, während die letzten zwei zusammen hineingeschickt werden würden."

Theseus hielt an und schüttelte einen kleinen Stein aus seiner Sandale, während er weitersprach:

"Wir bekamen jeder ein eigenes Zimmer angewiesen und durften uns frei in der Stadt bewegen, allerdings galten die Stadttore als die äußerste Grenze für unsere Freiheit. Wir wurden auch sonst gut behandelt, ja, wir aßen sogar im selben Raum wie die Königsfamilie, obwohl natürlich an einem anderen Tisch. Dort sah ich sie auch zum ersten Mal."

Mein Freund verstummte. Ich geduldete mich eine Weile, aber die Pause wurde länger und länger. Schließlich musste ich fragen:

"Wen hast du gesehen?"

Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbildete, aber mir kam vor, als ob Theseus Stimme ein wenig heiser klang, als er wieder das Wort ergriff. Vielleicht hatte er sich aber auch nur verschluckt.

"Wen ich dort sah? Das bezauberndste Mädchen, das es auf dieser Welt je gab oder geben wird. Unsere Blicke trafen sich bei diesem ersten Abendessen und mir war, als wäre ein Blitz durch meinen Körper gefahren. Ich merkte, dass es ihr ähnlich erging. Ihre schönen, großen Augen wurden noch größer und ich sah, wie sie vor Überraschung zusammenzuckte. Das war Ariadne, die älteste Tochter des Königs. Wir waren von diesem ersten Augenblick an ineinander verliebt."

Ich nickte, weil ich mich erinnerte, dass es mir ebenso ergangen war, als ich Megara zum ersten Mal gesehen hatte.

"Natürlich waren sowohl die Gattin von Minos, Pasiphae, als auch seine jüngste Tochter, Phaidra, anwesend", setzte Theseus fort, "aber ich bin nicht sicher, dass ich sie wirklich wahrgenommen habe, genau so wenig wie das Essen, das man vor mich hinstellte. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich nur an sie denken konnte."

Ich sah meinen Freund von der Seite her an. Ob das gut für ihn war, dass er sich so tief verliebt hatte? Wäre es nicht besser gewesen, sich auf die schwierige Aufgabe zu konzentrieren, die ihm bevorstand? Aber man kann leicht reden, wenn man alles nur von außen erlebt. Theseus erzählte inzwischen, wie er Ariadne am nächsten Tag traf und wie sie sich ein heimliches Stelldichein ausmachten, dem dann viele weitere folgen sollten.

"In diesen Nächten erzählte mir Ariadne die ganze schreckliche Wahrheit über die Entstehung und Entwicklung des Minotaurus", sagte Theseus. "Sie erzählte mir auch, dass sie schon oft ihren Vater gebeten habe, doch endlich etwas gegen diese Bestie zu unternehmen, aber dass er sich nur auf den Vertrag ausredete und vor den entsetzlichen Folgen warnte, sollte der Anschlag misslingen. Außerdem meinte sie, dass ihr Vater diese Schreckensherrschaft vielleicht sogar genoss, weil sie sein Königreich irgendwie hervorhob."

Theseus lächelte plötzlich, als ob er gerade an etwas besonders Nettes dachte.

"Ich hatte ihr bisher nicht gesagt, dass ich gekommen war, um den Minotaurus zu besiegen", erklärte er uns jetzt. "Aber als ich es tat, wurde sie fast verrückt vor Freude. Sie herzte und küsste mich und versprach, dass sie alles tun würde, um mir zu helfen. Das tat sie dann auch wirklich. Zunächst erzählte sie mir, dass vor drei Jahren ein junger Mann versucht hatte, den Minotaurus zu töten, dass das aber leider misslungen sei. Sie wusste jedoch, dass dieser junge Mann nahe am Eingang des Labyrinths ein paar Steine der Mauer gelockert hatte, um dort eine Waffe verstecken zu können. Am nächsten Tag machte ich mich auf, um dieses Versteck zu suchen."

"Augenblick", unterbrach ich. "Das verstehe ich nicht. Dieses Versteck konnte ja nicht ganz offen liegen, sonst hätte es ja jeder gesehen. Es muss also drinnen im Labyrinth gewesen sein. Wie bist du denn da hineingekommen?"

"Ariadne hatte mir einen Schlüssel gegeben, den sie sich vor drei Jahren schon beschafft hatte", antwortete mein Freund. Gleich nach der ersten Abzweigung links gab es ein stabiles Gittertor. Bis dorthin führte man die Opfer und schloss sie dann dort ein. Außerdem hatte Daidalos noch ein paar Vorsichtsmaßnahmen getroffen, als er das Labyrinth gebaut hatte, aber zum Glück wusste ich das nicht. Ich ging also, um das Versteck zu suchen."

"Hattest du denn keine Angst vor der Bestie?" Hylas ließ den Mund offen stehen.

"Oh doch, und wie", gab Theseus ohne weiteres zu. "Aber ich musste ja versuchen, mir so viele Vorteile zu verschaffen, wie nur möglich, wenn ich eine Chance haben wollte. Ich sagte mir aber auch, dass das Versteck nicht so weit hinter der Tür liegen konnte, weil mein Vorgänger sicher auch Angst gehabt hatte. Außerdem hatte ich Glück, weil ich es ziemlich schnell fand. Ich konnte es nicht bleiben lassen, diesen tapferen Kerl zu bewundern, der die Steine gelockert hatte. Man konnte sie jetzt einfach herausheben und fand dahinter genug Platz, um ein Schwert hineinzulegen. Diese Arbeit musste ihn viel mehr Zeit gekostet haben, als mich. Und darum war er nicht zu beneiden gewesen, denn mir war schon ziemlich mulmig zumute, bevor ich endlich wieder hinausgehen konnte."

Dann erzählte mein Freund weiter von Ariadne, von all ihren Vorzügen und von ihrer gemeinsamen Liebe, die aber durch den bevorstehenden Kampf überschattet wurde.

"Sie brachte mir ein Schwert, das ich in der Mauer versteckte, und dann brachte sie mir noch etwas." Theseus schmunzelte. "Sie brachte mir etwas, was mir ganz sicher half, mein Leben zu retten. Sie brachte mir einen großen, roten Wollknäuel."

"Aber... wie hat dir der helfen können?" In Hylas Stimme lag Unglauben. "Ich meine, ein Wollknäuel reichte doch nicht aus, um diese Bestie festzubinden, oder?"

"Nein, das nicht", lachte Theseus. "Aber er half mir, mich in dem Labyrinth zu orientieren, was ein großer Vorteil war. Außerdem stärkte das auch mein Selbstvertrauen. Aber das erzähle ich euch später, jetzt ist meine Kehle schon ganz ausgetrocknet."


Pelagi: Ariadne gibt Theseus den Faden


Bernhard Kauntz, Västerås 2000


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