DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Der Kampf mit dem Minotaurus


"Und da stand ich, nackt, wie mich die Götter erschaffen hatten, und hörte, wie der Schlüssel sich im Schloss drehte und mich im Labyrinth einsperrte - zusammen mit dieser Bestie. Durch den steinernen Gang hörte ich noch immer Ariadnes heftiges Schluchzen von draußen. Aber ich versteinerte mein Herz, jetzt galt es, ausschließlich den Verstand zu gebrauchen. Wenn mir das nicht gelingen sollte, wären auch alle zukünftigen Herzensangelegenheiten erledigt."

Theseus saß uns gegenüber, sodass sowohl Hylas als auch ich sein Minenspiel und seine Gestik voll mitbekamen. Endlich war es soweit! Endlich war Theseus zum Kernpunkt seiner Erzählung gekommen, endlich würde ich erfahren, wie es ihm gelang, den Minotaurus zu überwältigen.

Wir hatten gerade zu Mittag gegessen, als uns wieder ein Regenguss überraschte. Diesmal fanden wir aber sofort Schutz unter einem Felsvorsprung und Theseus benutzte die Zeit, um seine Erzählung fortzusetzen. Schon am Vormittag hatte er berichtet, wie Klemate, ein hübsches Mädchen von siebzehn Jahren, zwei Wochen früher dem Minotaurus ausgeliefert worden war.

"Sie war um Fassung bemüht", hatte mein Freund erzählt, "und sie hatte keine Träne vergossen, als man sie ins Verlies führte. Dann war es lange still. Aber dann kamen plötzlich schrille, entsetzte Schreie, die über die ganze Stadt hin zu hören waren. Mir war es, als ob mir das Blut in den Adern gefriere. Ich verstehe nicht, wie die Menschen von Knossos damit leben konnten, alle zwei Wochen einem solchen Schrecken ausgesetzt zu sein."

Dann hatte uns der große, athenische Held erzählt, dass er umgehend zu König Minos gegangen war, um sich für den nächsten Opfergang freiwillig anzumelden. Er hatte uns auch geschildert, wie schrecklich es danach war, den festgesetzten Termin zu wissen, besonders während den letzten Tagen. Außerdem war man drei Tage vorher auf die heimliche Liebe zwischen Ariadne und ihm aufmerksam geworden, was bedeutete, dass er in diesen schweren Stunden nicht einmal ihren Trost verspüren konnte. Der König hatte höhnisch gemeint, dass seine Tochter wohl mehr wert sei, als gewöhnlichen Opferfraß für den Minotaurus. Und ich begriff immer mehr, wie sehr Theseus diesen König hassen musste.

Jetzt aber hatte ich mein ganzes Augenmerk auf meinen Freund gerichtet; versuchte, mir das Geräusch vorzustellen, das der drehende Schlüssel verursacht hatte, und das Gefühl, jetzt mit dieser menschenfressenden Bestie allein zu sein.

"Es gelang mir, mich zu beherrschen", sprach mein Freund weiter, "und alle Gefühle auszuschalten. Ich wartete, bis mein Henker um die Ecke gebogen war, dann nahm ich die gelockerten Steine aus der Mauer und holte das Schwert und den roten Wollknäuel hervor, den mir Ariadne gegeben hatte. Ich knüpfte ein Ende des Fadens an der bronzenen Gittertür fest und dann ging ich los, hinein ins Labyrinth."

Ich hörte, wie Hylas neben mir kräftig den Atem einsaugte, aber ich muss gestehen, dass auch ich ganz erstarrt dasaß und mit großen Augen an den Lippen meines Freundes hing.

"Ich kam aber nicht weit", sagte Theseus jetzt. "Und erst jetzt konnte ich mir ausmalen, welches Glück ich gehabt hatte, als ich nach dem Versteck in der Mauer gesucht hatte. Zwei Schritte weg von der Tür gab nämlich plötzlich der Boden unter meinen Füßen nach und ich fiel haltlos ein paar Meter in die Tiefe. Ober mir schwang die Falltür, die Daidalos zur Sicherheit eingebaut haben musste, wieder hinauf und ich befand mich im Dunkeln. Ich hatte sowohl das Schwert, wie auch die Wolle verloren, aber ich tastete mich vor, bis ich beides wiedergefunden hatte. Da war mir schon leichter. Dann erkundete ich den Raum, so gut es ging. Ich fand ein paar Abzweigungen, was wohl bedeutete, dass das Labyrinth auch unterirdisch zu begehen war, aber ich fand vor allen Dingen an zwei Stellen Stufen, die empor führten. Mir war klar, dass ich jetzt das Risiko einging, dem Minotaurus direkt in die Fänge zu laufen, wenn ich die Stiege hinaufging. Deshalb war ich extra vorsichtig. Aber ich hatte Glück. Entweder wartete das Biest auf der anderen Seite, oder es war sich seiner Beute so sicher, dass es sein Opfer später holen kommen würde."

Wir atmeten aus - alle drei, froh über die Pause, in der sich die Muskeln ein wenig entspanen konnten. Aber Theseus gönnte uns nicht viel Zeit, denn er erzählte gleich weiter.

"Nun schien es, als ob Ariadnes List vergebens gewesen war, denn der Wollfaden konnte mich ja nur in den unterirdischen Raum zurückführen, aus dem ich aber nicht hinauf konnte. Jetzt hatte ich also eine doppelte Aufgabe vor mir: nicht nur zu versuchen, dem Minotaurus zu entgehen, sondern auch, wieder zum Ausgang zu finden. Beides war nicht einfach, aber der rote Faden half mir insofern, weil ich sah, in welchen Gängen ich schon gewesen war. Kurz, ich gelangte wieder zum Eingang, ohne auf den Minotaurus gestoßen zu sein."

Theseus erklärte uns jetzt den Aufbau der Falltür, die, wie eine Schaukel, von beiden Seiten nachgab, und wie er den roten Faden wieder zurückwickelte, um dem Umweg über den Keller zu entgehen. Dann prägte er sich die Gänge des Labyrinths ein, so weit es sein Wollknäuel zuließ.

"Ich sagte mir, dass meine Chance viel größer sein müsse, wenn ich mich auf einem begrenzten Gebiet aufhielt, weil ich da die Lokalkenntnis des Minotaurus wettmachen konnte. Ich hoffte nur inniglich, dem Monstrum nicht zu begegnen, bevor ich mit meinem Studium der Gänge fertig war. Und irgendein Gott - wenngleich auch kaum Poseidon - hatte Erbarmen. Die Bestie kam noch nicht."

Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie Theseus in dem Labyrinth herumgeschlichen war, bedacht darauf, nur keinen Lärm zu machen, um noch ein paar Minuten zu gewinnen, in denen er seine Voraussetzungen verbessern konnte.

"Dann aber ging es schnell", erschreckte uns mein Freund jetzt. "Als ich wieder um eine Ecke bog, um zu memorieren, da stand der Minotaurus plötzlich vor mir, nur vielleicht fünf Meter entfernt."

Theseus blickte uns an.

"Was soll ich euch sagen? Wie soll man solchen Schrecken je beschreiben können? Das Ungeheuer stand da, hochaufgerichtet wie ein Mensch, nur war sein Oberkörper dreimal so groß und mit Fell bewachsen und obenauf, gut einen Kopf ober mir, ragte das Haupt der Bestie, ein Stierkopf mit mächtigen Hörnern. Ich nahm mir keine Zeit, ihn näher zu studieren", erklärte mein Freund, "aber dieses Bild ist auf ewige Zeit in meinen Augen festgebrannt. Mein einziger Gedanke war zurückzuweichen und ich stolperte schon rückwärts, als die Bestie ein Brüllen ausstieß, das nichts Menschliches an sich hatte. Das Biest fiel auf alle vier Beine nieder und begann, mir nachzugaloppieren. Im allerletzten Augenblick erinnerte ich mich an einen Seitengang und warf mich hinein, sodass der Minotaurus an mir vorüberdonnerte. Und hier dämmerte mir seine Schwäche."

Theseus hielt ein und Hylas folgerte ganz richtig und schneller als ich:

"Du meinst, auf allen Vieren war er nicht wendig genug, um schnell um die Ecken biegen zu können?"

"Vollkommen richtig", strahlte mein Freund. "Sehr gut, Hylas! Der Körper des Minotaurus war seitlich zu unbeweglich. Außerdem hatte ich noch einen Vorteil. Auf allen Vieren konnte er nicht umkehren, dazu war der Gang zu schmal. Er musste sich also zuerst aufrichten, was mir extra Zeit verschaffte. - Aber das war mir noch nicht klar, ich war noch zu sehr geschockt, um klare Gedanken fassen zu können. Zuerst galt es nocheinmal, seinem Angriff zu entkommen. Dann, als ich wieder keuchend in einem der Seitengänge lag, begann mein Gehirn erneut zu arbeiten. Ich nutzte die kurze Pause, um mich zu orientieren, und als mir die Bestie zum dritten Mal entgegenraste, benützte ich ganz gezielt eine Abzweigung und studierte sein Verhalten. Beim nächsten Mal bemühte ich mich, gleich nach dem Abbiegen stehenzubleiben und mein Schwert vorzustrecken. Und ganz richtig. Ich erwischte ihn am Oberschenkel. Seine Schnelligkeit riss mir fast das Schwert aus der Hand, aber sein wutentbranntes Brüllen verriet mir, dass er den Schmerz spürte, den ich ihm zugefügt hatte."

Theseus nickte uns ernst zu.

"Mit Glück, mit viel Glück, sage ich euch, war mir der erste Streich gelungen, ohne dass ich eine Schramme davongetragen hatte. Aber andererseits hatte ich ihn kaum angekratzt, ich hatte ihm nur eine Fleischwunde zugefügt, die seine Angriffslust wohl nur anstacheln würde. Beim nächsten Mal versuchte ich, das Schwert nicht nur vorzuhalten, sondern zuzustoßen, aber der Versuch ging ganz daneben. Erst beim zweiten Mal traf ich, aber jetzt spürte ich, dass ich wirklich Schaden anrichtete. Mein Stoß traf sein rechtes Vorderbein, gerade im Gelenk, sodass ich den Widerstand spürte und im Geheul des Untieres auch seinen Schmerz hörte."

Theseus machte wieder eine Pause und schüttelte den Kopf. Ich war so in die Erzählung vertieft, dass ich spürte, wie er in Gedanken den Göttern dafür dankte, dass der Kampf für ihn so glücklich verlief. Aber der Athener ergriff schon wieder das Wort:

"Ich stieß ein kurzes Dankgebet an Athene hervor, bevor ich mich der Bestie wieder als Zielscheibe darbot. Nur - als ich auf den anderen Gang hinaustrat, war der Minotaurus weg. Er kam nicht, wie vorher, auf mich zugerannt, sondern er war verschwunden. Ich versuchte, mich zu beruhigen, um mich nicht durch mein Keuchen zu verraten, während ich schnell einen anderen Gang aufsuchte. Aber durch den Kampf war ich der Erschöpfung nahe und konnte meinen Atem nicht kontrollieren, der nur stoßweise hervorkam. Deshalb hörte ich auch zu spät, dass der Minotaurus jetzt hinter mir war. Als ich mich umdrehte, stand er schon hochaufgerichtet vor mir. Ich hob instinktiv meine linke Hand zur Abwehr, als sein Huf den todbringenden Schalg ausführen wollte, und statt meinem Schädel traf er nur den Arm. Ich hörte das Krachen, als mein Unterarm in Stücke ging. Komischerweise tat es gar nicht so weh, vielleicht kam das daher, dass mein Überlebenstrieb so stark war. Im Zurückweichen führte ich einen Hieb mit dem Schwert nach seinem Vorderbein, das mir den Arm gebrochen hatte, und wieder traf ich, dank göttlicher Vorsehung. Die Bestie hatte jetzt beide Vorderbeine lädiert und konnte daher nicht mehr auf allen Vieren rennen."

Theseus hielt uns seinen linken Arm entgegen und betrachtete ihn selbst.

"Dass das hier wieder so gut aussieht, kann ich Ariadne verdanken, sie richtete die Brüche wieder ein. Doch davon später. Einstweilen tat mir der Arm jetzt immer mehr weh, je mehr ich vor dem Minotaurus davonrannte. Aber auf zwei Beinen war ich schneller als er, das merkte ich umgehend. Und das nützte ich aus. Ich lief ihm davon und verwendete die kurze Zeit, die ich gewonnen hatte, um aus dem Rest des Knäuels einen Stolperdraht zu ziehen und mich im nächsten Seitengang zu verstecken. Abermals hatte ich Glück. Der Faden war auch vielfach gezogen nicht stark genug, um den Minotaurus niederfallen zu lassen, sondern er stolperte nur. Aber diese Gelegenheit nützte ich, um einen Streich gegen seinen Kopf zu führen. Ich schlug mit aller Kraft, die mir noch verblieb, und das war ausreichend. Das Ungeheuer fiel vornüber und mit einem Satz war ich auf seinem Rücken. Erst hieb ich ihn auf den Nacken, weil das das einfachste Ziel war, und dann links und rechts am Hals, weil dort die Schlagadern sitzen. Da er ja an beiden Vorderbeinen verletzt war, fiel es ihm nicht so leicht, sich aufzurichten - und trotzdem, obwohl er jetzt schon tödlich verwundet sein musste, gelang es ihm, auf die Knie zu kommen und mich abzuschütteln. Aber es war zu spät für ihn. Von hinten trennte ich ihm die Sehnen hinter den Knien ab, sodass er wieder nach vorne fiel, und dann stach ich ihm das Schwert ins Herz, so tief ich konnte."

Auch jetzt keuchte Theseus vor Aufregung und ich glaube, auch Hylas und ich taten dasselbe...

"Aber", sagte Theseus jetzt, "auch wenn es blutig und grausam war, so fühlte ich mit jedem Streich, dass ich den Tod eines Atheners sühnte. Als jedoch das letzte Röcheln der Besite verklungen war, fiel auch ich um. Ich wurde ohnmächtig und ich habe keine Ahnung, wie lange ich bewusstlos war. Als ich wieder zu mir kam, galt meine erste Sorge, wie ich aus dem verschlossenen Labyrinth herauskommen sollte. Deshalb suchte ich sofort meinen Weg zurück zum Eingang."

Theseus zeigte mit seinem damals gebrochenen Arm auf die Landstraße.

"Schaut doch, da scheint ja schon längst wieder die Sonne. Es ist ja höchste Zeit, dass wir weitergehen."


Bernhard Kauntz, Västerås 2000


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