DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Rückfahrt nach Athen


Am nächsten Morgen standen wir sehr früh auf, weil wir vorhatten, unseren Fleischvorrat zu ergänzen. Es war ja nicht mehr so weit bis Iolkos, wir waren nach den Thermophylen schon nach Osten abgebogen, um das Meer als Orientierungshilfe zu verwenden, weil wir jetzt dem Strand bis an unser Ziel folgen konnten. Spätestens morgen wollten wir an unserem Treffpunkt anlangen.

Ich hatte mich mit Theseus heimlich abgesprochen; wir wollten versuchen, Hylas die Beute erlegen zu lassen. Dadurch würde der Junge teils Erfahrung sammeln, teils würde sich sein Selbstvertrauen verstärken. Natürlich hatte Hylas schon Hasen und andere Kleintiere geschossen, heute aber wollten wir einen Rehbock oder einen Hirschen fällen.

Für Theseus und mich lag die Schwierigkeit darin, das Wild Hylas so zuzutreiben, dass der Junge keine Verdacht schöpfte. Wir stellten ihn in eine gute Position an einer Weggabelung und gingen dann selbst gegen den Wind in je eine Richtung.

Nach einer Weile stellte ich mich auf Pass und wartete. Aber bei mir geschah überhaupt nichts. Ich war fast schon bereit, aufzugeben, um Artemis zuerst durch ein Opfer freundlicher zu stimmen, als plötzlich ein Freudengeheul die Stille des Waldes zerriss. Ich nahm an, dass Theseus mit der Treibjagd erfolgreicher gewesen war und als ich zur Weggabelung kam, stand mein Freund auch schon ganz richtig dort und beglückwünschte Hylas. Ich schloss mich an, nachdem ich mir den großen Rehbock angesehen hatte, den Hylas Pfeil zu Boden geworfen hatte. Und, wie sich erwies, ganz allein, ohne jedes Zutun meines Freundes, wie der mir später erzählte.

Den Rest des Vormittags verbrachten wir damit, das Tier zu stücken. Wir wollten ja bei unserer Ankunft in Iolkos ein Mitbringsel haben, wenn so viele Berühmtheiten dort versammelt waren.

Die Sonne hatte schon lange ihren Zenit überschritten, als wir uns dann endlich wieder auf den Weg machten. Und jetz wollten wir auch den Rest von Theseus Erzählung hören.

"Na gut", sagte der Hüne schließlich. "Aber eigentlich ist der Rest der Geschichte nur traurig. Ich finde noch immer, dass die gute Tat, die ich vollbracht hatte, nur mit Leid vergolten wurde."

Dann erzählte uns Theseus, dass Ariadne ihn am Eingangstor erwartet hatte und dass sie ihm eine lange Planke besorgte, damit er die Falltür zum Keller überbrücken konnte. Danach schiente sie ihm notdürftig den gebrochenen Arm, den sie dann, als sie schon an Bord des Schiffes waren, sorgfältig untersuchte und festband.

"Zuerst aber hatten wir uns den Fluchtplan zurechtgelegt. Ariadne war nicht nur bereit, mit mir zu kommen, sie brannte förmlich darauf." Das Antlitz meines Freundes verdüsterte sich, aber er sprach weiter. "Uns war jedoch klar, dass ihr Vater sie niemals mit mir gehen lassen würde. Außerdem wollten wir auch den Rest meiner Kameraden mit nach Hause nehmen. Als der Wagen des Helios sich im Westen schon zur Erde neigte, ging Ariadne zurück zum Palast, um die anderen vorzubereiten. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam sie aber schon wieder, um mich abzuholen. Sie brachte mir auch Kleidung mit, denn ich war noch immer so nackt, wie ich in das Labyrinth hineingegangen war."

Das Gesicht meines Freundes erhellte sich plötzlich. Als er weitersprach, begriffen auch wir, warum. Er erzählte von der List Ariadnes, wie sie geschickt die Wächter vom Stadttor weggelockt hatte.

"In der Nähe des Tores, das zum Hafen führte, aber doch nicht zu nah, sodass es nicht offensichtlich erschien, hieß sie uns in lautes Freudengeheul auszubrechen, was logischerweise Aufsehen erregte. Den Passanten, die in der Nähe standen, erklärte sie, dass der Minotaurus tot war. Daraufhin brachen auch diese in laute Lobrufe aus und das Gerücht verbreitete sich mit Feuereile. Fast jeder, der davon hörte, ließ alles liegen und stehen und rannte zum Labyrinth, um sich der Sache zu vergewissern."

Schließlich hatte auch die Wache am Stadttor nicht widerstehen können, erzählte mein Freund. Und auch die wenigen Wachen im Hafen hatten sich dem Jubelzug zum Labyrinth angeschlossen.

"Dadurch hatten wir leichtes Spiel, unser Schiff in Gewalt zu bekommen", sprach der Athener weiter. "Ja, mehr noch. In aller Eile hackten wir Löcher in die anderen Schiffe, die im Hafen lagen, um so eine Verfolgung unmöglich zu machen. Dann liefen wir aus. Es war zwar ein paar Tage nach Vollmond, aber wir ruderten nur ein Stück der Küste entlang und warteten dort das Anbrechen des Morgens ab, bevor wir die Segel setzten."

Mein Freund versuchte dann zu schildern, wie glücklich er sich an der Seite Ariadnes gefühlt hatte, sodass er vor lauter Verliebtheit nicht im Entferntesten daran dachte, die Segel auszutauschen.

"Deshalb traf es mich auch wie ein Keulenschlag", fuhr er dann fort, "dass mir ein paar Nächte später Dionysos im Traum erschien. Er teilte mir mit, dass er die Absicht habe, sich Ariadne als Frau zu nehmen; dass ich am nächsten Tag deshalb die Insel Naxos anlaufen solle, um sie dort an Land gehen zu lassen.
Und", Theseus schlug verzweifelt mit seinen Armen aus, "was soll man tun, wenn einem ein Gott etwas befiehlt? Ich brachte es aber nicht übers Herz, Ariadne davon zu erzählen, sondern wir liefen Naxos an und machten uns leise wieder davon, als sie unter einem Ölbaum ihr Mittagsschläfchen hielt.
Ich weiß, es war nicht gerade heroisch, auf diese Lösung zu verfallen, aber ich glaube ganz im Ernst, dass keiner von uns es geschafft hätte, den anderen zu verlassen, wenn wir uns beim Abschied angesehen hätten. Mir war ohnehin ganz hundeelend zumute. Und ich bin heute noch nicht ganz mit dem Gedanken versöhnt, auch wenn ich mir sage, dass Ariadne als Göttergattin ein recht angenehmes Leben führen kann, vermutlich sogar ein viel besseres, als ich es ihr bieten können hätte. Aber damals hegte ich nicht einen einzigen positven Gedanken. Und daher passierte die nächste Dummheit, nämlich dass wir Athens Hafen anliefen und noch immer die schwarzen Segel gehisst hatten."


Reni: Bacchus und Ariadne
Theseus schlug die Hände vor das Gesicht. Schluchzend erzählte er uns, dass er so das Schicksal seines Vaters, dem Orakelspruch gemäß, erfüllt hatte. König Aigeus hatte nämlich jeden Tag einen Späher auf einen hohen Felsen gesandt, um nachzusehen, ob etwa das Schiff aus Kreta zurückkam und welche Farbe seine Segel hatten.

Sein Späher hatte ihm wahrheitsgetreu gemeldet, dass das Schiff die Todessegel gesetzt hatte. Daraufhin war Aigeus selbst auf den Felsen hinaufgerannt, um sich zu überzeugen. Als er diese traurige Tatsache aber mit eigenen Augen wahrnehmen konnte, stürzte er sich selbst von hoch oben in die Brandung des Meeres, das heute seinen Namen trägt.


Bernhard Kauntz, Västerås 2000


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