DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Europa, Kadmos


Als ich mit meinen Tagebuchnotizen fertig war, fiel mir auf, dass ich die Verbindung zwischen Io und Agenor gar nicht kannte. Aithalides hatte ja erwähnt, dass Agenor ihr Urenkel war. Ich beschloss, Phanos am Ruder abzulösen, sodass ich neben Aithalides Platz fand. Dann fragte ich den Erinnerungskünstler, was geschah, nachdem Io nach Ägypten gekommen war.

"Ja, das war so", sagte der junge Thessalier, "dass es da jemand gab, der sah, wie sich Io aus einer Kuh in einen Menschen verwandelte und das Gerücht verbreitete sich schnell, wie sich Gerüchte eben zu verbreiten pflegen. Und weil normalerweise nur ein Gott die Gestalt wechseln kann, begannen die Ägypter sie als Göttin zu verehren. Sie nannten sie Isis - und ihren Sohn Epaphos, der ja auch göttliches Blut haben musste, nannten sie Apis und verehrten ihn auch. Auf diese Art war ja Io letztendlich ein besseres Schicksal gewährt, nach all diesen Plagen, die sie ausstehen musste."

"Das muss man ihr aber wirklich gönnen", gab ich zu. "Aber dann? Bekam sie noch mehrere Kinder?"

"Nein, es war Epaphos, der den Stamm weiterführte. Er fand sich ein Mädchen, das Memphis hieß, das er dann auch heiratete. Und als er später eine Stadt gründete, benannte er diese nach seiner Gattin, die er wohl sehr geschätzt haben muss." Aithalides hörte einen Augenblick auf zu rudern und strich sich über die Stirn.

"Ganz schön warm", grinste er dann, "aber ich nehme an, dass es ein gutes Training ist."

"Ja, das glaube ich auch", grinste ich zurück, denn wenngleich ich mich soeben erst ans Ruder gesetzt hatte, spürte ich schon den schnellen Takt, mit dem wir das Schiff vorwärts trieben. "Aber wir haben ja auch ein ganz schönes Tempo", sprach ich weiter und versuchte, zur ursprünglichen Frage zurückzukommen. "Du hast gesagt, dass Epaphos Kinder hatte. Mit Memphis, nehme ich an?"

"Mhm." Aithalides nickte. "Sie bekamen ein Mädchen, das sie Libye nannten. Und heute soll es da unten ein ganzes Land geben, das nach ihr benannt ist.Wie dem auch sei, Libye ist die Mutter von Agenor, sie bekam ihn übrigens von Poseidon. Die zwei hatten außerdem noch einen Sohn, den sie Belos nannten."

"Sehr gut", sagte ich, "jetzt kenne ich mich wieder aus. Denn Agenors Tochter war Europa, die unsere Väter entführt haben. Da haben wir gestern angefangen....

"Ja, genau", meinte Aithalides mit seinem gewöhnlichen Grinsen. "Aber mein Vater trieb auf jeden Fall nur die Kühe zum Strand, und das auch nur, weil Zeus ihn darum gebeten hatte....

"Jetzt ist es wieder so weit", lachte ich. "Aber dadurch, dass er die Herde auf den Strand zu den Mädchen trieb, machte er es ja erst möglich, dass mein alter Herr die Europa erwischen konnte."

"Ah... dein Vater ist erfinderisch genug, um etwas anderes probiert zu haben, wenn es so nicht gegangen wäre. Vermutlich war es die Erinnerung an Io, die ihn sich selbst in einen Stier verwandeln ließ...." In Aithalides Augen blitzte der Schalk und man sah, dass er es genoss, mich hänseln zu können. Während ich noch über eine witzige Antwort nachdachte, wendete sich Hylas in der Reihe vor uns um und fragte:

"Was denn, Kühe und Stiere und Entführungen.... Was ist denn eigentlich geschehen?"

"Siehst du", griff ich die Frage auf, froh, denn ich hatte noch immer keine passende Antwort gefunden, "das war so, dass sich Zeus in Europa verliebt hatte. Und als er sie am Strand mit allen ihren Dienerinnen spielen sah, bekam er eine Idee, wie er sie verführen könne. Er verwandelte sich selbst in einen Stier, in ein herrliches Exemplar, natürlich. Aber um sich den Mädchen nähern zu können, ohne sie misstrauisch zu machen, brauchte er ja Hilfe. Es stellte sich mitten in eine von König Agenors Rinderherden und bat Hermes, die ganze Herde hinunter zum Strand zu treiben."

Ich gab Aithalides mein schönstes Lächeln, als ich weitersprach:

"Hermes war gleich mit Feuereifer bei der Sache, wie er ja bei den meisten Betrügereien gleich dabei ist. Als die Herde nahe genug gekommen war, versuchte mein Vater, sich so nah wie möglich an Europa heranzumachen. Und natürlich merkte sie sofort, dass dieser Stier besonders schön war und nicht zuletzt, dass seine Augen ein reges Interesse an ihr zu bekunden schienen. Sie näherte sich vorsichtig, aber der Stier schien ganz zahm zu sein und ließ sich streicheln und bewundern, sodass sie immer mutiger wurde. Und als dann eines der Mädchen fragte, ob man wohl auf dem Stier reiten könne, wollte sie die Sache gleich probieren."

Wir alle hatten inzwischen weitergerudert, aber von dem vielen Sprechen dabei keuchte ich ganz schön. Deshalb forderte ich Aithalides auf, doch weiter zu erzählen.

Europa und der Stier - Brunnen von Carl Milles in Halmstad, Schweden

"Aber als das Mädchen auf den Rücken des Stiers geklettert war", setzte der blonde Jüngling die Erzählung fort, "fiel der sofort in vollen Galopp und rannte auf das Ufer zu. Alles, was Europa tun konnte, war, sich irgendwie festzuhalten. Und als sie wohl im Meer draußen waren, schwamm Zeus weiter, bis er endlich in Kreta an Land ging. Erst dort ließ er das Mädchen absteigen und gab sich ihr zu erkennen. Vermutlich war sie nicht unbedingt entzückt, weil sie ja so weit von zu Hause weg war. Aber was sollte sie wohl tun? Außerdem versprach ihr Zeus, dass der ganze Erdteil ihren Namen tragen werde. Sie bekam auch drei Geschenke, damit sie auch allein überleben konnte, denn Zeus konnte ja nicht die ganze Zeit bei ihr sein, nicht wahr? Zuerst bekam sie einen Speer, der immer sein Ziel traf. Dann bekam sie einen sehr bissigen und sehr schnellen Hund, man sagt sogar, es sei der schnellste Hund der Welt gewesen. Und schließlich bekam sie einen Bronzemann, als Leibwache, sozusagen. Letztendlich fand sie sich dann wahrscheinlich in ihr Schicksal, denn sie gebar Zeus nicht weniger als drei Söhne, Minos, Rhadamantys und Sarpedon."

"War das derselbe Minos, der dann König auf Kreta wurde", hörten wir Hylas von der vorderen Reihe fragen.

"Ja, sehr richtig", antwortete Aithalides. "Er war schon als Junge ziemlich schwierig, weil er sich mit seinen Brüdern überhaupt nicht vertrug, sodass diese von Kreta wegzogen, sobald sie groß genug waren."

Wir ruderten eine Weile schweigend, dann meldete sich Hylas wieder zu Wort.

"Aber... ich begreife ja, dass Europa allein nicht zurückfahren konnte, aber wenn meine Tochter verschwinden sollte, dann würde ich sie suchen."

"Ja, genau das tat Agenor auch." Jetzt hatte ich wieder das Wort ergriffen. " Er schickte seine Söhne in die Welt hinaus. Aber sie fanden sie nicht. Ein paar kamen zurück, wie Thasos und Phineus, während andere dort, wo sie hinkamen, den Grundstein für neue Stämme bildeten. Kilix, zum Beispiel, ist der Urheber von Kilikien, oder Kadmos, der ja Theben gründete."

"Oder Phoenix, der der Stammvater der Phönizier ist", ergänzte Aithalides.

Wieder durften wir eine Weile rudern ohne zu sprechen, aber Hylas Wissensdurst war unlöschlich.

"Erzählt doch bitte auch ein wenig über Kadmos. Ich weiß, dass er Theben gründete und ich weiß auch, dass in der Geschichte ein paar Drachenzähne vorkommen, aber das ist schon alles."

Ich sah Aithalides auffordernd an, aber er schüttelte den Kopf.

"Nein, das kannst du erzählen. Du wohnst ja dort. Außerdem bin ich nicht sicher, ob ich alle Details der Geschichte kenne. Aber ich freue mich schon darauf, dir zuzuhören."

Naja, was sollte ich machen? Ich durchdachte die ganze Geschichte schnell, um mich daran zu erinnern und dann fing ich an:

"Kadmos sah ein, dass es sinnlos wäre, seine Schwester blindlings drauflos zu suchen, deshalb beschloss er, ein Orakel zu fragen. Das beste Orakel, das es je gegeben hat, ist natürlich das in Delphi, deshalb begab sich Kadmos dorthin. Aber von der Antwort wurde er recht enttäuscht. Das Orakel ließ ihn nämlich ganz einfach wissen, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu suchen, er würde Europa ohnehin nie finden. Dagegen erzählte ihm das Orakel, dass er eine Stadt gründen würde und sagte ihm auch, wie das zugehen solle. Wenn er auf der Straße eine Kuh sähe, die am Hals ein mondförmiges Zeichen hatte, dann solle er diese Kuh vorwärtstreiben, bis sie nicht mehr weiter konnte. An dem Platz, auf dem sie sich niederlegte, solle er seine Stadt gründen.
Kadmos brauchte gar nicht lange zu suchen, ziemlich bald sah er eine Kuh und auch das Zeichen am Hals. Mit einem Ast, den er von einem Baum abbrach, trieb er die Kuh ganze zwei Tage lang, bevor das Tier vollkommen ermattet ins Gras sank."

Wieder war ich gezwungen, eine Pause zu machen. Man kann es kaum glauben, wieviel Kraft es kostet, wenn man rudert und gleichzeitig redet. Aber nach einer Weile hatte ich mich wieder erholt und sprach weiter:

"Hier also sollte Kadmos seine Stadt gründen. Er beschloss, die Kuh Athene zu opfern und schickte seine Diener zu einer nahen Quelle, um Wasser zu holen. Diese Quelle gehörte jedoch dem Kriegsgott Ares und sie war außerdem von einem Drachen bewacht. Der Gefahr unbewusst, gingen die Männer einfach drauflos und stießen völlig unvorbereitet auf den Drachen, der sie alle tötete.

"Wie viele waren es denn?" Hylas fragte, ohne sich umzudrehen.

"Ich habe keine Ahnung, aber das hat doch auch überhaupt keinen Belang", sagte ich schärfer als ich eigentlich wollte. Aber es irritierte mich, dass der Junge sich nach unwesentlichen Dingen erkundigte. Solche Fragen konnte man stellen, wenn man fünf Jahre alt war, aber doch nicht mit fünfzehn. Ich sprach aber dennoch weiter:

"Allzu viele können es ja nicht gewesen sein, sonst hätte der Drache ja nicht alle erledigen können, nicht wahr? Vier vielleicht, oder fünf, nehme ich an. Aber ganz egal - als sie nicht zurückkamen, band Kadmos die Hinterbeine der Kuh zusammen - nur sicherheitshalber, damit sie nicht davonlaufen konnte, wenngleich sie auch ganz erschöpft war - und ging selbst zur Quelle. Aber er wusste ja schon, dass alles nicht mit rechten Dingen zugehen konnte, deshalb war er extra vorsichtig. Und er sah dann auch den Drachen rechtzeitig und konnte ihn unschädlich machen."

"Ich kan mir vorstellen, dass Ares keine große Freude daran hatte", warf Aithalides ein, "dass Kadmos seinen Drachen erschlagen hatte..."


  Goltzius: Kadmos erschlägt den Drachen
"Nur mit der Ruhe, ich komme gleich darauf zu sprechen", antwortete ich, während meine Irritation weiter anstieg. Durfte ich meine Geschichte erzählen, so wie ich es richtig fand, oder nicht? Jetzt, so im Nachhinein, glaube ich, dass meine Irritation hauptsächlich darauf zurückzuführen war, dass ich mich körperlich anstrengte und gleichzeitig versuchte, meine Gedanken der Reihe nach einzuordnen.

"Kadmos hatte ja keine Ahnung, dass es der Drache des Ares war, den er getötet hatte", sagte ich ein wenig säuerlich, um zu zeigen, dass der Einwurf gar nicht hierher passte. "Das erfuhr er erst von Athene, als er die Kuh zu ihren Ehren geopfert hatte. Da kam sie zu ihm, um ihm zu helfen. Sie sagte, dass er die Zähne des Drachen sammeln und sie dann in die Erde säen solle, um Ares ein wenig zu beschwichtigen. Kadmos hatte ja keine andere Wahl, als die Drachenzähne einzusammeln und sie dann über dem Gras wieder auszustreuen."

Ich hatte das Ruder mit der einen Hand ausgelassen, um mit einer Geste zu zeigen, wie er die Drachenzähne ausgesät hatte, aber das ging ganz daneben, weil ich sofort den Takt verlor. Als ich meine Ruderschläge wieder angepasst hatte, erzählte ich weiter. "Kadmos muss ganz schön erstaunt gewesen sein, als auf den Stellen, wo die Zähne aufgetroffen waren, plötzlich Soldaten aus der Erde hervorwuchsen. Und noch ärger: kaum waren sie in einem rasenden Tempo fertiggewachsen, begannen sie gleich zu kämpfen und einander tot zu schlagen. An und für sich kann man sich von Drachenbrut nichts anderes erwarten.... Aber als nur mehr fünf übergeblieben waren, legte einer von ihnen die Waffen nieder und da hörten die anderen auch auf. Kadmos nannte die Soldaten 'spartoi', was ja soviel wie 'die Gesäten' bedeutet."

"Kommt der Stadtname Sparta auch von denen", fragte Hylas wieder, aber diesmal war ich mit seiner Frage zufrieden, die zeigte ja, dass er zwei und zwei zusammenzählen konnte.

"Ganz richtig", lobte ich ihn deshalb, "und daher kommt es wohl auch, dass die Männer aus Sparta immer hervorragende Kämpfer gewesen sind. Und es war wohl auch deshalb, dass Ares ein wenig versöhnt wurde, als er schließlich entdeckte, was geschehen war. Er verlangte zwar, dass Kadmos ihm acht Jahre lang dienen müsse, aber es hätte ja schlimmer kommen können. Und letztendlich muss er mit den Arbeiten des Kadmos recht zufrieden gewesen sein, denn als die acht Jahre vorüber waren, gab er ihm seine eigene Tochter, Harmonia, zur Frau. Die zwei wurden danach das erste Königspaar von Theben.


Bernhard Kauntz, Västerås 2000


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