DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Atalante


Der Rest des ersten Abends bei den Frauen auf Lemnos war dann nicht mehr so dramatisch. Die Frauen warteten ein sehr gutes Bier auf, das sie selbst herstellten, und dann bereiteten wir gemeinsam das Essen zu.

Die Tage und nicht zuletzt die Nächte vergingen schnell. Die Frauen taten ihr Bestes, um uns bei Laune zu halten und uns zum Bleiben zu verleiten. Bald zeigte es sich auch, dass viele unserer Männer gar nichts dagegen hatten, eine Weile zu entspannen und das behagliche Leben auf der Insel zu genießen, statt auf dem Wasser durchgerüttelt zu werden. Sogar Jason, der an der Anführerin der Frauen, Hypsipyle, Gefallen gefunden hatte, schien es gar nicht mehr so eilig zu haben, das Goldene Vlies zu suchen.

Selbst hatte ich etliche bewundernde Augenaufschläge verzeichnen können und auch ein paar mehr direkte Einladungen, aber ich dachte an meine Megara zu Hause und hatte kein größeres Interesse.

Außer mir war es Atalante, die aus natürlichen Gründen den Aufenthalt nicht allzu spannend fand. Daher kam es, dass wir zwei meistens bei der Wache am Schiff zu finden waren. Atalante ist eine prächtige Frau. Sie ist ziemlich groß und äußerst wohltrainiert, eine Kombination, die sie genauso attraktiv erscheinen lässt, wie ihre langen, blonden Haare oder ihre goldglänzenden Augen, die eine ganz besondere Farbe bekommen, wenn Sonnenstrahlen in ihnen spielen. In den zahlreichen Stunden, die wir zusammen verbrachten, kamen wir einander ziemlich nahe, wenn auch nur als Freunde. Ich hatte ja, wie gesagt, meine Liebe zu Hause und sie hatte sich neulich mit Hippomenes verlobt. Die zwei wollten heiraten, sobald Atalante von dieser Fahrt zurückkam.

An unseren gemeinsamen Abenden erzählte ich ihr aus meinem Leben; sie war natürlich besonders an der Zeit interessiert, die ich im Olymp verbracht hatte. Ihrerseits erzählte sie, wie sie in Arkadien aufgewachsen war, in der Wildnis, und nur überlebte, weil eine Bärin sich ihr angenommen hatte.

"Wahrscheinlich bin ich deshalb so stark geworden", meinte sie, "aber sonst hätte ich es vermutlich auch nicht geschafft, zu überleben."

Ich hatte früher schon gehört, dass sie die Tochter des Königs Iasos war, dass der sie aber im Wald aussetzen lassen hatte, aus Enttäuschung darüber, dass sie ein Mädchen war.

"Ich habe es auch meiner Jugendzeit zu verdanken, dass ich mich im Wald so daheim fühle. Es hört sich wie Selbstlob an, aber ich bin sicher, dass es kaum einen Mann gibt, der sich in der Natur so lautlos bewegen kann wie ich. Und es geschieht meinem Vater ganz recht, dass er am Ende einsehen musste, dass auch Mädchen etwas wert sein können." Sie sah mich an, schüttelte den Kopf und sagte: "Ihr Männer!"

Ich konnte es nicht bleiben lassen, über ihren Ausruf zu lächeln, aber das hätte ich besser nicht getan, weil sie jetzt den gesamten männlichen Teil der Bevölkerung anklagte, wie gefühlslos, wie brüsk der doch war und dann beklagte sie sich auch noch über das völlige Unvermögen von Zärtlichkeit bei den meisten Männern. Sie hielt mir Artemis als leuchtendes Beispiel vor, die Göttin, die mit den Tieren als Freunde die Wälder durchstreift, die sich aber immer von sexueller Liebe ferngehalten hat.

Jetzt fand ich, dass sie ein bisschen zu weit ging, deswegen warf ich ein: "Trotzdem hast du Hippomenes versprochen, dass ihr heiraten werdet, wenn diese Fahrt vorbei ist."

"Ja", sagte sie und ihre schönen Augen bekamen einen ganz anderen Glanz, der sie nur noch schöner machte. "Schon. Aber ich habe ja vom Orakel erfahren, dass ich der Ehe nicht entgehen kann." Weil ich wie ein Fragezeichen aussah, erklärte sie: "Als ich so vierzehn, fünfzehn Jahre alt war, begannen Freier aufzutauchen und es wurden immer mehr und mehr. Ich fühlte mich überhaupt nicht reif für eine Bindung und hatte außerdem Angst, den Kontakt mit der Natur zu verlieren, den ich doch so schätze. Ich hatte überhaupt keine Lust, eine tüchtige Hausfrau zu werden, die den Haushalt wichtiger findet als ihre Freiheit. Aber ich wurde ja nicht in Ruhe gelassen. Weil ich spürte, dass die ganze Aufwartung, die mir zuteil wurde, so falsch war, ich aber dennoch nicht sicher war, dass es nicht meine Schuld war, ging ich zu einem Orakel."

Mit einem Ruck warf sie ihre langen Haare zurück und sprach weiter: "Verstehst du, es ist für ein Mädchen gar nicht so leicht, alle Bewunderer abzuwimmeln. Da weicht man von der Norm ab und das ist niemals gut. Die meisten Mädchen fühlen sich ja geschmeichelt, wenn sie verehrt werden und sie wollen gar nichts anderes als schnell heiraten, um dann ein Haus und Kinder zu betreuen. Wenn man da andere Gefühle hat, fragt man sich, ob man den Fehler nicht bei sich selbst suchen sollte. Deswegen wollte ich mir einen Orakelspruch holen."

Sie verstummte, aber ich sagte auch nichts, denn ich erwartete, dass sie gleich in ihrer Erzählung fortfahren würde. Das tat sie dann auch.

"Das Orakel sagte - ich weiß den Wortlaut nicht mehr genau - aber ungefähr folgendes: 'Vermeide es, dich zu binden, du wirst dennoch heiraten, wenn es an der Zeit ist.' Mehr als das wurde mir nicht gesagt."

"Ja", seufzte ich, "das ist das Problem bei den Orakeln. Die geben sehr selten ausführliche Antworten, mit denen man auch zufrieden ist. Aber warum gerade Hippomenes?"

"Weil man die Zeichen der Götter deuten können muss", sagte meine hübsche Gesprächspartnerin. "Ich komme gleich zu Hippomenes, aber ich muss alles der Reihe nach erzählen." Sie machte wieder eine Pause, lächelte und sprach dann weiter:

"Das Orakel hatte mich in einem Punkt beruhigt. Ich wusste jetzt, dass es nicht meine Schuld war, sondern dass es höhere Absicht war, dass ich nicht wie alle anderen fühlte. Jetzt bestand noch das Problem, alle Freier loszuwerden. Ich dachte, ich hätte einen guten Ausweg gefunden. Ich war immer schnell beim Laufen - ich wusste, dass ich die allermeisten schlagen konnte, auch wenn ich als Frau bei offiziellen Spielen nicht mitmachen darf. Das ist auch eine so schreckliche Erfindung von euch Männern, nebenbei bemerkt."

Sie starrte mich an, als ob das einzig und allein mein Fehler sei. Ich verhielt mich ganz ruhig, weil ich nicht neue Tiraden über die Unausstehlichkeiten der Männer hervorrufen wollte. Zum Glück besann sich Atalante und erzählte weiter.

"Dass ich bei offiziellen Wettspielen nicht dabeisein durfte, war vielleicht auch ein Grund für meinen Beschluss, weil ich jetzt wenigstens zeigen durfte, was ich konnte, wenn jemand dumm genug war, mich herauszufordern. Ich ließ also verlauten, dass der, der mich als Gemahlin gewinnen mochte, mich zuerst im Wettlauf besiegen musste. Die Distanz war eine Runde im Hippodrom, in unserer Pferderennbahn zu Hause. Ich versprach außerdem, den Herausforderern zehn Herzschläge Vorsprung zu geben."

Sie schnaubte durch die Nase, bevor sie fortfuhr. "Aber das half gar nichts. Im Gegenteil. Ich hatte ja nicht mit der Dummheit der Männer gerechnet. Jetzt kamen noch mehr Freier, weil wohl alle glaubten, dass es leicht sei, gegen ein Mädchen zu gewinnen. Sogar alte Männer kamen und wollten es probieren. Schließlich musste ich mehrere Male pro Woche rennen. Ich gewann ja stets, es war ja nichts dabei, aber ich wollte die Freier doch loswerden. Deshalb musste ich die Bedingungen verschärfen. Ich beschloss also, dass dieselben Regeln wie vorher gelten sollten, aber dass ein Herausforderer, der gegen mich verlor, es mit dem Leben bezahlen solle. Jetzt glaubte ich wirklich, das Problem gelöst zu haben."

Ich dachte darüber nach, was sie mir hier erzählte. Würde ich, vorausgesetzt ich wäre in sie verliebt, es unter diesen Bedingungen wagen? Ich konnte mich zu keiner Antwort entschließen, bevor Atalante wieder weitersprach.

"Das hatte Erfolg. Wenigstens die Alten kamen jetzt nicht mehr und auch sonst lichtete sich die Schar erheblich. Aber es gab immer wieder jemand, der der Versuchung nicht widerstehen konnte. Es wurde auch ein bisschen schwerer, weil alle die, die es jetzt versuchten, wirklich recht schnell laufen konnten. Aber sie hatten trotzdem keine Chance."

"Hast du sie wirklich umbringen lassen", fragte ich, weil ich konnte es einfach nicht glauben, dass die junge Frau so hartherzig sein konnte. Sie zögerte eine Weile, dann zuckte sie mit die Schultern.

"Na, jetzt spielt es wohl keine Rolle mehr, wenn ich die Wahrheit erzähle, weil jetzt ist die Lauferei ohnehin zu Ende... Es ist ja klar, wenn das Ganze einen abschreckenden Effekt haben sollte, dann war es notwendig, dass alle glaubten, dass die Verlierer das Leben verloren. Aber genau so klar ist es, dass ich das nicht übers Herz brachte. Also ließ ich sie eine Woche lang einsperren, um sie richtig mürbe zu machen. Dann besuchte ich sie im Gefängnis und bot ihnen an, sie am Leben zu lassen, wenn sie das Land verließen und kein Wort darüber verloren, bis ich geheiratet hatte. Und keiner von ihnen schlug das ab." Die letzten Worte sagte sie mit einem breiten Grinsen.

"Also gibt es jetzt viele, die froh sein werden, wieder heimkommen zu dürfen, wenn du heiratest", konstatierte ich. "Aber wie war das jetzt mit Hippomenes? War er wirklich so schnell?"

"Ja, er war tüchtig", sagte Atalante mit sehr weicher Stimme. "Aber er hätte es trotzdem nicht geschafft, hätte er nicht göttliche Hilfe gehabt - Aphrodite selbst hatte ihm die Hilfsmittel und die Strategie gegeben, wie er mich besiegen könne. Aber er war auch schnell."

"Was denn", fragte ich, "jetzt hast du mich neugierig gemacht. Was für Hilfsmittel?"

"Weißt du", begann die schöne Frau wieder zu erzählen, "als das Startsignal kam und ich an meinem Puls die zehn Herzschläge abzählte, sah ich schon, dass er schnell war. Aber ich war trotzdem nicht sehr beunruhigt, weil die meisten, gegen die ich angetreten bin, hielten anfangs ein gutes Tempo, konnten es aber nicht über die ganze Strecke halten. Und als ich dann selbst zu laufen begann, wusste ich, dass ich ihn schlagen würde. Nach der halben Runde war ich nur mehr ein paar Schritte hinter ihm, als er plötzlich etwas wegwarf, was wie Gold in der Sonne glänzte. Ich hob das Ding auf und es war tatsächlich ein goldener Apfel. Er war mir wieder ein Stück voran, weil ich ja bremsen musste, als ich den Apfel aufhob. Aber ich holte ihn schnell wieder ein. Da warf er noch einen Apfel weg. Ich dachte, dass ich genug Zeit hätte, ihn aufzuheben, also tat ich es. Und ja, ich hatte ihn wieder eingeholt, als wir gerade auf die Zielgerade kamen, also die Länge eines Stadions noch zu laufen hatten.

Atalante lächelte, während sie sprach, deswegen nahm ich an, dass sie nicht allzu unglücklich darüber war, den Zweikampf verloren zu haben.

"Da warf er noch einen dritten Apfel und auch wenn ich begriff, dass mein Sieg ziemlich knapp werden würde, wenn ich ihn aufhob, war ich doch überzeugt davon, gewinnen zu können. Aber, als ich mich während des Laufens hinunterbeugte, stieß ich an den Apfel, sodass er mir ein Stück davonrollte. Ich verlor dadurch höchstens ein paar Augenblicke, aber das genügte ihm. Ich holte ihn nicht mehr ein, sondern ich war zwei, drei Meter hinter ihm im Ziel."

"Vielleicht war es die Vorsehung, oder vielleicht sogar Aphrodite selbst, die dich an den Apfel stoßen ließ, sodass er wegrollte", schlug ich vor und sie stimmte mir zu.

"Ja, das glaube ich auch, nicht zuletzt seit ich hörte, dass er von den Göttern Hilfe bekommen hatte. Man muss eben, wie ich vorher sagte, ihre Zeichen deuten können. Es war wohl vorbestimmt, dass Hippomenes und ich ein Paar werden sollen. Und das ist sicher nicht das größte Übel, das mir passiert ist."


Bernhard Kauntz, Västerås 2002


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