DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Ein Sturm auf See und ein Verhängnis


Am nächsten Morgen nahmen wir Abschied von den Dolionen, die im Hafen zahlreich am Strand erschienen waren, um uns abzuwinken. Wir hatten sonniges Wetter und eine leichte, westliche Brise trieb die Argo rasch voran. Wir hatten von König Kyzikos genug Proviant mitbekommen, um uns ein paar Tage lang nur um Frischwasser kümmern zu müssen. Die Stimmung an Bord war ausgelassen, denn alle freuten sich, dem Ziel wieder näher zu kommen.

Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt aber noch nicht ganz erreicht, als am Horizont eine dunkle Wolkenwand aufzog und der Wind sich drehte. Drehen ist eigentlich falsch gesagt, erst verschwand er ganz und dann kam er immer heftiger aus der Gegenrichtung. Ein paar Stunden später waren wir mitten im Unwetter. Wir hatten schon lange die Segel gestrichen, denn der Wind war zum Orkan geworden, der das Wasser hochpeitschte und immer höhere Wellen gegen den Bug der Argo donnern ließ. Der Donner kam aber auch von oben, zusammen mit gewaltigen Blitzen und einem Platzregen von einer Stärke, die ich noch nicht oft erlebt hatte.

Die Argo rüttelte und bockte wie ein wilder Stier, der seinen Reiter abschütteln will. Tiphys, unser Steuermann, ließ mich nach hinten ans Heck holen. Schweißgebadet keuchte er:

"Hilf mir, das Ruder festzuhalten, Herakles, ich schaffe es allein nicht mehr."

Ich merkte bald, dass es wirklich kein Honiglecken war, bei diesem Seegang das Schiff auch nur einigermaßen zu steuern. Wir stemmten uns mit aller Kraft auf eine Seite, als der Bug plötzlich in ein Wellental sackte, was natürlich das Heck emporhob, sodass das Steuer aus dem Wasser gehoben wurde und wir Hals über Kopf nach vorne fielen. Dann galt es aber schnell wieder hoch zu kommen und mit aller Kraft in die andere Richtung zu steuern, damit sich die Argo nicht quer gegen die Wellen stellte. Bald waren wir vier Mann am Steuer, zwei auf jeder Seite und schließlich acht, teils um einander abzulösen, teils um die Kameraden auffangen zu können, wenn sie unversehens wieder durch die Luft purzelten.

Ein paar Mann hatten vollauf zu tun, all das Regenwasser, das auf die Argo fiel, wieder hinauszuschöpfen und der Rest der Mannschaft war bald allzu erschöpft vom Rudern, um die Argo noch voranzubringen. Es war bei diesem Wetter unmöglich, zu entscheiden in welche Richtung wir fuhren, aber ich hatte schon lange das Gefühl, dass wir zurückgetrieben wurden. Es waren nicht nur die dunklen Wolken, die die Sicht trübten, sondern vor allem der verheerende Regen, der es unmöglich machte, weiter als ein paar Meter zu sehen. Dazu kam noch, dass der Tag zu Ende ging, sodass wir bald in stockdunkler Finsternis dahintrieben. Dass wir nicht kenterten, verdankten wir einzig und allein dem intuitiven Gefühl unseres Steuermanns, der den richtigen Winkel des Steuerruders immer wieder erahnte und uns so vor einem sicheren Tod bewahrte.

Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren, ja ich hatte kaum noch Gedanken im Kopf, außer dass ich mich den Bewegungen von Tiphys anzupassen versuchte, um so dem Steuer die nötige Stabilität zu geben. Ich glaube, es kommt ein Augenblick, von dem an der Mensch wirklich nur mehr Maschine ist, wenn sogar die Gedanken zu viel Energie kosten, weil alles nur noch auf den Überlebensinstinkt ausgerichtet ist. Auch Müdigkeit spielt keine Rolle mehr, man spürt sie nicht, man macht einfach weiter, bis man umfällt.

Wie tüchtig unser Steuermann auch immer sein mochte, er konnte nichts dagegen tun, dass wir plötzlich ein böses Scharren unter dem Rumpf der Argo hörten. Nocheinmal knirschte es arg, als wir auf einen Felsen auffuhren, aber die nächste Welle hob uns schon wieder hoch und trug uns weiter. Nicht weit jedoch, denn plötzlich krachte es laut, als das Steuer brach. Wir waren hecküber an einen Strand gespült worden. Die ganze Argo zitterte nocheinmal, dann standen wir still.

Jason beorderte sofort die Mannschaft an Land, um die Argo weiter auf den Strand hinaufzuziehen, damit die nächste Welle uns nicht sofort wieder aufs Wasser hinaus reißen konnte. Das war leichter gesagt als getan, weil die nächste Welle schon kam, bevor die ersten über Bord geklettert waren, aber die Argo hielt stand.

Als ich an Land ging, merkte ich, dass wir an einer steinigen Küste gelandet waren, die aber einigermaßen flach war, Zeus sei Dank, denn sonst wären wir zerschellt. Nur zehn, fünfzehn Meter vor uns sah ich eine dunkle Wand, die sich bald als Wald herausstellen sollte. Wir sicherten die Argo so gut es ging und wollten uns gerade setzen, um ein wenig zu verschnaufen, als Theseus einen Schmerzensschrei ausstieß.

"Vorsicht! Wir werden angegriffen", schrie er dann, aber da hörte ich schon selbst, wie ein Pfeil an mir vorüberschwirrte. Wir reagierten alle gleichzeitig, wieder ganz aus dem Bauch heraus, ohne denken zu müssen. Wir rannten gegen den Wald zu, weil wir im Freien gute Zielscheiben abgegeben hätten. Mit ein paar Schritten im Zickzack erreichte ich den nächsten Baum, der mir ein wenig Deckung gewährte. Ich hörte noch einen Aufschrei hinter mir, also musste noch jemand getroffen worden sein. Dann aber konzentrierte ich mich nach vorne.

Zu sehen war gar nichts. Ich schlug also meine Keule kreuzweise vor mir her, bevor ich den nächsten Schritt machte. Das wiederholte ich ein paar Mal und blieb dazwischen immer wieder stehen, um zu lauschen. Da hörte ich plötzlich Atemzüge rechts von mir.

Ich drehte mich zur Seite, aber gleichzeitig wurden mir die Beine weggezogen. Meine linke Schulter schrammte gegen einen Baumstamm und es brannte höllisch, aber ich riss instinktiv meine Knie hoch, trat mit den Beinen nach vorne und spürte, wie ich meinen Widersacher hart traf. Ein lautes Stöhnen kam als Antwort. Gleichzeitig hörte ich eine erschrockene Stimme von weiter links, die erschüttert ausrief:

"Zurück! Der König ist tot!"

Ich war inzwischen zur Seite gerollt und hatte mich auf die Knie gestemmt, aber mein Gegner war anscheinend nicht ganz so groggy, wie ich angenommen hatte, denn plötzlich traf mich etwas Hartes am Kopf.

Als ich wieder zu mir kam und vorsichtig die Augen öffnete, sah ich in das besorgte Gesicht von Hylas, der mich in seinen Schoß gebettet hatte. Mein Kopf schmerzte und die Schulter tat mir weh, aber ich fühlte mich umsorgt und machte die Augen wieder zu.

Als ich sie das nächste Mal öffnete, war es hell. Hylas saß noch immer bei mir und lächelte, als er sah, dass ich wach war.

"Bleib liegen", sagte er, "ich hole dir etwas zu trinken."

Ich versuchte natürlich mich aufzusetzen, als er verschwunden war, aber in meinem Kopf drehte sich alles im Kreis. Ich sah ein, dass es besser war, liegenzubleiben und wehrte mich auch nicht, als mir Hylas ein warmes Getränk einflößte. Ich grinste ihn dankbar an, dann fragte ich:

"Was ist denn eigentlich los? Wer hat uns denn da angegriffen?"

"Du wirst es nicht glauben." Hylas schüttelte den Kopf. "Das waren die Dolionen. Wir sind im Sturm den ganzen Weg zurückgetrieben worden und sind jetzt nicht mehr als hundert Meter vom Hafen entfernt."

Dann erzählte er mir, dass die Dolionen ja keinen Augenblick lang annehmen konnten, dass wir es seien, die da an Land kamen. Sie dachten an Piraten und wollten sich nur verteidigen. Das Schlimmste aber war, dass Jason ihren König, Kyzikos, getötet hatte. Außerdem hatten noch drei "Feinde" ihr Leben verloren. Hylas erzählte weiter, dass die Dolionen uns aber keine Schuld gaben, sondern es als Verkettung unglücklicher Umstände sahen, dass wir in der Nacht aneinander geraten waren.

Die meisten unserer Leute seien jetzt in der Stadt, um am Begräbnis der Gefallenen teilzunehmen und um nachher die Toten mit Kampfspielen zu ehren. Nur Tiphys sei mit einer Gruppe Männer dabei, die Schäden an der Argo zu beheben.

Mein junger Freund betreute mich dann den ganzen Tag und wachte darüber, dass ich ja nicht aufstand oder mich sonst zuviel bewegte. Am nächsten Tag ging es mir schon besser und ich konnte sitzend zusehen, wie die Argo wieder seetauglich gemacht wurde. Tags darauf erklärte Tiphys, dass das Schiff nun wieder so gut wie neu sei und dass wir jederzeit in See stechen konnten. Kurz danach kam der Rest unserer Leute aus der nahen Stadt zurück, brachten aber die traurige Nachricht mit, dass Klite, die junge Frau des Königs, sich das Leben genommen hatte, weil sie allein nicht weiterleben wollte.

Am frühen Morgen des vierten Tages brachen wir zum zweiten Mal von der Insel auf, an die uns so schöne, aber auch so traurige Erinnerungen banden.


Bernhard Kauntz, Västerås 2002


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