DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Hylas verschwindet


"Das gibt's doch nicht", wetterte ich, als ich mich zum dritten Mal davon überzeugt hatte, dass die Argo nicht mehr am Strand lag und dass auch von unseren Kameraden jede Spur fehlte. Auch Polyphemos sah ziemlich verdattert drein.

"Das gibt es doch nicht", wiederholte ich, "die können doch nicht ohne uns weggefahren sein! Heute habe ich ohnehin schon genug Überraschungen erlebt."

* * * * * * * * * *

Es hatte damit begonnen, dass wir am Vormittag vor Anker gegangen waren, um Frischwasser zu tanken. Jason hatte gemeint, dass wir auch ein paar Hasen oder Vögel erlegen könnten und sie braten, damit wir ein bisschen Abwechslung zu unserer Schiffskost bekamen. Mir war das auch recht, denn ich wollte mir ein neues Ruder machen, mit einem größeren Blatt. Durch die viele Übung im Rudern war ich tüchtiger geworden und ich dachte, dass ein größeres Blatt mehr Effekt haben musste.

Während die anderen also jagen gingen, suchte ich mir einen passenden Baum aus, fällte ihn, schlug die Äste weg und begann, den Stamm zu bearbeiten. Nach einer Weile meldete sich der Hunger und ich beschloss, zu unserer Feuerstelle am Strand zurückzukehren. Ganz richtig saßen die Kameraden schon bei der Mahlzeit. Ich setzte mich zu ihnen, schnitt mir ein ordentliches Stück Fleisch ab und genoss die Muße eine Weile. Dann wollte ich Hylas bitten, mir frisches Wasser zu bringen, merkte aber, dass er nicht da war.

"Wo steckt denn Hylas", fragte ich in die Runde.

"Der ist Wasser holen gegangen", antworteten mir mehrere Stimmen gleichzeitig. Laertes aber fügte hinzu:

"Ist das nicht schon eine ganze Weile her, seit er weggegangen ist?"

Einige nickten zustimmend, aber ich verlor nicht zu viele Gedanken darüber. Der Bub war nahezu erwachsen und brauchte niemand mehr, der ihn an der Hand hielt. Aber die Zeit verging und Hylas kam nicht zurück.

Als Jason schließlich meinte, es sei Zeit, das Wasser zu holen und an Bord zu bringen, ging ich mit zur Quelle, weil ich annahm, dass sich der Junge dort die Zeit vertrieb.

Die Quelle schien sehr ergiebig zu sein, denn aus einem anscheinend recht tiefem Loch sprudelte das Wasser munter hervor, sodass es sogar den Anfang eines kleinen Baches bildete. Allerdings war Hylas auch hier nicht zu finden. Ich war noch immer nicht beunruhigt, aber jetzt begann ich schon, mich über den Schlingel zu ärgern. Man konnte sich doch nicht einfach davonmachen, ohne zu hinterlassen wohin man ging und wann man wieder zurück sein würde.

Von der Quelle führten drei Pfade weg. Einer führte zum Strand, das war der, auf dem wir gekommen waren. Ein zweiter schlängelte sich den Bach entlang und der letzte führte in die entgegengesetzte Richtung.

"Ich gehe schnell Hylas suchen", sagte ich zu Polyphemos, der neben mir stand. "Wenn ich nur wüsste, welchem Pfad ich folgen soll..."

"Ich helfe dir suchen", sagte der große, blonde Mann, der ein so gutmütiges Gesicht hatte, dass er jedem gleich sympathisch war. Wir beschlossen schnell, dass er dem Wasser entlang suchen solle, während ich in die andere Richtung ging. Wir teilten Theseus unsere Absicht mit, der zustimmend nickte und sich eine große Urne Wasser auf die Schulter hob. Auch ich nickte Polyphemos zu und machte mich auf den Weg.

Ich rief laut den Namen des Jungen alle paar Schritte, aber ohne Erfolg. Der Weg wand sich durch das Dickicht des Waldes und sah ziemlich unbenützt aus. Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte. Einfach umkehren? Und wenn Hylas doch in diese Richtung gegangen war und ich ihn fünf Minuter später finden würde? Ich ging also noch ein Stück weiter und noch eines. Schließlich musste ich aber einsehen, dass ich wirklich falsch war. Der Pfad endete auf einer kleinen Lichtung, auf der eine verfallene Holzhütte stand, in der wohl einmal ein Einsiedler gelebt haben musste. Die Hütte war leer, nur ein wenig altes Geschirr stand auf dem Tisch herum, mit Spinnweben überzogen, wie auch das einfache Holzlager und die Wände der Behausung.

Überzeugt davon, dass ich Hylas hier nicht finden würde, kehrte ich um. Polyphemos saß schon auf einem Stein bei der Quelle und wartete auf mich. Aber seine sonst so fröhlichen Augen sahen traurig aus.

"Ich habe schlechte Nachrichten, Herakles", empfing er mich. "Du wirst Hylas nicht mehr wiedersehen."

"Wieso? Ist er tot? Hat ihn ein wildes Tier getötet?" Ich fühlte plötzlich, dass ich vielleicht doch besser auf den Jungen aufpassen sollen hätte.

"Nun, für dich könnte er genauso gut tot sein", sagte Polyphemos mit leiser Stimme und dann erklärte er:

"Ich habe einen Eingeborenen getroffen, der mich rufen gehört hatte. Er fragte mich, ob ich nach einem hübschen, jungen Mann suchte, der an der Quelle weiter oben Wasser holen wollte. Ich bejahte und freute mich schon, eine Spur des Jungen gefunden zu haben."


  Gerard: Hylas und die Nymphe
Polyphemos gab mir erneut einen traurigen Blick und schüttelte den Kopf. Dann erzählte er, dass der Alte gesehen habe, wie die Quellnymphe versuchte, Hylas zu verführen, aber als es ihr nicht gelang, ihn ganz einfach mit ins Wasser hineingezogen hatte.

Ich stand wie versteinert da, als mir aufging, was mein Kamerad eben gesagt hatte. Eine tiefe Trauer überfiel mich, ich hatte Hylas ja liebgewonnen, wie einen eigenen Sohn. Aber ich musste auch einsehen, dass die Menschen sich fügen müssen, wenn Unsterbliche ihnen ihren Willen aufzwingen. Ich war tief in Gedanken versunken - erst Polyphemos Stimme holte mich in die Wirklichkeit zurück.

"Es tut mir leid, Herakles", sagte er. "Ich weiß, dass du den Jungen gern hattest. Aber das war eben sein Los, das ihm vorbestimmt war." Nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu: "Und jetzt sollten wir trotzdem zur Argo gehen, die anderen warten sicher schon auf uns.

* * * * * * * * * *

Damit hatte er aber nicht recht gehabt, denn von den anderen sahen wir nichts mehr, als wir zum Strand kamen. Mir war das alles ein bisschen viel auf einmal, deshalb setzte ich mich auf einen Stein und stützte das Kinn in die Hände, während ich verzweifelt versuchte, mir auf das Verschwinden der Argo einen Reim zu machen.

Ich schaute auf das Meer hinaus und sah, wie es plötzlich aufschäumte. Aus den Wellen erhob sich der Oberkörper des uralten Meeresgottes Glaukos. Seine langen Haare und sein mächtiger Vollbart erzielten eine eindrucksvolle Wirkung.

"Hadert nicht mit eurem Schicksal", erdröhnte seine kräftige Bassstimme. "Die Götter haben andere Aufgaben für euch vorgesehen, deshalb durften eure Kameraden nicht auf euch warten. Du, Polyphemos, sollst in Mysien eine Stadt gründen. Du wirst ihr den Namen Chios geben. Und du, Herakles, du wirst wohl nach Hause gehen wollen. Aber keine Sorge, dein Schicksal wird dich einholen."

Glaukos nickte noch einmal ernst, dann verschwand er wieder in der Fluten, bevor wir uns noch gefasst hatten.


Bernhard Kauntz, Västerås 2002


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