DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Laios und Iokaste


Da standen wir nun, an einem fremden Strand, in einem fremden Land - wir dachten, dass wir an der Küste Bithyniens sein mussten - und davon hatten sowohl Polyphemos als auch ich nur den Namen gehört. Was sich dahinter verbarg, wusste bisher kaum ein Grieche und wir würden es auch nicht selbst erfahren, nachdem uns unsere Kameraden auf der Argo im Stich gelassen hatten. Im Stich lassen mussten, verbesserte ich meinen Gedankengang, denn es war ja der Wille der Götter, dass wir nicht weiterfahren durften.

Wir übernachteten bei unserer Feuerstelle und wollten erst am nächsten Morgen die Heimreise antreten. Heim, ja wenigstens für mich war es eine Reise nach Hause, denn mir war klar, dass ich schnell meine Familie wiedersehen wollte. Polyphemos sollte ja nach Mysien gehen, auch das laut dem Willen der Götter.

Wir hatten beschlossen, der Küste entlang westwärts zu gehen, damit wir nicht die Richtung verloren. An der Kuhfurt, dort wo einst Io als Kuh Europa verlassen hatte, sollten sich unsere Wege trennen. Polyphemos würde dann nach Süden abweichen, noch immer der Küste folgend, während ich den Bosporos überqueren würde, um wieder nach Griechenland zu kommen. So weit hatten wir uns abgesprochen und wir waren zufrieden, wenigstens den ersten Teil der Reise gemeinsam durchführen zu können.

Am nächsten Morgen brachen wir auf. Wir wussten, dass uns ein weiter Weg erwartete, daher hatten wir es nicht allzu eilig, um nicht gleich am Anfang müde zu werden. Ein paar Tage mehr oder weniger spielten jetzt auch keine Rolle.

"Du, sag mal, Herakles", meinte Polyphemos am Nachmittag des ersten Tages, "du bist doch aus Theben, nicht wahr?"

"Ja, sicher", antwortete ich ein wenig überrascht, denn das war ja ziemlich allgemein bekannt. Aber ich merkte gleich, dass das eigentlich keine Frage gewesen war, sondern nur eine Einleitung.

"Kannst du mir nicht die Geschichte von König Ödipus erzählen?" Polyphemos grinste mir zu. "Ich kenne sie nur in ganz groben Zügen, es wäre interessant, sie auch aus näherer Quelle zu hören. Und auf diese Art würde uns auch die Zeit beim Wandern ein wenig schneller vergehen."

Auch wenn ich beim Geschichten erzählen lieber zuhöre, als selbst zu reden, konnte ich die Bitte nicht gern abschlagen. Ich sammelte also meine Gedanken ein paar Minuten lang und dann begann ich:

"Nun gut, aber da möchte ich zuerst von seinen Eltern erzählen, Laios und Iokaste. Von denen hast du sicher schon gehört, oder?"

"Ja." Polyphemos nickte. "Die beiden hatten es ziemlich schwer, miteinander auszukommen, glaube ich."

"Ja, so ist es wohl, wenn ein Mann, der Männer liebt, seiner Stellung wegen eine Frau heiraten muss, noch dazu um Thronerben zu zeugen." Nachdenklich stieß ich mit den Zehen einen kleinen Stein zur Seite, bevor ich weitersprach. "Es mag ja sein, dass ein Mann Jünglinge wegen ihrer Schönheit liebt, meistens aber tut das dem Eheleben keinen Abbruch. Laios dagegen war wirklich homosexuell und das ist ja nicht zuletzt wegen dem Fortbestand der Familie und auch der Rasse nicht gut."

"Hast du eine Ahnung von der Abstammung des Laios", unterbrach Polyphemos meine Überlegungen.

"Ja, sicher", erwiderte ich nach kurzem Nachdenken. "Laios war ein Großenkel des Kadmos, Enkel des Polydoros und Sohn des Labdakos. Auch Iokaste hat ihr Leben dem Kadmos zu verdanken, denn sie ist in direkter Linie Nachfahrin der gesäten Männer, die Kadmos aus Drachenzähnen schuf.
Aber zurück zu Laios. Als er einmal bei Pelops zu Besuch war, verliebte er sich in dessen Sohn Chrysippos und nahm ihn dann ganz einfach nach Theben mit. Seit dessen dürfte aber das Eheleben mit Iokaste vollständig aufgehört haben, denn die Königin beschwerte sich eines Tages bei Hera, die als Hüterin des Ehelebens ja dafür zuständig war. Hera, drastisch wie immer, schickte gleich eine Sphinx, die sich vor den Stadttoren niederließ."

Beim Gedanken an Hera schüttelte ich unwillig den Kopf. Dieses Miststück hatte wirklich kein Maß für Ziel oder Rahmen. Was konnten denn die Thebaner dafür, dass Laios entartet war?

"Natürlich litten die Bürger der Stadt unter der Bestie vor ihren Toren", sprach ich dann weiter, meinen Gedanken folgend. "Bald sprach es sich herum, dass die Sphinx bleiben würde, bis Laios wieder mit seiner Gemahlin das Bett teilte. Dem Druck der Bevölkerung ausgesetzt, entschied sich Laios seufzend, Chrysippos zu seinem Vater zurückzuschicken. Aber die Sphinx blieb, wo sie war.
Die Leute munkelten bald, dass dies so geschah, weil Laios noch immer nicht seine eheliche Pflicht erfüllte. Aber daran glaube ich eigentlich nicht. Wäre Laios sonst nach Delphi gefahren, um das Orakel zu befragen, warum sie keine Kinder bekamen?"

Ich sah Polyphemos an, um eine Bestätigung meiner Theorie zu bekommen und er nickte mir beifallend zu.

"Der Orakelspruch machte aber alles noch schlimmer", fuhr ich fort. "Denn die Pythia sagte ihm klipp und klar, dass er froh sein solle, noch keinen Erben zu haben, denn bekäme er einen, würde ihm dieser das Leben nehmen. Dadurch hatte Laios wohl alle Lust verloren, auch nur zu versuchen, einen Nachkommen zu zeugen."

"Wenigstens das ist irgendwie verständlich", meinte Polyphemos. Da musste auch ich ihm recht geben.

"Aber", begann ich wieder, "Iokaste glaubte ihrem Mann nicht. Sie meinte, das sei nur eine neue Ausrede; nicht zuletzt, weil der Orakelspruch vollkommen unverschleiert im Klartext gegeben wurde. Das sah der Pythia nicht ähnlich. Normalerweise hüllt ja das Orakel seine Worte in schwer durchschaubare Phrasen, die man manchmal kaum zu deuten vermag. Deshalb gab Iokaste es nicht auf, sich Kinder zu wünschen. Und eines Tages, als ihr Mann zuviel getrunken hatte, verführte sie ihn und wurde schwanger. Neun Monate später gebar sie einen Knaben. Die Sphinx allerdings blieb, wo sie war. Vermutlich fand Hera, dass Laios ihrem Wunsch nicht nachgekommen war, sondern dass es allein Iokastes Verdienst war, dass sie ein Kind bekommen hatte.

Ich ginste Polyphemos augenzwinkernd zu. "Bei diesem Weib, der Hera also, wundert mich nämlich gar nichts mehr."

Polyphemos sah mich ein wenig zweifelnd an, vermutlich wegen meiner Ausdrucksweise, die er wahrscheinlich Göttern gegenüber als ungebührlich empfand. Schnell versuchte er, mich wieder auf das richtige Gleis zu führen.

"Und dieser Knabe war Ödipus?"

"Ja", bestätigte ich. "Das heißt, seinen Namen bekam er erst später. Denn Laios flippte jetzt vollkommen aus. Aus nackter Angst ließ er dem Jungen die kleinen Füße durchbohren und mit einer Schnur zusammenbinden. Dann drückte er das Kind einem Diener in die Hand und befahl, dieser solle den Knaben im Wald aussetzen. Frag mich nicht, wozu es gut war, ihm die Füße zu zerstechen - er konnte ja schließlich nicht einmal noch laufen."

Ich schwieg und fand, dass ich für den Augenblick genug geredet hatte. Ich sah einer Weile der untergehenden Sonne zu, während wir weitermarschierten, dann meinte ich:

"Ich glaube, wir sollten uns jetzt um ein Nachtlager kümmern, ich erzähle dir Ödipus Schicksal ein anderes Mal."


Bernhard Kauntz, Västerås 2002


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