DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

König Ödipus


Wir hatten wieder ein paar Tagesmärsche hinter uns, durch ziemlich schwieriges Gelände, mit vielen Klettertouren und einigen Umwegen, aber wir hatten schönes Wetter und wir freuten uns über jeden Schritt, der uns weiter nach Westen brachte. Gestern sahen wir eine Insel, weit draußen im Meer, als wir ganz oben auf einer felsigen Anhöhe standen. Wir glaubten, dass dies die Heimat der Dolionen sein konnte und überlegten uns ein paar Augenblicke lang, ob wir ein Floß bauen sollten, um zu versuchen, hinüber zu rudern. Aber wir verwarfen die Idee wieder. Polyphemos war von dem Gedanken mehr angetan gewesen, als ich, weil ich fand, dass es uns zu viel Zeit kosten würde - auch wenn ein Wiedersehen seine Reize gehabt haben könnte. Aber die Dolionen hätten uns sicher dazu überredet, ein paar Tage lang zu bleiben; ich aber wollte nach Hause. Und zuvorkommend, wie Polyphemos nun einmal ist, gab er nach und wir setzten unseren Weg fort. Jetzt haben wir gerade unser Lager in einer kleinen Höhle aufgeschlagen, die ganz vorzüglichen Schutz gegen Wind und Wetter bildet. Ich habe soeben Holz für unser Feuer gesammelt und schreibe schnell wieder ein paar Worte nieder, während Polyphemos in den Wald gegangen ist, um ein wenig frisches Fleisch zu besorgen.

Heute am Vormittag war er wieder auf das Leben des Ödipus zu sprechen gekommen. Er meinte, dass es komisch sei, dass dieser so viele ruhige und vermutlich auch glückliche Jahre verbringen durfte, bevor das Schicksal wieder zuschlug. Er hatte Theben ja tatsächlich fast zwei Jahrzehnte lang als König regiert, eine sehr harmonische Zeit für ihn, bevor die Pest in die Stadt kam.

Theben war nach der Belagerung der Sphinx wieder aufgeblüht. Unter der Regentschaft des Ödipus, die sich durch Wohlwollen und Gerechtigkeit auszeichnete, hatte die Stadt bald wieder ihren guten Leumund zurückgewonnen und besaß nun dasselbe hohe Ansehen wie früher. Ödipus hatte Iokaste geheiratet und sie hatten zusammen vier Kinder bekommen, zwei Buben und zwei Mädchen, die nunmehr schon in heiratsfähigem Alter waren.

Doch jetzt kam, wie schon erwähnt, die Pest in die Stadt. Nun ist das ja ein Ereignis, dem viele Städte von Zeit zu Zeit ausgesetzt sind, aber normalerweise verschwindet die Plage wieder nach ein paar Monaten oder höchstens einem Jahr. Aber in Theben biss sich die Krankheit fest. Sie war nicht sehr aggressiv, wie sonst so oft, nein, die Pest forderte ihren Tribut dadurch, dass sie immer nur ein paar Leben auslöschte. Bald fand man dies sehr merkwürdig, sodass man wieder Leute zum Orakel nach Delphi sandte, um die Ursache dieser Seuche zu erkunden. Die Pythia gab erneut eine ganz deutliche Antwort, ohne ihre Worte zu verschleiern:

"Treibt den Mörder des König Laios aus der Stadt, dann wird die Pest verschwinden."

Aber das half ja nichts. Niemand hatte auch nur die Spur einer Ahnung, wer den alten König ermordet haben könnte; außerdem war man noch immer der Meinung, dass es eine Räuberbande gewesen sei, die damals den König und sein Gefolge attackiert hatte. Nun rief man einen Seher zu Hilfe. Dieser sagte, dass einer von den gesäten Männern die Stadt verlassen müsse, damit sie wieder befreit werde. Menoikos, der Vater von Iokaste, war einer der streitbaren Männer, die aus den Drachenzähnen, die Kadmos gesät hatte, hervorgewachsen war. Er fühlte sich getroffen und in seiner Verzweiflung sprang er von der Stadtmauer aus zu Tode, um Theben retten zu können. Dieses Opfer half jedoch überhaupt nicht, weil der Seher bald darauf verkündete, es müsse jemand aus der dritten Generation der Nachfahren der gesäten Männer sein, der die Schuld auf sich geladen hatte. Aber trotz aller Nachforschungen fand man in der ganzen Stadt niemand, auf den dies zutreffen konnte. Die Diskussionen, was man denn jetzt machen könne, gingen weiter.

Schließlich aber sieht der Wahrsager auch die ganze Wahrheit und erzählt sie König Ödipus. Dieser ist natürlich vollkommen entsetzt - wer wäre das nicht gewesen? - und seine erste Reaktion ist, die Schuld von sich zu weisen. Trotz seiner Weisheit und dem Gerechtigkeitssinn, den man ihm nachsagt, müssen wir ihm dennoch verzeihen, dass er am Anfang die Wahrheit nicht erkennen will. War es doch das Allerletzte, was er im Sinn hatte, der Stadt, die ihn zum König gemacht hatte, Verderben zu bringen. Außerdem wäre es eine fürchterliche, persönliche Tragödie für ihn, denn es würde bedeuten, dass es sein eigener Vater gewesen war, den er vor so langer Zeit bei diesem unseligen Kampf am Kreuzweg getötet hatte. Und noch schlimmer! Da wäre er ja wirklich mit seiner eigenen Mutter verheiratet, die ihm vier Kinder geboren hatte, genau wie ihm das Orakel dies weisgesagt hatte.

Man muss einsehen, dass das eine allzu große Last war, die man da auf Ödipus Schultern legen wollte und dass er deshalb versucht, sich dieser schrecklichen Verantwortung zu entziehen, auch wenn das Misstrauen gegen sich selbst vielleicht doch schon beginnt, Wurzeln zu schlagen. Deshalb wählt Ödipus eine andere Erklärung. Er beschuldigt den Wahrsager, mit Kreon gemeinsame Sache zu machen, dass sie diese Geschichte nur erfunden hätten, um ihn, Ödipus, zu stürzen und Kreon zum König zu machen.

Der König sucht nun bei seiner Gattin Zuflucht, die ihn tröstet und meint, dass die Seher mit ihren Aussagen ja doch nicht immer ins Schwarze treffen konnten. Sie erzählt ihm, dass man Laios vorausgesagt hatte, dass er von seinem eigenen Sohn getötet werden würde. Das sei aber unmöglich, weil er das Kind töten lassen hatte.

Ödipus beruhigt sich ein wenig, aber sein Gerechtigkeitssinn und sein Gewissen gebieten ihm, dass er jetzt der Geschichte auf den Grund geht. Außerdem will er sich selbst Gewissheit verschaffen. Er hofft ja auch, diese grauenhaften Verdächtigungen gegen sich selbst loszuwerden. Er verlangt, dass man den Diener herbeiführen soll, der den Auftrag bekommen hatte, den Sohn des König Laios zu töten. Das ist jedoch nicht so einfach, weil dieser Mann mit dem identisch ist, der auf der schicksalhaften Fahrt des Königs mitgewesen war, und der der Einzige war, der das Abenteuer überlebt hatte. Er lebt jetzt als Hirte irgendwo auf dem Land, wenn er überhaupt noch am Leben ist. Aber schließlich findet man den greisen Mann und führt ihn nach Theben.

Ödipus und der Diener erkennen einander auch nach so langer Zeit wieder und der Alte gesteht außerdem, dass er den Neugeborenen damals nicht töten konnte, sondern dass er ihn weitergegeben hat.

Während die Einsicht des Königs an seiner eigenen Schuld immer größer wird, hat das Schicksal bestimmt, jetzt ganz aufzuräumen. Ein Gesandter kommt aus Korinth, um mitzuteilen, daß König Polybos, der Mann, den Ödipus bisher immer für seinen Vater gehalten hat, gestorben ist. Aber es kommt schlimmer. Auch dieser Mann war ein Teil der Kette menschlicher Gehilfen, die damals dazugeholfen hatten, den jungen Ödipus bis an den Hof von Korinth zu bringen.

Jetzt, da die Wahrheit sich nicht länger verleugnen lässt, sehen sowohl Ödipus, als auch seine Mutter und Gattin ein, dass sie - unwissend zwar - Blutschande begangen haben und am Schicksal der Stadt schuld sind. Iokaste vermag es nicht, mit diesem Wissen weiterzuleben und erhängt sich. Ödipus sticht sich in seiner Verzweiflung die Augen aus und beschließt, sofort die Stadt zu verlassen. Seine Tochter Antigone, die gleichzeitig auch seine Halbschwester ist, hat Mitleid mit ihm und entscheidet sich, Ödipus zu begleiten, um ihm den Weg zu weisen.

* * * * * * * * * *

Aber schau, da kommt Polyphemos schon zurück! Was bringt er denn mit? Ich glaube, das sind zwei Hasen, die da von seiner Schulter hängen. Da ist es höchste Zeit, das Tagebuch wegzulegen und anzufangen, das Essen vorzubereiten.


Bernhard Kauntz, Västerås 2003


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