DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Die Söhne des Ödipus


Am selben Abend, als wir schon auf unseren Schlaffellen lagen, griff Polyphemos die Frage um Ödipus nocheinmal auf.

"Was ist eigentlich nachher passiert", fragte er, "als Ödipus Theben verlassen hatte?"

Draußen hatte es zu regnen begonnen, aber wir lagen sicher geschützt in unserer Höhle und ich fand es recht romantisch, zum schwachen Schein der Glut unseres Feuers beim Höhleneingang noch ein wenig zu plaudern.

"Du weißt von dem Orakelspruch, der besagte, dass die Stadt, in der Ödipus sterben würde, zu hohen Ehren gelangen solle?"

"Ja, das weiß ich", antwortete mein Freund. "Er ist in Athen gestorben, nicht wahr?"

"Das stimmt", bestätigte ich. "Aber es gab vorher viele Leute, die Ödipus bewegen wollten, in ihre Stadt zu ziehen. Nicht zuletzt seine beiden Söhne wollten ihn zur Rückkehr bewegen."

"Ja? Regierten die beiden gemeinsam in Theben nachher?"

"Nein, im Gegenteil. Eteokles und Polyneikes stritten sich schon vom ersten Tag an darum, wer von ihnen König werden solle. Die beiden Söhne des Ödipus waren charakterlich sehr verschieden. Polyneikes, der ältere, war redegewandt und theoretisch begabt, aber auch hartherzig, nahezu grausam. Eteokles dagegen hatte ein weiches Gemüt, war aber leicht beeinflussbar und nicht gerade eine Intelligenzbestie. Allein schon dieser Grund führte dazu, dass sich die beiden Brüder nicht sehr gut leiden konnten."

Ich brach ab und hörte eine Weile dem Rauschen des Regens zu, während ich darüber nachdachte, wieviel Elend doch durch die Zwistigkeiten um Macht und Ehre den Menschen beschert worden war. Ich selbst fühlte kein Verlangen danach, vielleicht aber hatte ich auch nur zu wenig Ehrgeiz?

"In einer Sache waren sich Polyneikes und Eteokles allerdings einig", erzählte ich dann weiter. "Nämlich darüber, dass sie ihren Vater zurückholen wollten, um Theben Glanz und Ruhm zu verschaffen. So suchten sie ihn gemeinsam auf - Ödipus wollte jedoch nichts von einer Rückkehr wissen. Die Söhne zogen gemeinsam wieder ab, aber in der Nacht schlich Polyneikes zurück zu dem Olivenhain im Norden von Athen, wo er seinen Vater wusste.

'Wenn du schon nicht zurückkommen willst, dann gib mir doch wenigstens deinen Segen, Vater', sagte er. 'Wenn du mich segnest, werde ich mich darauf berufen können und deine Nachfolge antreten können. Du weißt doch selbst, dass Eteokles zu dumm ist, um König zu werden.'

Über diesen letzten Satz wurde Ödipus aber so zornig, dass er Polyneikes verfluchte und davonjagte. Doch Eteokles war um keinen Deut besser als sein Bruder. Auch er schlich in dieser Nacht zum Vater und wollte seinen Segen, doch mit dem Argument, dass Polyneikes zu hart und zu jähzornig sei, um ein guter König zu werden. Auch ihn verfluchte Ödipus und jagte ihn davon.

Polyphemos seufzte. "Ja, es ist immer leichter, die Fehler des anderen anzuprangern, als seine eigenen einzugestehen..."

"Ja, leider", gab ich zu. "Aber da gibt es auch ein Sprichwort, das in diesem Fall äußerst zutreffend ist: 'Wenn sich zwei streiten, dann freut sich der Dritte.' Der Dritte in diesem Fall war Kreon, der Bruder von Iokaste und daher der Onkel der Söhne des Ödipus, obwohl er ja gleichzeitig auch Ödipus Onkel war. Als Kreon nun hörte, dass seine Neffen nichts erreicht hatten, beschloss er, sich selbst zu fördern. Er nahm ein kleines Heer mit und dachte, dass er Ödipus mit Gewalt nach Theben zurückholen könnte, sollte er es nicht freiwillig tun. Die Bürger der Stadt würden es ihm vermutlich zu danken wissen, dass er Theben ewigen Ruhm verschaffte, sodass sie ihm wohl die Königswürde anerkennen mussten. Aber das gelang ihm nicht, denn Theseus kam Ödipus zu Hilfe und geleitete ihn nach Athen."

Ich lachte auf, als ich an Theseus eigene Schilderung dieser Begebenheit dachte.

"Du müsstest Theseus selber hören, wenn er diese Geschichte erzählt, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was für Feigling Kreon eigentlich war", erklärte ich Polyphemos, der mich verständnislos angebrummt hatte, als ich plötzlich loslachte.

"Wer wurde dann aber König von Theben?"

"Letztendlich doch Kreon", antwortete ich, "aber das ist noch eine lange Geschichte. Willst du sie jetzt noch hören, oder willst du schon schlafen?"

"Nein, erzähle ruhig noch eine Weile weiter", bat Polyphemos. "Du erzählst so spannend."

Gibt es jemand, der durch solche Komplimente nicht weich gemacht würde? Also sprach ich weiter:

"Kreon war jetzt natürlich vorerst aus dem Rennen, denn das Misslingen seines Vorhabens begünstigte ja seine Chancen beim Volk nicht. Das sah er auch ein. Aber da er seine Neffen auch nicht dazu bewegen konnte oder wollte, gemeinsam zu regieren, machte er ihnen einen neuen Vorschlag. Er meinte, sie könnten sich ja abwechseln und jeder ein Jahr lang König sein. Das schien auch den beiden Brüdern ein fairer Vorschlag zu sein und sie willigten ein. Aber als Kreon vorschlug, dass Polyneikes beginnen solle, das Amt auszuüben, meinte dieser:

'Warum ich?'

'Weil du der ältere bist', antwortete Kreon.

Aber Polyneikes dachte bei sich, dass es kein Vorteil sei, zuerst König zu werden. Er dachte, dass sie, unerfahren, wie sie waren, wohl Fehler machen würden und dass der, der das Amt später übernahm, aus den Fehlern des Vorgängers schon gelernt haben würde. Das Volk aber würde beide nach ihren Leistungen beurteilen. Daher sagte Polyneikes:

'Nein. Ich will nicht. Eteokles soll anfangen.'

Kreon hatte nichts einzuwenden, im Gegenteil vielleicht, weil er wohl wusste, dass er Eteokles leichter beeinflussen konnte, als seinen Bruder. Und nachdem auch Eteokles zustimmte, wurde er zum König ausgerufen.
Eteokles hatte aber tatsächlich nicht die Disziplin und die Entscheidungskraft, die es braucht, um ein solches Amt auszuüben. Er wandte sich immer öfter an seinen Onkel um Rat und bat um Hilfe bei der Regierungsarbeit, sodass es in Wahrheit Kreon war, der die Stadt regierte.
Polyneikes war inzwischen nicht untätig. Er notierte die kleinsten Fehler seines Bruders und machte Propaganda daraus. Er rief Bürgerversammlungen ein, zeigte Missstände auf und versprach, dass es unter ihm viel besser werden würde. Er betrieb seine Opposition bei jeder Gelegenheit, ganz gleich ob es ein formelles Staatstreffen war, an dem er teilnahm, oder ein Sportwettbewerb, bei dem er zu den Zuschauern sprach."

"Ja, aber", meldete sich Polyphemos zu Wort, "aber war das auch wirklich gut für ihn? Ich meine, wäre es nicht besser gewesen, er hätte nicht so viel geredet, sondern dann lieber gezeigt, dass er es besser machen konnte? Was du da erzählst, scheint mir viel zu übertrieben."

"Natürlich. Du hast ganz recht", stimmte ich zu. "Aber die Maßlosigkeit war ja auch ein Charakterzug des Polyneikes. Er schoss immer über sein Ziel hinaus. Und gerade das wurde ihm auch zum Verhängnis. Denn als das Jahr um war, gab Kreon Eteokles den Rat, Polyneikes verhaften zu lassen."

"He!" Polyphemos Stimme hörte sich aufgebracht an, was auch durchaus verständlich war. "Aber war denn das möglich? Das Volk musste doch auch von dem Abkommen der Brüder gewusst haben. Hat nicht jeder ehrliche Bürger gleich gegen diese Maßnahme reagiert?"

"Nun, nicht alle. Du darfst nicht vergessen, dass viele den kalten, streitsüchtigen und auch arroganten Polyneikes von Haus aus nicht sehr mochten. Ein Teil reagierte auch wie du und meinte, dass er in dem vergangenen Jahr viel zu viel geredet hatte. Das nützte nun Kreon aus. Er erklärte, dass Polyneikes staatsfeindliche Äußerungen getan hatte, dass es ihm nicht um das Wohl Thebens, sondern nur um seine eigene Macht ginge und dass er somit sein Anrecht auf den Thron verspielt hatte. Das half dazu, die vielen Leute ohne eigene Ansichten, die es ja überall gibt, umzustimmen. Theben war in dieser Frage sehr gespalten, aber es war eben politisch gerade noch machbar, was Kreon hier geplant hatte."

Ich dachte daran, wieviel auf unserer Welt wohl geschah, nicht weil es recht war, sondern weil es eben "politisch gerade noch machbar" war. Wen kümmert schon das Recht, wenn es gilt seine Machstellung zu verteidigen oder auszubauen? Ein paar Idealisten vielleicht, aber die waren dann meistens auch an der Macht nicht interessiert...

"Es gab aber immerhin auch Anhänger des Polyneikes und ein paar Leute, denen das Recht wichtig war", schloss ich meine Erzählung ab. "Diese Männer verhalfen dem Polyneikes dann zur Flucht. Was natürlich wieder zu schwerwiegenden Konsequenzen führte. Aber darüber reden wir ein anderes Mal. Jetzt ist es Zeit zu schlafen. Gute Nacht!"


Bernhard Kauntz, Västerås 2003


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