DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Kriegsvorbereitungen


Jetzt sitzen wir noch immer, oder besser gesagt schon wieder, in dieser Höhle. Am Nachmittag wurde der Regen endlich ein bisschen leichter, als wir noch etwa ein Viertel des Tages vor uns hatten. Wir beschlossen, die Zeit zu nützen und uns auf den Weg zu machen. Aber wir kamen nicht weit. Nach einer Weile kamen wir an einen großen Fluss. Es ist unmöglich, ihn ohne Floß zu überqueren, besonders jetzt, nach dem vielen Regen. Die Ufer waren heute schon überschwemmt und wenn es flussaufwärts auch so viel geregnet hat, wird das in den nächsten Tagen noch schlimmer.

Wir begannen, ein paar Bäume zu fällen, aber wir kamen nicht sehr weit, bevor es anfing dunkel zu werden. Und da konnten wir genau so gern das Stückchen nocheinmal zurückgehen, weil wir hier einen sicheren Unterschlupf wussten.

Der einzige Vorteil ist, dass ich glaube - sofern es der Fluss ist, den ich meine - dass wir jetzt bald an der Kuhfurt sein werden und dass ich dann endlich wieder griechischen Boden betreten kann und bald zu Hause bin. Schade, dass sich dann aber auch unsere Wege trennen müssen, denn ich habe Polyphemos lieb gewonnen, wie einen Bruder. Das, obwohl mein Freund mir ziemlich hart zusetzt, wenn es um das Erzählen geht. Wir hatten uns kaum in Ruhe niedergesetzt, als er meinte:

"Na, jetzt aber heraus mit der Sprache. Wer waren die beiden, die da an den Hof von König Adrastos kamen? Jetzt haben wir ja ohnehin wieder Pause, da kannst du gleich weitererzählen. Einer von den beiden war Polyneikes, nicht wahr?"

"Ja, das ist richtig", sagte ich. "Der mit dem Löwenschild war Polyneikes, der, auf der Flucht aus Theben, nach Argos gekommen war."

"Und wer war der mit dem Eber auf dem Schild?" Polyphemos gab mir keine Ruhe.

"Das war Tydeus", beschloss ich also seufzend, die Geschichte fortzusetzen. "Tydeus ist ein Sohn von König Oineus aus Kalydon. Aus zweiter Ehe, denn zuerst war Oineus ja mit Altheia verheiratet, der Mutter von Meleager, die sich selbst das Leben nahm, nachdem sie ihren Sohn zum Tod verurteilt hatte. Hast du die Geschichte von der kalydonischen Eberjagd gehört, als Atalante sie erzählte?"

"Nein, aber ich habe schon früher von diesen tragischen Geschehnissen gehört. Eine komische Familie..." Polyphemos ließ die Worte versickern. Dann fragte er:

"Weißt du, dass Altheia eine Tochter von Dionysos hatte?"

"Nein, keine Ahnung. Wie ging das zu? Erzähle du einmal zur Abwechslung."

"Dionysos kam an den Hof in Kalydon, wurde dort gut bewirtet und wollte sich nachher erkenntlich zeigen. Er ließ Oineus ein neues Getränk kosten, das er eben erfunden hatte. Das schmeckte dem König so gut, dass er kaum aufhören konnte, zu trinken. Er wurde immer besser gelaunt und trank immer mehr. Als Dionysos dann meinte, dass es nun wohl genug sei, bettelte Oineus um noch einen Krug. Dionysos zögerte aber eine Weile, da bot ihm Oineus eine Nacht mit seiner Frau an. Nun gab der Gott nach und brachte noch einen Krug. Am nächsten Morgen sagte er noch zum König, dass er sein Getränk nach Oineus benennen wolle, wegen dessen Großzügigkeit."

"Ja, klar", rief ich aus, als mir ein Licht aufging. "Oinos - der Wein! Natürlich ist er nach Oineus benannt. Da wundert es mich nicht, dass der König so guter Laune war!"

"Eben." Polyphemos grinste breit. "Und diese Liebesnacht blieb auch nicht ohne Folgen. Altheia gebar ein Mädchen, das sie Deianeira nannten. Aber genug davon, jetzt bist wieder du an der Reihe. Wer wurde Oineus zweite Frau, die Mutter von diesem Tydeus?"

"Sie hieß Periboia", übernahm ich die Erzählung wieder. "Aber es wurde keine glückliche Ehe und Oineus mochte auch Tydeus nicht besonders. Er schlug ihn oft. Und eines Tages schlug der Junge zurück und es kam zu einem Raufhandel zwischen Vater und Sohn. Danach wurde Tydeus vom Hof verbannt. So lautet wenigstens die Geschichte, die Tydeus in Argos erzählte - ich kenne die Version der anderen Seite nicht. Aber deshalb bat Tydeus König Adrastos, ihm gegen seinen Vater zu helfen. Polyneikes erzählte seinerseits von dem Unrecht, das ihm in Theben widerfahren war und bat ebenfalls um Adrastos Hilfe. Dann sagte er zu Tydeus:

'Wenn du mir hilfst, dann helfe ich dir.'

Tydeus ging auf den Tauschhandel ein und Adrastos, der in den beiden ja seine Schwiegersöhne sah, sagte ihnen ebenfalls seine Hilfe zu.

'Aber wir dürfen nichts übereilen', sagte Adrastos. 'Wenn wir gewinnen wollen, dann müssen wir ein starkes Heer auf die Beine stellen. Außerdem brauchen wir Heerführer. Ich bin der Meinung, dass wir in Theben anfangen. Diese Stadt hat sieben Tore. Wir brauchen also für jedes Tor einen Einsatzleiter. Wir sind drei, also fehlen noch vier. Die müssen zuerst gefunden werden.'

Den beiden jungen Männern gefiel dieser Plan und sie beglückwünschten sich und einander, einen so umsichtigen Mitstreiter bekommen zu haben.

Der König machte sich zunächst daran, seinen Freund Amphiaraos für den Feldzug zu gewinnen. Das war nicht leicht, denn Amphiaraos war sehr unentschlossen. Er sagte erst ab, dann zu, dann wieder ab. Schließlich sagte er aber doch zu.
In der Zwischenzeit richtete Adrastos es so ein, dass seine beiden Töchter, Argeia und Deipyle, oft die Gelegenheit hatten, mit Polyneikes und Tydeus zusammenzutreffen. Es dauerte auch gar nicht lange, bevor die ersten feurigen Blicke fielen und die vier von sich aus versuchten, einander zu sehen.

Der fünfte Held, der sich dem Feldzug anschloss, war Parthenopaios. Über ihn weiß man nicht viel. Er soll aus Arkadien stammen, aber sicher weiß man das auch nicht. Er war ein finsterer, mürrischer Geselle, der eines Tages des Weges kam. Er besaß aber eine ausgeprägte Persönlichkeit, machte einen ziemlich wilden und äußerst starken Eindruck, sodass man ihn fragte, ob er mitziehen wolle. Er sagte einfach:

'Ja.' Weder mehr noch weniger.

Der nächste Anführer kam von selbst. Er hieß Kapaneus und war ein Großmaul. Er hatte gehört, dass man zu einem Feldzug rüstete. Er kam und behauptete:

'Die Stadt, die ich nicht erstürmen kann, die gibt es nicht. Nicht einmal Zeus könnte mich daran hindern.'

Inzwischen wurde zur Hochzeit gerüstet. Argeia hatte an Polyneikes Gefallen gefunden und ihre jüngere Schwester an Tydeus. Es wurde ein großes Fest, eine Doppelhochzeit, an der ganz Argos teilnahm.

Aber es fehlte noch immer ein siebenter Mann. Die Zeit verging und Polyneikes wurde immer rastloser. Schließlich entschied man sich dafür, Hippodemon zu fragen. Er war ein Neffe des Adrastos und vielleicht ein wenig zu jung und auch zu zaghaft, um wirklich erste Wahl zu sein. Aber weil Polyneikes Drängen immer stärker wurde, fragte man also diesen Hippodemon. Der fühlte sich geehrt und sagte gleich zu."

"Und dann ging es los", warf Polyphemos ein.

"Nein, noch nicht. Es kam noch zu einem größeren Zwischenfall. Aber du musst dich ein wenig gedulden, ich brauche eine Pause."

Ich stand auf, ging am Feuer vorbei und stellte mich vor den Höhleneingang, um mir ein wenig die Beine zu vertreten. Der Himmel war klar geworden und ich genoss das gewaltige Schauspiel des Sternenhimmels eine Weile. Ich dachte daran, dass viele unserer Helden dort als Sterne ihren Platz gefunden haben. Von den Göttern geehrt, war ihnen auf diese Art Unsterblichkeit zugesichert worden... Als ich mich genügend erholt hatte, ging ich zurück zu Polyphemos und begann wieder zu erzählen.

"Als man schon zum Aufbruch rüstete, hatte Amphiaraos wieder seine Ansicht geändert. Der Seher kam zum König und behauptete gesehen zu haben, dass dieser Krieg verloren gehen würde, ja schlimmer noch, dass nur Adrastos ihn überleben würde. Am Tag darauf war Amphiaraos verschwunden. Polyneikes schäumte vor Wut. Er wollte nun wirklich nicht länger warten. Von seiner Frau hatte er von der Abmachung zwischen Adrastos und Amphiaraos erfahren, die Eriphyle die Entscheidungsgewalt garantierte, sollten sie beiden Freunde nicht einig sein.
Er ging zu Eriphyle und versuchte, sie zu beeinflussen. Er fragte sie aus, wo sich Amphiaraos versteckt halten könne. Er versuchte, sie zu überreden, dass sie doch entscheiden solle, dass der Krieg gegen Theben stattfinden müsse - doch vergebens.

'Was gehen mich eure Männergeschäfte an', sagte sie.

Aber Polyneikes gab nicht auf. Zur Hochzeit hatte er seiner Frau den Schleier und das Halsband der Harmonia geschenkt. Harmonia, die Tochter von Ares und Aphrodite, hatte es ihrerseits zur Hochzeit mit Kadmos bekommen."

"Von wem", fragte Polyphemos dazwischen.

"Von Hephaistos. Das Halsband sollte seinem Träger Unglück bringen. Es war seine Rache dafür, dass Aphrodite mit Ares fremdgegangen war."

"Und wie hat es Polyneikes in die Hand bekommen?"

"Er nahm es aus Theben mit, als er floh. Es hatte seiner Mutter gehört - und die hatte ja wahrlich Unglück in reichem Ausmaß."

"Aber wenn es Unglück bringen sollte, warum hatte Polyneikes es seiner Frau geschenkt? Das macht doch keinen Sinn." Polyphemos sah mich zweifelnd an.

"Ja, ich weiß das auch nicht genau", antwortete ich ihm. "Vermutlich wusste niemand, dass es verwunschen war. Ich weiß es auch nur, weil Hebe es mir erzählte, als ich im Olymp war." Ich brauchte eine Sekunde, um den roten Faden wiederzufinden, dann sprach ich weiter:

"Dieses Halsband nahm Polyneikes seiner Frau wieder weg und nahm es mit zu Eriphyle. Ich habe das Stück nie gesehen, ich weiß also nicht, wie es aussah. Aber nachdem es von Hephaistos stammt, muss es schon ein außergewöhnlich schöner Schmuck gewesen sein. Polyneikes zeigte also Eriphyle das Halsband und versprach, dass es ihr gehören würde, sollte sie ihren Mann zum Mitmachen bringen. Und jetzt konnte die eitle Frau nicht mehr widerstehen. Sie suchte ihren Mann in seinem Versteck auf und entschied, dass der Krieg stattfinden, und dass Amphiaraos daran teilnehmen solle. An die Entscheidung seiner Frau durch seinen Eid gebunden, blieb Amphiaraos keine andere Wahl. Und am nächsten Tag begann das große Heer sich in Richtung Theben in Bewegung zu setzen."


Bernhard Kauntz, Västerås 2003


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