DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Der Kampf um die Stadt


Am nächsten Morgen, als wir unseren Fleischvorrat aufgefrischt hatten und gerade weitergehen wollten, hatte Polyphemos wieder eine Idee.

"Wir sind jetzt nicht mehr so weit von der Kuhfurt entfernt", sagte er. "Ein paar Tagesreisen, schätze ich. Und wenn wir jetzt schon das Floß haben ... Meinst du nicht, dass wir ein einfaches Segel machen und den Rest des Weges am Meer zurücklegen können?"

Mir war es, ehrlich gesagt, egal. Wenn wir ein Segel verwenden wollten, mussten wir brauchbaren Wind haben, um uns das Rudern zu ersparen. Der Wind durfte aber auch nicht zu stark sein, weil sonst unser gebrechlicher Fahruntersatz sehr bedroht sein würde. An Land musste wir über Felsen klettern und uns manchmal den Weg durch das Dickicht schlagen. Ich stimmte also zu, hauptsächlich weil ich meinem Freund nicht widersprechen wollte.

Und die Götter waren uns wohlgesinnt. Es wehte eine Brise, die stark genug war, um uns voranzutreiben, aber die dennoch das Meer nicht aufwühlte. Natürlich nützte Polyphemos gleich die Gelegenheit, um mich zum Weitererzählen aufzufordern. Er steuerte das Floß mit seinem Paddel, sodass ich ohnehin nichts zu tun hatte. Also griff ich den Faden wieder auf.

"Als Tydeus ins Lager zurückkam und erzählte, was sich zugetragen hatte, war niemand sonderlich begeistert. Die heftigsten Vorwürfe machte ihm Amphiaraos, der gleich wieder drohte, heimzukehren. Mit vereinten Kräften gelang es aber den anderen, ihn umzustimmen. Da nun die Überraschung wegfiel, beschloss Adrastos, dass man die Stadt jetzt offen belagern könne. Er schlug vor, zu losen, wer welches Tor angreifen solle, damit niemand übervorteilt werde.
Das Los entschied, dass Tydeus mit seinen Mannen an Proitos Tor gesetzt wurde, Kapaneus das Tor Elektra zufiel und Adrastos am Neitischen Tor Stellung nehmen solle. Am Tor der Pallas Onka sollte Hippodemon den Kampf führen, Parthenopaios am Borrheischen Tor. Amphiaraos bezog am Homoloischen Tor Stellung, während Polyneikes das Hypsistische Tor zufiel.
Nun begann die Belagerung. Die Thebaner mussten sich wohl eingestehen, dass ihre Chancen nicht sehr groß waren, wenn man die Anzahl und die Stärke der Feinde betrachtete und die Entschlossenheit der Gegner. Man sah Tydeus, wie er mit seinem Helmbusch und dem Schild, das den Vollmond am Nachthimmel zeigte, immer wieder - in sicherer Entfernung - vor dem Proitischen Tor auf und ab ging, einmal seine Männer ermutigend, dann wieder mit wilden Gebärden Flüche und Verwünschungen gegen die Stadt ausstoßend. Man sah Polyneikes mit gemischten Gefühlen, weil ja doch manche fanden, dass er betrogen worden war. Auf seinem Schild sah man eine Göttin, einen Mann führend. Und auch wenn man von der Stadt aus die Inschrift nicht lesen konnte - sie besagte: 'Heimführen will ich diesen Mann' - so verstand man doch den Sinn. Man sah weiters Adrastos auf seinem stolzen Pferd Areion, letzeres göttlicher Abstammung aus der Verbindung zwischen Poseidon und Demeter, und man sah alle anderen - und Zweifel stiegen hoch, ob man wirklich Widerstand bieten konnte.
Wohl besaß man die stärksten erdenklichen Mauern, von Amphion und Zethos erbaut, wohl Konnte Eteokles an jedem der Tore bewährte Kämpfer entgegengestellen, aber würde die Übermacht nicht zu groß werden?"

Ich unterbrach mich, denn ich sah plötzlich, dass Polyphemos mir so gespannt zuhörte, dass er auf das Steuern vergessen hatte und wir dadurch viel zu weit aufs Meer hinausgetrieben waren. Als wir wieder auf sichere Distanz gekommen waren, erzählte ich weiter:

"Eteokles hatte natürlich den Vorteil, jetzt zu wissen, wer an welchem Tor stand - daher konnte er seine eigenen Kämpfer dort einsetzen, wo sie ihm am besten geeignet erschienen. Melanippos, der Sohn von Astakos, der wohl der stärkste Thebaner war, bat selbst, am Proitischen Tor gegen Tydeus gestellt zu werden. Am Tor der Elektra stellte Eteokles Polyphontes gegen Kapaneus. Der König selbst war versucht, am Neitischen Tor gegen den Heerführer der Angreifer zu kämpfen, aber er entschloss sich schließlich doch dafür, seinem Bruder am Hypsistischen Tor entgegenzutreten. Gegen Adrastos stellte er Kreons Sohn, Megareus.
Beim Tor Pallas Onka sollte der Sohn von Oinops, Hyperbias, verteidigen. Vielleicht war der Schild des Hippomedon ausschlaggebend. Dort war nämlich der hundertäugige Argos abgebildet, als er Io bewachte. Und da Hyperbios den Göttervater selbst auf seinem Schild trug, dachte Eteokles vielleicht, dass Zeus mit Argos wegen der Affäre mit Io noch ein Hühnchen zu rupfen hätte.
Arkteus bekam das Borrheische Tor und Parthenopaios als Gegner zugewiesen und schließlich wurde Lasthenes gegen Amphiaraos am Homoloischen Tor gestellt. Damit waren die Stellungen besetzt und eine Zeit des Wartens begann."

"Ja, das ist eine schlimme Zeit", warf Polyphemos ein. "Ich habe selbst eine Belagerung mitgemacht und ich weiß: es gibt nicht Ärgeres, als die Zeit totschlagen zu müssen, während man darauf wartet, dass etwas geschehen soll."

"Ganz richtig", pflichtete ich ihm bei. "Adrastos hatte auch alle Hände voll zu tun, um seine Kämpfer von Unüberlegtheiten abzuhalten. Das ging eine Weile lang gut, aber dann gingen Kapaneus die Nerven durch. Er schnappte sich eine Sturmleiter, nahm seinen Schild, auf dem ein nackter Feuerknecht mit einer Fackel zu sehen war, und stürmte der Stadt entgegen.

'Jetzt zünde ich die Stadt an', schrie er, 'und nicht einmal Zeus kann mich daran hindern.'

Aber noch ehe er in Schussweite für die Speere, Steine und Pfeile gekommen war, zuckte ein Blitz vom Himmel herab und traf Kapaneus mitten im Lauf."

"Recht geschah ihm", vermeldete mein Freund am Steuer. "Man bezahlt es doch meistens teuer, wenn man gegen die Götter frevelt."

"Die ganze Expedition stand unter keinem günstigen Stern", erzählte ich weiter. "Schon in der Nacht darauf geschah das nächste Missgeschick. Im Schutz der Dunkelheit schlich Parthenopaios an das Borrheische Tor, um zu untersuchen, ob man es nicht in Brand stecken konnte. Und als er so an der Mauer entlangschlich, fiel ein großer Felsbrocken von ober herab und erschlug ihn. Periklymenos erklärte später, dass er - ebenfalls im Schutz der Nacht - die Stadtmauern ausbessern wollte, dass ihm der Fels nur außer Kontrolle geriet, als er ihn einsetzen wollte. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass jemand da unten vorbeiging."

"Periklymenos ist ein Halbbruder von mir. Er war es auch, der dann Amphiaraos verfolgte." Polyphemos steuerte scharf nach rechts, weil vor uns ein großer Stein bis fast an die Wasseroberfläche ragte.

"Kein Wunder, dass man viele Geschwister hat, bei diesem Vater", scherzte ich, biss mich aber gleich darauf in die Zunge, weil ich hatte Polyphemos jetzt eine Antwort aufgelegt ...

"Na, Vetter, nun wollen wir nicht darüber streiten, wer von unseren Vätern mehr Abkommen gezeugt hat. Ich bin ziemlich sicher, dass du da besser abschneidest, als ich."

Das hatte ich noch gar nicht bedacht, dass ich mit Polyphemos so nah verwandt war. Aber er hatte ja recht. Poseidon war mein Onkel und deshalb waren wir Cousins. Ich ließ das Thema aber schnell wieder fallen und kehrte zu meiner Erzählung zurück.

"Nach dem Krieg fand man übrigens den Schild des Parthenopaios und ließ ihn öffentlich einschmelzen", fuhr ich schnell fort, "weil als Wappen darauf hatte der Arkadier die Sphinx geführt. An die wollte man nun wirklich nicht erinnert werden.
Jetzt hatten die Belagerer schon zwei Anführer verloren und nun begann auch Adrastos Zweifel zu hegen, ob der Krieg wirklich gewonnen werden könne. Amphiaraos drängte selbstverständlich ebenfalls darauf, heimzukehren. Aber Tydeus und Polyneikes wollten von einem Rückzug nichts wissen. Es fielen harte Worte, besonders zwischen Amphiaraos und Tydeus, bevor man einen Entschluss fasste, bei dem der Seher schließlich doch wieder nachgab. Deshalb blieben die Argiver noch bis an den verhängnisvollen nächsten Tag.
An diesem Morgen hatte nämlich Melanippos genug bekommen. Er forderte Tydeus zu einem Zweikampf vor dem Tor der Stadt heraus, was dieser auch akzeptierte. So kam es, dass sich diese zwei Männer einen Kampf auf Biegen und Brechen lieferten, der viele Stunden lang dauerte. In der prallen Mittagssonne waren dann beide schon sehr ermattet und daher auch nicht mehr vorsichtig genug, um auf ihre Deckung zu achten. Tydeus stieß mit seinem Schwert vor und brachte seinem Gegner eine tödliche Wunde bei. Aber er schaffte es nicht, bei dieser Bewegung seinen Schild gerade zu halten, deshalb glitt Melanippos Schwert vom Schild ab, genau in den Bauch von Tydeus."

Trotz dem wilden Geschehen, von dem ich erzählte, musste ich plötzlich grinsen, weil mir soeben ein neuer Gedanke kam.

"Weißt du, warum die Schildkröten so lange leben", fragte ich, mitten in meiner Beschreibung des Kampfes. Polyphemos sah gelinde gesagt verwundert aus.

"Nein, aber was hat das mit der Geschichte zu tun?"

"Na, warte, gleich, ich werde es dir gleich schildern", sagte ich, immer noch grinsend. "Als nun die beiden Kämpfer schwer verletzt dalagen, eilte die Pallas Athene zum Olymp hinauf und bat Zeus, dem Tydeus ein wenig Ambrosia bringen zu dürfen, damit er überlebe. Komischerweise stimmte mein Vater zu - denn eigentlich stand er ja auf der Seite der Thebaner.
Vor dem Tor Proitides lagen noch immer die beiden mutigen Männer - denn dass sie mutig waren, muss man ihnen lassen - als Amphiaraos herankam.

'Na, das hast du davon', sagte er zu Tydeus. 'Jetzt wirst du sterben.'

'Ja', sagte Tydeus. 'Aber ich habe gesiegt.'

'Und das war es wert?' Amphiaraos glaubte wohl, nicht recht gehört zu haben.

'Ja, das war es wert.' Tydeus versuchte mit aller noch verbleibenden Kraft sich aufzurichten. 'Aber bevor ich sterbe, schlage ich dem Melanippos noch den Kopf ab.'

Da wurde Amphiaraos noch zorniger, ging zwei Schritte vor und hieb den Kopf von Melanippos Körper. Er stieß ihn dann mit dem Fuß zu Tydeus. Niemand weiß wohl, warum er es getan hat. Ich nehme an, dass er Tydeus nicht die Genugtuung lassen wollte, es selbst zu tun.
Tydeus aber spaltete den Schädel seines Gegners und schlürfte dessen Gehirn aus. Im selben Augenblick kam Pallas Athene zurück. Als sie dieses barbarische Treiben sah, war sie so entsetzt, dass sie die Schale mit Ambrosia fallen ließ oder vielleicht sogar wegwarf. Und ein paar Minuten später kam eine Schildkröte dahergekrochen und fraß das Gras, auf das die Ambrosia getropft war."

Ich grinste breit. "Jetzt weißt du, warum Schildkröten so alt werden."

"Hör auf", lachte Polyphemos. "Das hast du dir jetzt ausgedacht!"

"Nein, nein", wehrte ich ab. "Es wird schon so erzählt. Ich kann es allerdings nicht belegen. Aber es hätte doch wenigstens so sein können? Und jetzt fahr uns einmal an Land, sodass wir uns wenig die Beine vertreten können."


Bernhard Kauntz, Västerås 2004


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