DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Kallisto und Arkas


Als ich näher gekommen war, sah ich, dass es nur ein ganz kleines Dorf war, und den Hütten nach zu schließen, besaß niemand ein Vermögen. Es waren vielleicht acht oder neun kleine Häuser, die dem Weg entlang verstreut lagen, aber ich blieb beim Brunnen stehen, der auf meiner Seite am Rande des Dorfs lag. Ich zog eine Urne frischen Wassers hoch und machte ein paar kräftige Schlucke. Den Rest goss ich mir ganz einfach über den Kopf, das war sehr erfrischend nach der langen Wanderung des Tages. Dann legte ich den Deckel gewissenhaft wieder über die Öffnung des Brunnens und ging ein paar Schritte zur Seite, um unter zwei Zypressen, die hoch in den Himmel ragten, ein wenig Schatten zu finden.

Ich hätte natürlich ins Dorf hineingehen können und mich weiterfragen, aber ich hatte es ja nicht eilig, weil ich ohnehin hier übernachten wollte. Und früher oder später würde jemand kommen, um für das Abendessen frisches Wasser zu holen. Dann ergab sich eine außerordentlich gute Gelegenheit, um ein Gespräch zu beginnen, während sie ihre Gefäße anfüllten.

Von dort, wo ich lag, hatte ich einen guten Ausblick über das Dorf, denn ich hatte meinen Kopf auf meinen Reisesack gebettet. Bald erschien auch wirklich eine Frau. Sie kam aus dem zweiten Haus, von mir aus gesehen, und kam mit langsamen Schritten näher. Sie sah neugierig zu mir herüber, als sie mich einmal erblickt hatte, aber sie schien nicht sehr erstaunt zu sein. Vermutlich kam also ab und zu einmal ein Wanderer hier an diesem Dorf vorbei. Als sie ihre zwei Urnen niederstellte und den Brunnendeckel anhob, setzte ich mich auf und grüßte. Sie nickte als Antwort, aber ging ihren Geschäften weiter nach.

"Warm ist es heute", sagte ich, um ein Gespräch anzufangen. Sie nickte wieder.

"Ihr habt auf jeden Fall gutes Wasser", setzte ich nach. Jetzt lächelte sie ein wenig, während sie nickte. Aber meiner Meinung nach begann die Konversation ein wenig einseitig zu werden.

"Ich würde gern hier übernachten", versuchte ich es nocheinmal. "Gibt es hier vielleicht jemand, der ein Bett übrig hat?" Ich dachte, wenn ich jetzt eine direkte Frage stellte, musste sie wohl antworten.

Sie nickte, ihre weißen Zähne blitzten in der Sonne, wenn sie groß lächelte. Sie hielt vier Finger hoch und zeigte mit der anderen Hand ins Dorf hinein. Erst war ich ziemlich verwundert, doch dann begriff ich zwei Dinge gleichzeitig. Erstens musste sie mit ihrer Geste das vierte Haus im Dorf meinen und zweitens vermutete ich, dass sie wahrscheinlich stumm war.

Ich nickte auch und hob die Arme zum Zeichen, dass ich verstanden hatte, aber ich fragte auf jeden Fall:

"Du kannst nicht sprechen, oder?"

Sie nickte wieder, dann zeigte sie auf ihren Mund und schüttelte den Kopf. Ja, dann war wohl alles klar.

Als sie ihre Gefäße voll hatte, nahm ich ihr eines ab und begleitete sie. Auch wenn sie die Worte nicht aussprechen konnte, schafften wir es ganz gut, ein Gespräch zu führen, jetzt, da ich wusste, wie es um sie stand. Mit Hilfe von durchdachten Gesten und einem reichen Minenspiel konnte sie nicht nur Dinge erklären, sondern auch Fragen stellen. Sie zeigte auf mich und zog die Schultern hoch.

"Ich heiße Herakles", sagte ich. Sie nickte und begann auf der Stelle zu treten. Gleichzeitig zuckte sie wieder die Schultern. Also erklärte ich ihr, dass ich noch einen weiten Weg vor mir hatte.

Als wir uns mit breiten Lächeln verabschiedeten, hielt sie zwei Finger hoch und zeigte wieder ins Dorf hinein. Ich nickte und machte es ihr nach. Dann ging ich weiter zum übernächsten Haus. Als ich dort an die Tür klopfte, öffnete ein alter Mann mit runzeligem Gesicht, aber mit freundlichen, klar schimmernden Augen. Er heiße Stavoros, sagte er. Auf meine Frage, ob ich bei ihm übernachten könne, hieß er mich herzlich willkommen.

Er stellte Wein und Wasser auf den Tisch und schnitt uns dicke Scheiben Brot und Schafkäse als Abendmahl. Wir sprachen über dies und das; er erzählte, dass er ein paar Schafe besitze, die ein Großneffe auf der Weide hütete, denn er selbst sei jetzt schon zu alt für solche Aufgaben.

Natürlich fragte ich ihn im Laufe unseres Gesprächs auch über die junge Frau, die ich am Brunnen getroffen hatte.

"Das ist eine traurige Geschichte", nickte er. "Alle paar Jahre kommt es vor, dass eines unserer Dörfer hier im Norden von Barbaren überfallen wird. Es ist ein wildes Reitervolk, mit langen Haaren und Bärten, die dort leben, wo Boreas seine Wohnung hat. Skythen werden sie genannt. Viele von ihnen kommen nur in der Absicht, Handel zu treiben, aber wie überall gibt es wohl auch bei den Barbaren schlechte Menschen. Und wenn so eine Horde auf ihren Pferden daherkommt, dann haben wir kaum eine Chance, uns zu wehren. Sie sind viel schneller und sie sind brutal."

Stavoros schüttelte traurig den Kopf, während er mir Wein nachschenkte, den er dann mit Wasser vermischte.

"Eleithia mochte damals vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, als unser Dorf einen solchen Überfall erlebte. Die meisten von uns haben aufgehört, sich zu wehren, denn es hilft ohnehin nichts. So lassen wir sie rauben, was sie finden und hoffen, dass sie dann wenigstens nicht die Häuser niederbrennen.
Eleithias Vater aber schoss einen der Angreifer nieder. Natürlich erwischten sie ihn und erschlugen ihn mit ihren Peitschen. Und als das kleine Mädel das mitansehen musste, begann es natürlich zu schreien. Da schnitten sie ihr ganz einfach die Zunge ab ..."

Der alte Mann verstummte, aber das Geschehene hing auch nach so vielen Jahren noch drückend in dieser Stille. Was konnte man zu so großer Grausamkeit auch sagen?

Nach einer Weile fragte Stavoros, ob ich nicht eine lustigere Geschichte erzählen könne. Sie wissen sicher, wie es ist, wenn Sie spontan gebeten werden, einen Witz zu erzählen. Plötzlich fällt einem überhaupt nichts mehr ein. So ging es mir jetzt auch. Aber draußen dunkelte es schon und als ich die ersten Sterne leuchten sah, kam mir eine Idee.

"Ich kann dir eine erzählen, die wenigstens ein gutes Ende hat", sagte ich zu meinem Gastgeber. "Kennst Du die Geschichte von Kallisto und Arkas?"

Der Greis verneinte, daher begann ich zu erzählen:

"Die Nymphe Kallisto, was ja "die Schönste" bedeutet, wurde ihrem Namen wirklich gerecht. Sie hätte jeden zum Mann haben können, hätte sie es darauf angesetzt. Aber ihr Sinn stand nach der Wildnis und der Jagd. Deshalb legte sie das von Artemis geforderte Keuschheitsgelübdnis ab, um in die Schar ihrer Begleiterinnen aufgenommen zu werden. Wahrscheinlich wäre auch alles gut gegangen, wenn nicht mein Vater, der alte Verführer, sie erblickt hätte."

Wie so oft, empfing ich einen schiefen Blick von meinem Zuhörer, als ich mich Zeus gegenüber so respektlos äußerte. Ich kannte aber meinen alten Herrn gut genug, um zu wissen, dass er diese Aussage nicht als Respektlosigkeit, sondern als Kompliment auffassen würde.


Titians verkstad, Diana och Kallisto, kring 1566,
Kunsthistorisches Museum i Wien
"Sofern ich weiß", fuhr ich fort, "hat bisher noch keine Frau existiert, die ihm widerstehen konnte. Allein, der Himmelsvater ist ja auch sehr fertil und es dauerte nicht lange, bevor Kallisto merkte, dass sie schwanger war. Nun war guter Rat teuer. Sie versuchte, ihr Geheimnis zu bewahren, trug nur lose Kleider und verbarg ihr morgendliches Unwohlsein so gut es ging."

Ich nahm einen Schluck aus meinem Becher, den mein Gastgeber gleich wieder auffüllte.

"Das ging lange Zeit gut", erzählte ich weiter, "bis man eines Tages beschloss, in einem kleinen Waldsee ein Bad zu nehmen. Kallisto versuchte es mit Ausreden, um sich nicht entkleiden zu müssen, aber ihre Gefährtinnen wussten ja, wie gern sie badete. Ohne Argsinn zogen sie ihr die Kleidung vom Leib, merkten dann aber sofort, wieviel es geschlagen hatte. Ihre verwunderten Ausrufe ließen alsbald Artemis heraneilen. Und die von vielen so verehrte Göttin kannte kein Erbarmen. Keine Bitten, keine Erklärungen halfen Kallisto. Artemis Beschluss stand fest - Kallisto wurde aus der Gruppe verstoßen."

"Das war aber hart", kommentierte Stavoros. "Es ist wohl nicht so leicht, Zeus zu widersprechen..."

"Richtig", stimmte ich zu. "Ich mag auch Artemis gar nicht so sehr. Sie ist viel zu oft allzu hartherzig. Und vielleicht hatte sie auch weiterhin ihre Hand im Spiel, das würde mich auch nicht wundern. Es kam nämlich noch viel schlimmer.
Ich weiß nicht genau, wo und unter welchen Umständen Kallisto ihren Sohn gebar, ich weiß nur, dass sie kurz darauf von Hera in eine Bärin verwandelt wurde. Die alte Hexe hatte nämlich herausgefunden, dass dies schon wieder ein Seitensprung meines Vaters gewesen war. Vielleicht hat ihr eben Artemis das zugeflüstert."

Ich hielt an, weil ich nachdenken musste, was mit Arkas geschehen war. Aber ich war mir nicht sicher. Deshalb erklärte ich Stavoros:

"Ich kann nicht bestimmt sagen, wie Arkas heranwuchs. Ich habe gehört, dass einige behaupten, er sei am Hof des Königs Lykaon aufgezogen worden. Andere wieder sagen, er wäre bei einem Hirten aufgewachsen. Nun, eigentlich spielt das keine Rolle, denn in diesen Jahren geschah nichts, was zu dieser Geschichte gehört, außer dass Arkas zu einem begeisterten Jäger wurde. Und eines Tages verfolgte er die Spur eines Bären."

"Oh Gott", rief Stavoros aus, dem es wohl sogleich klar wurde, dass es sich um Arkas Mutter handeln musste. "Ich dachte, es wäre eine Geschichte, die gut ausgeht?"

"Naja, warte", beruhigte ich ihn und fuhr fort: "Wie du ganz richtig vermutest, war er auf die Spur seiner Mutter gestoßen und verfolgte sie nun. Kallistos Mutterinstinkt sagte ihr jedoch sogleich, wer sie das stellen wollte und sie versuchte unter Aufwand von aller Kraft und List zu entkommen. Arkas aber war ein geschickter Jäger, der ihre Spur nie verlor. Kallisto war schon nahe am Ende ihrer Kräfte, als sie sich an einen Zeustempel in der Nähe erinnerte. So schnell sie nur konnte, floh sie dorthin und versuchte, sich darin zu verstecken. Sie wähnte sich sicher, weil in den Tempeln ja nicht gejagt werden darf. Doch Arkas, der ihr schon tagelang gefolgt war, hatte nicht vor, sich die Beute entgehen zu lassen. Er betrat also den Tempel, obwohl er von dem Frevel wusste, den er beging."

Ich trank wieder einen Schluck Wein, um Stavoros noch ein wenig zappeln zu lassen, bevor ich ihm die Auflösung erzählte.

"Nun aber griff mein Vater ein. Vermutlich fühlte er sich für das Schicksal der beiden verantwortlich und wollte nicht, dass Arkas zum Muttermörder werden solle. Er packte Kallisto beim Schwanz und schleuderte sie hoch hinauf in den Himmel. Dann ergriff er Arkas und warf ihn ihr nach."

Ich deutete hinauf zum Himmel, wo inzwischen alle Sterne leuchteten.

"Und dort siehst du den großen Bären und ein Stück daneben den kleinen. So sind Kallisto und Arkas letztlich doch wieder vereint und sogar unsterblich geworden ...
Aber die Geschichte hat dennoch einen unangenehmen Nachgeschmack, an dem schon wieder das dumme Weib Hera schuld ist. Sie fand nämlich, dass das für die Ehebrecherin ein viel zu gutes Ende war und rächte sich nocheinmal. Sie wusste auch, wie gern Kallisto badete, deshalb bat sie Poseidon, darauf achtzugeben, dass Kallisto nie ins Meer tauchen konnte. Und wenn du heute ihren Weg am Himmel verfolgst, dann kannst du sehen, dass sie wirklich nur in die Nähe des Ozeans kommt, aber niemals auch nur eine ihrer Tatzen darin eintauchen kann."


Bernhard Kauntz, Västerås 2004


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