DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Glaukos und Skylla


Am nächsten Tag stand ich schon im Morgengrauen auf, obwohl mir der Kopf vom Wein des gestrigen Abends noch ein bisschen schwer war. Aber ich fand ganz einfach, dass ich sowohl für meinen alten Gastgeber, wie auch für die stumme Eleithia etwas tun wollte. Ich ging im nahen Wäldchen auf die Jagd, erlegte zwei Rehe und gab ihnen je eines, bevor ich weiterzog.

Der Weg, dem ich bisher im Landesinneren gefolgt war, führte mich jetzt zurück zum Meer und wand sich der Küste entlang. Ich wusste, dass ich noch weit von daheim entfernt war, viel weiter als das Stück, das ich mit Polyphemos zurückgelegt hatte. Erst wenn ich nicht mehr in Richtung der untergehenden Sonne marschierte, sondern die Küste dann südwärts verlief, konnte ich hoffen, bald zu Hause zu sein.

Ich überlegte, dass ich wohl schneller sein würde, wenn ich mir ein Floß baute und damit in südwestlicher Richtung segelte - aber es schien mir zu gefährlich zu sein, mich ganz allein auf das offene Meer zu wagen.

Deshalb ging ich munter drauf los und kam gut vorwärts, weil das Gelände vor mir offen und eben war. Aber auch der Gedanke an meine Familie treibt mich voran. Wie sehr sehne ich mich danach, meine geliebte Megara in den Armen halten zu dürfen und die Kinder wieder zu sehen ...

Gegen Mittag kam ich zu einer Bucht, die mir geeignet erschien, um ein paar Fische zu fangen, damit ich meine Kost ein wenig variieren konnte. Ich flocht mir ein grobes Netz aus biegsamen Zweigen und dann dauerte es gar nicht lange, bevor ich zwei Fische mit mir an Land tragen konnte. Als ich sie über dem Feuer briet, musste ich an die Geschichte von Glaukos denken.

Er war in Böotien aufgewachsen und verdingte sich als Fischer sein Leben. Sein Vater war Anthedon, der auch die gleichnamige Stadt gegründet hatte, und seine Mutter Halkyone. Eines Tages, als er sein Netz an Land zog und es dort im Gras ausbreitete, zappelten die Fische zuerst ganz wie sonst herum. Nach kurzer Zeit jedoch begannen sie gezielt ins Meer zurück zu springen. Glaukos war so verwundert, dass er gar nicht auf den Gedanken kam, sie zu hindern. Hingegen überlegte er, was wohl der Grund für dieses seltsame Geschehnis sein könne. Aber da gab es nichts zu entdecken, er sah nur sein Netz, das er schon jahrelang gebrauchte und die Wiese, wo es ausgebreitet lag. Das Gras schien auch ganz gewöhnlich zu sein, bis er es aus der Nähe betrachtete. Da sah er ganz kleine, silberne Flecken auf den Grashalmen. Kurz entschlossen stopfte er einen Grashalm in den Mund, dann noch einen - und weil es gar nicht nach Gras, sondern ausgesprochen gut schmeckte, dann gleich ein ganzes Büschel. Plötzlich schrie er jedoch laut auf, als er merkte, was ihm geschah.

Sein Bart verfärbte sich grün, sodass er wie Seetang aussah. Aber schlimmer noch, seine Beine verwandelten sich in einen Fischschwanz. Er zog sich, auf den Unterarmen robbend, dem Wasser zu. Dort merkte er dann, dass seine neue Gestalt es ihm ermöglichte, sich schnell wie der Wind im Wasser fortzubewegen.

Ich versuchte, mich in Glaukos Lage zu versetzen. Es musste ein ganz schöner Schock gewesen sein, sein Äußeres so verändert zu sehen. Denn auch wenn Poseidon ihm später eröffnete, dass er von nun an auch unsterblich sei, war es dennoch ein ziemlich tiefschneidender Eingriff in sein Leben.

Da Glaukos ein sehr freundlicher Mensch gewesen war, wurde er auch zu einem hilfreichen Meeresgott, der viele Schiffe vor dem Untergang bewahrte und zahlreichen Schiffbrüchigen das Leben rettete.

Trotz seines freundlichen Wesens hatte er es aber auch als Gott nicht leicht. Erst verliebte er sich in Ariadne. Als Theseus sie auf Naxos zurückgelassen hatte, sah er seine Chance und machte ihr einen Antrag. Er wurde von ihr jedoch abgewiesen, nicht zuletzt wegen seiner Fischgestalt. Das war an und für sich vielleicht ganz gut so, denn sonst wäre er sicher mit Dionysos in Konflikt geraten ...

Später verliebte er sich in Skylla. Skylla war damals ein hübsche Nymphe, die viele Freier hatte. Unter diesen befand sich sogar Poseidon. Amphitrite war logischerweise eher mäßig erbaut von der Angebeteten ihres Gatten. Deshalb begab sie sich zu Kirke, um sich deren Hilfe zu erbitten.

Kirke ihrerseits war jedoch unschlüssig, teils weil sie persönlich keinen Groll gegen Skylla hegte, teils weil sie nicht gewillt war, allen, die eventuelle Liebesprobleme hatten, zu helfen. Dann würde sie sich des Ansturms gar nicht mehr erwehren können.

Ihre Einstellung änderte sich jedoch rasch, als Glaukos zu ihrer Insel geschwommen kam. Die Zauberin hatte schon längere Zeit ein Auge auf den nunmehrigen Meeresgott geworfen und war jetzt sehr entrüstet, als Glaukos sie um einen Liebestrank bat, der die ihn abweisende Skylla gefügig machen solle.

Nun hatte Kirke auch ein persönliches Motiv, um gegen die bezaubernde Skylla vorzugehen. Sie mischte ein Tränklein, das sie dann in den kleinen See schüttete, in dem Skylla ihr morgendliches Bad zu nehmen pflegte.

Arglos kam die Schöne am nästen Tag zu ihrer erfrischenden Morgenrunde. Doch sie war erst bis zur Hüfte ins Wasser gewatet, als der Zaubertrank schon seine Wirkung tat. Entsetzt schreiend floh Skylla wieder an Land, doch es war zu spät. Von den Hüften abwärts war sie in ein grausiges, zähnefletschendes Monstrum verwandelt worden, dessen sechs Hundeschädel gierig nach allem schnappten, was in ihre Nähe kam.

Skylla flüchtete dann zur Meeresenge von Messina, wo sie sich gegenüber des Malstroms der Charybdis auf einem Felsen niederließ und fortan zur Geißel der Schiffsleute wurde, weil das sechsköpfige Ungeheuer zu ihren Füßen von den Vorbeifahrenden großen Blutzoll forderte.

Ich hatte inzwischen einen Fisch gegessen, den anderen packte ich ein, um ihn am Abend zu verspeisen. Dann trat ich sorgfältig das Feuer aus und machte mich wieder auf den Weg.


Bernhard Kauntz, Västerås 2004


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