DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Poseidon, Amphitrite und Delphinos


Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen, aber schnellen Frühstück, verabschiedete ich mich von Evander, hängte Abderos kleinen Rucksack über die Schulter und dann ging ich mit meinem jungen Begleiter nach Süden, zum Meer, wo unser Boot warten sollte.

Ganz richtig lag dort ein taugliches Schiff, das sogar ein kleines Segel setzen konnte. Die drei Ruderer halfen uns an Bord, verstauten unser Gepäck im Bug und hießen uns im Heck Platz zu nehmen, gleich vor dem Steuermann, wo man eine extra Sitzbank eingebaut hatte. Ich fühlte mich wie ein König, denn ich war es wahrlich nicht gewöhnt, einfach still zu sitzen und gefahren zu werden. Ich lächelte innerlich über meinen kleinen Gefährten, der immer wieder voll Stolz über seinen neuen Köcher strich, als wollte er sich vergewissern, dass er noch da war.

Leider hatten wir keinen guten Wind, besser gesagt, wir hatten überhaupt keinen Wind. Kein Blatt bewegte sich am Ufer und das Meer lag spiegelblank vor uns. Aber die drei Männer an den Rudern waren stämmige Burschen, die sich auch bald mächtig in die Riemen legten.

Nach einer Weile tauchten von Süden her ein paar Delphine auf, die spielend unser Boot umkreisten und uns mit ihren drolligen Sprüngen die Zeit vertrieben.

Ich dachte daran, dass es nur dem Jähzorn Poseidons zu verdanken war, dass die Delphine heute noch im Wasser lebten. Wäre es nämlich nach dem Willen ihres Ahnvaters gegangen, gingen sie jetzt vermutlich an Land spazieren. Ich fragte Abderos, ob er die Geschichte von Delphinos kenne, aber er verneinte. Da erzählte ich sie ihm, um uns die Zeit zu verkürzen.

"Die Sache ist schon ganz lange her", begann ich. "Es war kurz nachdem Zeus, Hades und Poseidon um die Welt gewürfelt hatten. Und weil Poseidon die Herrschaft über die Meere erhalten hatte, baute er sich seinen Palast am Meeresgrund, nicht weit von Euböa."

"Was ist Euböa", unterbrach mich mein junger Begleiter.

Ich sah ein, dass man so hoch im Norden mit der Geographie weiter südlich nicht so vertraut sein konnte und erklärte Abderos, dass Euböa eine Insel war, die unweit von Athen lag. Dann fuhr ich in meiner Erzählung fort.

"Als Poseidon nun einen schönen Palast besaß, fühlte er sich jedoch einsamer als zuvor. Er hatte zwar unzählige Liebesgeschichten, aber er sehnte sich nach einer Gefährtin, nach jemand mit dem er sein Schloss und seine Schätze teilen konnte, nach jemand, dem er seine Freuden erzählen und mit dem er seine Probleme diskutieren konnte. Eines Tages sah er eine Nymphe vorbeischwimmen, in die er sich sofort verliebte. Und weil er ja heiraten wollte und nicht nur auf ein weiteres Abenteuer aus war, beschloss er, vorsichtig vorzugehen. Er fand heraus, dass seine Angebetete bei Nereus und Doris wohnte, ja, dass sie sogar eine Tochter dieser alten Götter war und dass sie Amphitrite hieß."

"Ja, ich weiß", nickte der Junge. "Amphitrite ist Poseidons Frau. Aber du hast doch gesagt, dass du mir von Delphinos erzählen willst?"

"Ja, ja", lächelte ich über die Ungeduld der Jugend. "Das kommt schon noch. Aber du musst ja verstehen, warum alles so kam ... Poseidon versuchte nun mit allen möglichen Mitteln, die Aufmerksamkeit dieser schönen Nymphe zu erwecken. Er zog seine besten Kleider an, wenn er Amphitrite in der Nähe wusste. Er schuf einen ganzen Schwarm bunter Fische vor ihren Augen, aber er hatte wenig Erfolg. Amphitrite kümmerte sich nicht um ihn, sie tat, als sähe sie ihn nicht. Eines Tages hatte Poseidon genug bekommen. Er stellte sich ihr in den Weg und fragte, ob sie seine Frau werden wolle. Die Nymphe aber entgegnete nur:

'Nein.'

Da begab sich Poseidon zu ihren Eltern und hielt um Amphitrites Hand an. Er meinte, man könne doch die Hochzeit arrangieren, es sei ja keineswegs ungewöhnlich, dass die Eltern ihre Kinder nach eigenem Gutdünken verheirateten.

Der alte Nereus aber war ein weit klügerer Mann als Poseidon es je sein wird. Er meinte:

'Nun, wenn du sie heiraten willst, dann frage sie doch. Wenn sie einwilligt, werden wir nichts dagegen haben.'

Poseidon zog wieder ab. Er wollte ja nicht eingestehen, dass Amphitrite ihm schon einen Korb gegeben hatte. Nun begann Poseidon, seiner Geliebten nachzustellen. Er lauerte ihr auf, überhäufte sie mit Geschenken, die sie zurückwies, bis ihm eines Tages die Geduld platzte. Da versuchte er, sie zu fangen und zu entführen. Mit knapper Not entkam Amphitrite, aber ab nun versteckte sie sich. Sie war nicht mehr aufzufinden. Poseidon suchte und suchte, doch ohne den geringsten Erfolg. Schließlich gab er es auf und zog sich in seinen Palast zurück. Dort schmollte er, wochen- und monatelang. Die Wasser des Meeres wurden still, etwa so wie wir es gerade heute erleben. Ein paar Tage lang spielt das ja keine Rolle, aber wenn es längere Zeit so weitergeht, dann wird das Wasser abgestanden und die Lebewesen des Meeres werden träge und müde, weil sich das Wasser nicht mehr vermischt."

Ich hielt ein, denn das Wasser, auf dem wir fuhren, war plötzlich nicht mehr blau, sondern schmutzigbraun. Bald sah ich jedoch rechter Hand den Grund dafür. Ein mächtiger Fluss ergoss sich in das Meer und führte Sand und Schlamm mit sich.

"Was ist das für Fluss", fragte ich Abderos.

"Das ist der Nestos", erwiderte er. "Bis hierher macht Diomedes mit seinen menschenfressenden Pferden die Gegend unsicher." Der Junge ballte die Hand zur Faust.

"Wenn ich einmal groß bin", schwor er, "dann werde ich dazusehen, dass dem Diomedes sein Handwerk gelegt wird. Nach so viel Leid, das er unter die Menschen gebracht hat, hat er selber kein Recht mehr, weiter zu leben."

Das waren starke Worte für einen Zwölfjährigen. Ich lächelte innerlich ein wenig, aber ich sah ihm an, dass er es ernst meinte. Ich gab ihm Zeit, sich zu beruhigen und fuhr erst wieder mit meiner Erzählung fort, als er mich dazu aufforderte.

"Und jetzt kommen wir zu Delphinos", sagte ich, um den Jungen wieder auf andere Gedanken zu bringen. "Delphinos war äußerst klug, so wie Delphine ja auch heute klug sind. Teils hatte er sich zusammengereimt, was zwischen Poseidon und Amphitrite vorgefallen war, teils sagte er sich, dass das Leben an Land sicher interessanter wäre, als nur im Wasser herumzuschwimmen. War nicht auch Zeus, der die Herrschaft über das Land gewonnen hatte, deshalb der Göttervater, der oberste Gott geworden?

Also begab sich Delphinos zum Palast des Poseidon und wollte ihn sprechen. Der Meeresgott ließ ihn abweisen und ihm sagen, er nähme keine Besuche entgegen. Aber Delphinos ließ nicht locker und als er erwähnte, dass er bei Amphitrite Fürsprache einlegen könne, wurde er vorgelassen.

'Was willst du?' Poseidon brummte ihn mürrisch an, als Delphinos in den Thronsaal trat.

'Ich möchte nicht mehr im Wasser leben müssen', entgegnete Delphinos.

'Dann geh an Land, das ist doch mir egal', fauchte der bärtige Gott.

'Du weißt, dass ich das nicht so einfach kann. Da müsstest du mich erst verwandeln, damit ich an Land auch überleben kann. Aber ich schlage dir einen Handel vor. Wenn ich Amphitrite dazu bringe, dich zu heiraten, dann hilfst du mir auch.'

Damit war Poseidon einverstanden und Delphinos versuchte, die Nymphe ausfindig zu machen. Weil er klug war, hatte er im Laufe der letzten Monate ausgerechnet, wo sie sich versteckt haben musste. Ganz richtig fand er sie auch in ebendieser Höhle, die er als ihr Versteck vermutete.

'Ich komme von Poseidon', sagte er zu ihr.

'Dann kannst du gleich wieder gehen', gab Amphitrite zurück.

'Er möchte dich heiraten.' Delphinos war unbeeindruckt.

'Aber ich ihn nicht', kam die Antwort.

'Warum nicht?'

'Weil er mir zu simpel ist.' Amphitrite hörte sich schon sehr verärgert an, doch Delphinos ließ sich noch immer nichts anmerken.

'Hm. Da hast du wohl recht. Aber immerhin ist er der Beherrscher der Meere.'

'Das ist mir ganz egal. Ich will keinen dummen Mann, da kann er sein, was er will.'

'Ich verstehe', sagte Delphinos. 'Das kommt sicher daher, dass du noch dümmer bist.'

Das saß. Amphitrite fuhr auf.

'Was unterstehst du dich? Ich bin nicht dumm! Wie kannst du so etwas behaupten?'

Delphinos schmunzelte. Jetzt hatte er sie bald dort, wo er sie haben wollte.

'Natürlich bist du dumm. Wenn du Poseidon heiratest, wirst du Königin der Meere. Und du hast einen Mann, der so einfältig ist, dass du ihn um den Finger wickeln kannst wie nichts. Ich könnte mir keine bessere Position vorstellen.'

Amphitrite sagte nichts. Sie sagte lange nichts, während Delphinos fortfuhr, ihr die Vorteile auszumalen, die ihr eine Heirat mit Poseidon verschaffen würde. Sie kam noch mit ein paar Einwänden, die der kluge Delphinos jedoch gleich wieder zerstreute. Und nach ein paar Stunden eifriger Überzeugungsarbeit willigte die Nymphe ein, den Meeresgott wenigstens zu empfangen und mit ihm über die Zukunft zu reden."

"Und dann hat sie ihn doch geheiratet", warf Abderos ein, als ich eine kurze Pause machte. "Aber warum sind die Delphine dann heute noch immer im Wasser?"

"Nun", entgegnete ich, "Poseidon mag zwar nicht der klügste Kopf sein, den die Welt gesehen hat, aber immerhin hat er eine gewisse Schläue. Er hatte einen Späher hinter Delphinos hergesandt, weil er sich sagte, dass er so wenigstens den Aufenthaltsort der Amphitrite herausfinden konnte. Dieser Späher war nun auf dem Rückweg Delphinos vorausgeeilt und hatte Poseidon haarklein berichtet, was vorgefallen war. Als nun Delphinos zurückkam, meldete er, dass Amphitrite bereit sei, den Herrscher der Meere zu empfangen.

'Und wenn du deine Karten gut spielst, dann wird sie dich auch heiraten', schloss er seinen Bericht ab. 'Nun ist es an dir, deinen Teil unseres Abkommens zu erfüllen.'

Aber er hatte nicht mit dem Jähzorn des Meereskönigs gerechnet. Wutschnaubend packte ihn Poseidon und schrie ihn an:

'Du hast mich also als dumm verkauft? Hast du denn überhaupt kein Ehrgefühl im Leib? - Du willst nicht mehr im Meer leben? Gut!'

Damit schleuderte Poseidon den Delphinos hoch, hoch aus dem Meer, doch mit solcher Kraft, dass er bis an den Himmel flog, wo wir ihn heute noch als Sternbild sehen können."


Bernhard Kauntz, Västerås 2005


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