DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Wahnsinn


Das ist der letzte Eintrag in mein Tagebuch. Ich kann, ich darf und ich will nicht mehr leben. Wahnsinn hin oder her - ein Mensch, der sich solcher Taten schuldig macht, ist kein Mensch mehr.

Was mich außerdem sehr verdrießt, ist, dass ich mich an Hera nicht rächen kann, wenn es stimmt, was Amphytrion gesagt hat, dass sie den Wahnsinn geschickt hat. Mein ganzes Leben lang hat mich dieses Weib verfolgt, diese eifersüchtige Schlange, obwohl ich doch nicht für die Seitensprünge von Zeus verantwortlich bin. Nun, jetzt hat sie ihr Ziel erreicht, denn es gibt mich bald nicht mehr.

Aber egal, ich fühle mich so leer, dass ich sie nicht einmal wirklich hassen kann. Für Gefühle ist kein Platz mehr in mir. Wenn ich fertig geschrieben habe, werde ich von diesem Felsen in die Luft hinaus steigen, ganz einfach nur einen Schritt machen. Dann geht es mindestens zwei Stadien weit hinunter, tief genug, um auch Leuten mit meiner guten Konstitution den sicheren Tod zu versprechen.

Gerade fünf Tage lang hatte ich nach meiner Rückkehr Zeit gehabt, die Freuden des Familienlebens zu genießen. Wie es dann zu den schrecklichen Ereignissen kommen konnte, weiß ich nicht. Ich habe keine Erinnerung daran. Nur ein vages Gefühl, dass ich wieder gegen die Giganten kämpfte, gibt es irgendwo in mir. Dann erst weiß ich wieder, wie ich zu Hause am Boden lag und in das besorgte Gesicht meines Ziehvaters blickte. Als ich aufstehen wollte, merkte ich, dass ich von oben bis unten verschnürt war. Ich hielt das für einen Scherz und lachte laut, als ich Amphytrion fragte, ob er meine Fähigkeiten als Befreiungskünstler testen wolle.

"Oh, bist du wieder bei Sinnen", sagte er mit einer Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken jagte. "Hör zu, du musst jetzt stark sein, ich habe dir etwas Schreckliches zu erzählen."

Und dann berichtete er, was ich getan hatte. Er schilderte, wie er zu uns auf Besuch gekommen war und den Wahnsinn aus meinen Augen leuchten gesehen hatte. Schaum war mir um den Mund gestanden, sagte er. Die ganze Einrichtung hatte ich kurz und klein geschlagen. Und ich hatte meine Familie getötet.

Ich war wieder einer Ohnmacht nahe, als mir aufging, was Amphytrion da erzählte. Megara, meine geliebte Frau, und meine drei Kinder sollte ich umgebracht haben? Mir wurde schwarz vor den Augen und ich schrie, schrie und schrie!

Als ich nicht mehr weiterschreien konnte, versuchte Amphytrion, mich zu beruhigen. Er wisse ja, dass ich unzurechnungsfähig gewesen war, wie es auch die Nachbarn bezeugen konnten, die er schnell um Hilfe geholt hatte, um mich zu übermannen. Alle, die mich in diesem Zustand gesehen hatten, wüssten, dass ich nicht Herr meiner selbst war, dass ich vom Wahnsinn besessen war und dass mich keine Schuld traf.

"Keine Schuld!" Ich rief es mit aller Verzweiflung, die in meinem Körper brannte. "Keine Schuld! Ich habe gerade meine Familie ermordet, das, was ich in der ganzen Welt am liebsten hielt - und du sagst, mich träfe keine Schuld?"

"Wenn die Götter bestimmen, dass jemand dem Wahnsinn heimfallen soll, dann ist das ein Beschluss, den wir Menschen nicht ändern können." Amphytrion redete ruhig auf mich ein. "Wahrscheinlich steckt wieder Hera dahinter, um dich zu bestrafen."

Er redete dann noch weiter, irgendetwas davon, dass es genug Zeugen gäbe, sodass mich auch kein weltlicher Richter verurteilen könne, aber mir war das alles ganz egal, was er sagte. Ich! Ich musste ja mit diesem Wissen leben, von meinem Schmerz konnte mich kein Richter freisprechen. In diesem Augenblick sah ich ein, dass ich nicht weiterleben wollte, nicht weiterleben konnte. Ich beschloss, hierherzukommen, sobald ich eine Gelegenheit dazu hatte, um mein Leben zu beenden.

Man hielt mich noch zwei Tage lang gebunden um zu sehen, ob ich wirklich wieder genesen war, wie mein Ziehvater es ausdrückte. Am dritten Tag nahm man mir das Versprechen ab, dass ich keine Waffe anrühren würde und danach nahm man mir die Fesseln ab. Aber ich wurde weiterhin unter Aufsicht gehalten. Erst jetzt, vor ein paar Stunden, ist es mir gelungen, mich im Morgengrauen davonzustehlen.

Vielleicht ist es feig von mir, mich nicht meinem weiteren Schicksal stellen zu wollen, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie ich


Bernhard Kauntz, Västerås 2005


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