DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Der Raub des goldenen Vlieses


"Ich hatte in dieser Nacht gerade Wache", erzählte Theseus nach dem Mittagessen, noch an den letzten Bissen schluckend, "als Medea zu unserem Lager geschlichen kam. Du weißt ja, dass ich diesem Weib nicht traue, auch wenn sie am Tag vorher Jason geholfen hatte, seine Aufgaben zu bewältigen. Ich beäugte sie voller Misstrauen und fragte, was sie jetzt, mitten in der Nacht, bei uns wolle.

'Ich muss Jason sprechen', sagte sie.

'Der schläft', antwortete ich kühl und fügte hinzu, dass er am nächsten Tag ausgeruht sein müsse, um den Drachen töten zu können, der das goldene Vlies bewachte.

'Darum geht es ja! Mein Vater wird niemals zulassen, dass jemand das Vlies wegführt, denn es ist ihm vorausgesagt worden, dass sein Leben nur sicher sei, so lange das Vlies im Areshain hängt.' Medea sah mich mit ihren großen, dunklen Augen an. Irgendwo im Bauch konnte ich verstehen, dass mein Vater sie einmal geliebt hatte. Sie war ohne Zweifel eine sehr schöne Frau. Jetzt drängte sie:

'Wir müssen das Vlies noch heute in der Nacht holen, sonst überlebt ihr nicht. Mein Vater plant sicher einen Hinterhalt.'

'Und du', fragte ich. 'Du willst deinen Vater verraten?'

Sie sah zu Boden - das ist das Einzige, was ich dieser Hexe zugute halten kann. Die einzige menschliche Regung, die ich je bei ihr gesehen habe, außer sie ist gespielt gewesen. Sie senkte den Kopf, als sie leise antwortete:

'Was soll ich denn tun? Ich liebe Jason.'

Vielleicht war es dieser Anflug von Scham, ihren Vater zu hintergehen, der mich dazu brachte, Jason zu holen. Mochte er entscheiden, was zu tun war. Als Jason Medea angehört hatte, schwor er ihr, dass er sie mitnehmen und zu seiner Frau machen würde, wenn sie mit dem Widderfell zum Schiff zurückgelangen sollten. Dann gab er den Befehl, alle zu wecken und das Schiff abfahrbereit zu machen.

'Laertes und Theseus, ihr kommt mit uns und haltet uns den Rücken frei.'

Wir schlichen dann so leise wie möglich über den Strand und drangen in den finsteren Wald ein. Medea führte uns an und warnte leise vor den Hindernissen, die im Weg lagen. Trotzdem kamen wir nur langsam voran. Endlich waren wir durch den Wald durchgekommen, aber nun mussten wir über ein offenes Feld, um den Hain des Ares zu erreichen. Noch bevor wir das kleine Wäldchen am Stadtrand erreichten, hörten wir schon das Schnauben des Drachen.

'Die Bestie ist unsterblich', flüsterte Medea Jason zu. 'Es wäre reiner Selbstmord gewesen, wenn du morgen gekämpft hättest. Aber komm nur, ich weiß schon, was zu tun ist.'

Als wir uns den ersten Bäumen näherten, sahen wir auch schon das goldene Vlies im Mondschein erstrahlen. Aber gleichzeitig sahen wir auch den Drachen, der pfauchend mit dem Schwanz schlug, der mit lauter spitzen Zacken bedeckt war. Vermutlich brauchte er damit nur einmal zu treffen, um sein Opfer zu töten.

Medea stimmte nun einen Singsang an, ohne Worte eine Melodie summend, die das Untier tatsächlich ein wenig zu beruhigen schien, sodass es uns näher kommen ließ. Als wir auf Wurfweite waren, holte sie etwas unter ihrer Kleidung hervor und reichte es Jason.

'Dieser Kuchen ist mit Schlafmittel eingetränkt. Wirf ihn gerade vor das Maul des Drachen, sodass er ihn riecht. Er enthält nämlich auch noch Duftstoffe, denen die Bestie nicht widerstehen kann. Und nur wenn er den Kuchen auffrisst, haben wir eine Chance. Sieh zu, dass du gut zielst, sonst ist alles umsonst.'

Ich sandte ein schnelles Gebet zum Olymp, mit der Bitte, dass Jason gut zielen möge. Ich war nicht sicher, an welchen der Götter ich mich wenden sollte, aber ich entschied mich für Hermes. Wir wollten ja schließlich das Vlies stehlen, das musste doch in seinen Aufgabenbereich fallen? Ob es nun mein Gebet war oder nicht, auf jeden Fall landete der Kuchen weniger als eine Armlänge vor der riesigen Schnauze des Ungeheuers. Der Drache schnüffelte zwei oder drei Mal, dann packte er den Kuchen und verschlang ihn auf einen Bissen. Medea summte inzwischen weiter. Und das Schlafmittel half wirklich. Es dauerte keine fünf Minuten, bevor die Bestie auf die Knie sank und dann friedlich zur Seite rollte.


Jason raubt das goldene Vlies
Gobelin im königlichen Schloss in Stockholm
Das Vlies jetzt von den Bäumen loszumachen, es einzurollen und dann den Rückweg einzuschlagen war eine Sache weniger Augenblicke. Ich jubelte innerlich schon über das einfache Gelingen, als wir über das offene Feld zurückeilten. Doch am Waldrand wurden wir plötzlich angegriffen.

Laertes musste einen schmerzhaften Hieb einstecken, bevor wir uns mit dem Rücken gegeneinander gestellt hatten, um Medea in die Mitte zu nehmen und unsere Gefechtsstellung einzunehmen. Es waren nur fünf oder sechs Gegner unter der Führung von Medeas Bruder, Apsyrtos. Während des Kampfes forderte er Jason mehrmals auf, das Fell herauszugeben, und Medea, sich zu besinnen und mit ihm heimzukommen. Jason lachte ihn aus und Medea antwortete ihm schnippisch, dass das wohl nicht seine Sache sei, darüber zu entscheiden. Mir kam es vor, als ob das Verhältnis zwischen den Geschwistern nicht das beste war.

Ganz richtig, als wir zwei der Gegner unschädlich gemacht hatten und die anderen fliehen wollten, rief Medea:

'Nehmt ihn fest! Wir können ihn vielleicht als Geisel brauchen!'

Bevor wir uns versahen, war sie aus unserem Ring herausgeschlüpft, machte ein paar schnelle Schritte und hechtete nach den Beinen ihres Bruders. Sie riss ihn im Lauf nieder, sodass er schwer zu Boden schlug und es für uns leicht war, ihn zu überwältigen. Ich bekam die Ehre, ihn auf dem Rückweg zu bewachen, was gar nicht so einfach war, weil Apsyrtos im Wald immer wieder auszubrechen versuchte, obwohl wir ihm die Hände auf den Rücken gefesselt hatten.

Eos schob schon die ersten roten Wolken über den Horizont, als wir endlich am Strand ankamen. Wilde Jubelschreie erklangen, als Jason das Vlies hochhielt. Medea aber drängte zum Aufbruch. Ihr Vater würde alles tun, um unsere Abfahrt zu verhindern, so lange wir im Besitz des Vlieses waren, warnte sie. Und sie sollte recht behalten."

Gerade jetzt hörte Theseus mit seinem Bericht auf ... Das war das erste Mal auf unserem Weg, dass ich ein Interesse verspürte, die Geschichte weiter zu hören. Ich war aber immer noch allzusehr mit mir selbst und meinem Leid beschäftigt, um ihn zu bitten fortzufahren.


Bernhard Kauntz, Västerås 2005


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