DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Die letzten Abenteuer der Argonauten


Ich schlenderte durch den großartigen Garten, der zu dem königlichen Anwesen gehörte und erfreute mich an der Pracht der Blumen und an einem künstlich angelegten Teich, in dem Enten schwammen und schnatterten. Nach einer Weile kam Theseus zurück, begleitete mich auf dem Spaziergang und erzählte die lange Geschichte der Argonautenfahrt fertig.

"Jetzt konnten wir unser Schiff endlich nach Osten wenden und kamen mit jedem Augenblick der Heimat näher. Als wir an der Insel Kerkyra vorbeifuhren, machten wir wieder eine Pause, um Wasser zu fassen. Die Phäaken sind ja ein freundliches Volk und wir wurden dementsprechend wohlwollend aufgenommen. Womit allerdings keiner gerechnet hatte, das war, dass uns auch eine Gesandtschaft aus Kolchis erwartete, von König Aietes geschickt, die den Auftrag hatte, Medea wieder ihrem Vater zurück zu bringen. Das wiederum stand weder im Sinn Jasons noch Medeas. Nach einigen Streitereien einigte man sich, den König der Phäaken, Alkinoos, ein Enkel von Poseidon, zu bitten in dieser Sache einen Schiedsspruch zu fällen.

Wie immer bei solchen Aufträgen saß der Schiedsrichter in der Patsche. Denn wie sein Urteil auch ausfallen möge, würde eine Partei unzufrieden sein und er hätte sich dadurch Feinde verschafft. Aber wenn Alkinoos ablehnte, wären beide Teile unzufrieden. Doch der König löste das Problem prächtig. Er nahm die Rolle des Schiedsrichters an, bat um die Ansichten aller Beteiligten und zog sich zurück. Beim Abendessen verkündete er:

'Ich habe mein Urteil gefällt und ich werde es jetzt niederschreiben.' Dann versiegelte er das Dokument und fügte hinzu: 'Da es sich aber um eine äußerst schwierige Entscheidung handelt, bitte ich mir drei Tage Bedenkzeit aus, sollte ich meinen Entschluss ändern wollen.'

Er gab dem Anführer der Gesandten aus Kolchis den Auftrag, das Schreiben einstweilen aufzubewahren, und drohte ihm die Todesstrafe an, sollte das Siegel in drei Tagen beschädigt sein.

Arete, die Königin, war nicht so unparteiisch. Sie war ganz klar auf der Seite Jasons und Medeas. Noch am selben Abend kam sie die beiden besuchen und fragte, ob sie nicht heiraten wollten. Natürlich war Medea gleich Feuer und Flamme, auch wenn Jason meinte, dass dafür noch nach der Heimkehr Zeit genug wäre. Aber der Überzeugungskraft der beiden Frauen gegenüber strich er zuletzt die Segel und die Hochzeit wurde für den übernächsten Tag angesetzt. Die Vorbereitungen dafür nahmen für uns alle den ganzen nächsten Tag in Anspruch und tags darauf wurden die beiden verheiratet. Man munkelt, dass sie in der Hochzeitsnacht auf dem goldenen Vlies lagen - aber das kann ich natürlich nicht bezeugen."

Theseus grinste mich an und nahm einen reifen Apfel von einem Baum, den er mir reichte. Er genehmigte sich selbst auch einen Apfel, biss genussvoll hinein und sprach dann weiter:

"Am darauffolgenden Tag wurde das Urteil des Alkinoos verkündet. Er bat um sein Schreiben, kontrollierte die Versiegelung, brach sie auf und las vor:

'Ich, Alkinoos, König der Phäaken, verkünde folgendes Urteil: Medea soll zu ihrem Vater zurück geführt werden, wenn sie sich noch nicht mit Jason vereinigt hat. Anderenfalls soll sie dem Führer der Argonauten folgen, wohin er es für richtig hält.'"

Ich konnte ein Kichern nicht unterdrücken. Das war das erste Mal seit meiner grausamen Tat, dass ich ein fröhliches Gefühl verspürte. Aber die Schlauheit des Alkinoos war ja auch grenzenlos gewesen. Auch Theseus lachte und sah mich wieder einmal zufrieden an. Er sagte:

"Die Kolcher konnten nichts einwenden, sie hatten das Schreiben die ganze Zeit in ihrem Besitz. Es war also noch vor der Hochzeit verfasst worden. Natürlich waren sie verstimmt, aber sie konnten Alkinoos keinen offiziellen Vorwurf machen. Tags darauf baten sie den König aber, auf Korkyra bleiben zu dürfen, um nicht Aietes unter die Augen treten zu müssen. Wir blieben auch noch ein paar Tage auf der Insel, bevor wir die Segel setzten, um den letzten Teil unserer Reise durchzuführen.

Wir hatten eigentlich mit einer ruhigen Heimfahrt gerechnet, aber kurz bevor wir Kreta erreichten wurden wir nochmals abgetrieben und nach Süden verweht. Doch im zweiten Anlauf ging es besser. Auf Kreta hatten wir jedoch noch ein Abenteuer zu bestehen ...

Ich betrat die Insel mit gemischten Gefühlen, als wir dort zum letzten Mal Frischwasser holen wollten. Die Erinnerung an den Kampf mit dem Minotaurus stand mir noch deutlich vor Augen und ich war sicher, dass König Minos auf mich nicht gut zu sprechen war, nachdem seine Tochter Ariadne mit mir geflohen war. Auf meine Bitten gingen wir deshalb auch nicht im Hafen vor Anker, sondern landeten in einer Bucht an der Südseite der Insel. Es dauerte jedoch gar nicht lange, bevor Talos uns aufgespürt hatte. Ich nehme an, dass Minos ihn nach meiner Flucht freigesetzt hatte."

Ich hatte den Namen noch nie gehört und sah Theseus deshalb mit hochgezogenen Augenbrauen an.

"Talos", fragte ich.

"Ach, kennst du den nicht? Der war doch eines der drei Geschenke, die Zeus Europa machte, als er sie als Stier nach Kreta entführt hatte. Da bekam sie einen ganz bösen und bissigen Hund, der aber inzwischen schon gestorben ist. Dann bekam sie einen Speer, der niemals sein Ziel verfehlte und schließlich Talos, den metallenen Menschen. Letztere beiden Dinge hatte Minos von seiner Mutter geerbt. Ich hörte davon, als ich damals auf Kreta war. Aber ich habe sie nie gesehen. Man erzählte mir, dass Minos sie streng eingeschlossen verwahrte. Jetzt hatte ich aber die Gelegenheit, das bronzene Ungetüm aus nächster Nähe zu betrachten."

Es ist schwierig, Talos zu beschreiben. Er hatte ohne Zweifel eine menschliche Figur, also Kopf, Arme, Beine und was noch alles dazugehört. Die bronzene Hautfarbe war an sich auch nicht ungewöhnlich - viele meiner Sklaven sind mindestens ebenso braun gebrannt. Nur die Ebenmäßigkeit der Farbe war anders als beim Menschen, ungewöhnlich, unheimlich. Vor allem aber waren es seine grün leuchtenden Augen, die Schreck einjagten.

Wir waren gerade dabei, die großen Urnen vom Schiff abzuladen, in denen wir das Wasser holen wollten, als Talos am Rand des Strandes aus dem Gebüsch auftauchte. Er hielt eine große Keule in der Hand, die er drohend schwang, als er näher kam. Zuerst waren wir alle erstaunt, sodass keiner auf den Gedanken einer Verteidigung kam, aber bald merkten wir, dass der Bronzemensch nichts Gutes im Sinn hatte. Da prasselte ein Hagel von Speeren und Pfeilen auf ihn ein, sowohl von denen, die schon an Land gegangen waren, wie auch von uns, die sich noch am Schiff befanden. Die Geschoße prallten jedoch alle ab und Talos kam unaufhaltsam näher. Seine Bewegungen waren auch fast menschlich, aber doch nicht ganz. Etwa so:"

Theseus zeigte mir mit kurzen, ruckartig ausgeführten Bewegungen beim Gehen, was er meinte. Dazu sagte er:

"Bei mir ist das sicher zu ausgeprägt. Talos wirkte schon viel geschmeidiger, aber eben nicht natürlich. Als die zweite Welle von Geschoßen auch ohne Wirkung abgeprallt war, rief Jason, der sich schon am Strand befand:

'Los, Leute, bildet einen Kreis um ihn. Haltet guten Abstand, sodass er euch nicht mit der Keule erwischen kann!'

Inzwischen waren noch mehrere von uns auf den Strand gesprungen und etwa dreißig Mann umringten den Bronzemenschen in fünf Armeslängen Entfernung. Der schien jetzt ein wenig verwirrt zu sein und blieb stehen, sich zögernd umherblickend. Wir machten den Kreis ein wenig enger, mussten uns aber wieder zurückziehen, weil Talos plötzlich einen Ausfall machte. Dann kam Jason auf eine neue Idee. Er ließ Kalais und Zetes ein Netz von der Argo holen, das sie dann über den Bronzemann warfen. Das half aber auch nicht viel, denn die Stricke waren im Nu zerfetzt.

'Holt noch ein Netz', rief Jason nach einer Weile. 'Wenn wir es ihm überwerfen, gehen wir gleichzeitig zum Angriff über.'

Gesagt, getan. Als das Netz über Talos fiel, stürmten wir auf ihn ein. Es gelang uns ihn umzuwerfen und ihn dann am Boden zu halten. Aber leicht war es nicht, gegen diese übermenschlichen Kräfte anzukämpfen. Wir waren sicher zehn oder zwölf, die ihn zu Boden drückten - mehr hatten gar keinen Platz - aber das Ungetüm war nicht unterzukriegen. Immer wieder bekam Talos einen Arm oder ein Bein frei und schlug damit aus. Er schien auch nicht müde zu werden.

'Was machen wir jetzt', rief Laertes Jason zu. Aber unser Anführer wusste auch keine Lösung. Schließlich war es wieder Medea, die Abhilfe verschaffte. Mit einem groben Beil hieb sie eine Sehne an Talos Hinterbein durch. Der bronzene Mann erschlaffte sofort und rührte sich nicht mehr. Wir wollten uns aber auf keine unliebsamen Überraschungen einlassen, deshalb blieben einige von uns auf Talos sitzen, während andere die Wasservorräte auffüllten. Erst als wir schon abfahrtsbereit waren, sprang der Rest von uns auf und rannte zur Argo. Aber Talos blieb bewegungslos liegen. Ich glaube, er war tot.

Von Kreta aus ging es direkt weiter nach Athen, ohne Zwischenfall. Ich verließ die Argo und kam heim, wo ich gleich von deinem bösen Schicksal hörte. Ich machte mich sofort auf den Weg und kam gerade noch rechtzeitig, um dich vor einer großen Dummheit zu bewahren ..."

Theseus klopfte mir auf die Schulter und meinte:

"Aber schön langsam geht es dir besser, glaube ich. Ruhe dich aus und du wirst sehen, dass es jeden Tag besser wird. Und jetzt komm mit, es ist schon bald Zeit für das Abendessen."

* * * * * * * * * *

Ich bin nun einige Zeit bei Theseus geblieben und habe die Tage damit verbracht, in meinem Tagebuch nachzutragen, was seit meiner Ankunft in Theben geschehen war. Es geht mir wieder einigermaßen gut und Theseus behauptet, dass ich wieder ganz wie früher werde. Daran glaube ich zwar nicht, denn jeder Mensch wird von so einer Tat gezeichnet. Außerdem lastet die Schuld immer noch auf mir, innerlich, auch wenn ich verstandesmäßig einsehe, dass ich entsühnt worden bin. Das ist schwer zu erklären und auch Theseus kann es nicht völlig verstehen, wenngleich er mir ja glaubt. Deshalb hat er mir vorgeschlagen, doch nach Delphi zu gehen und das Orakel zu befragen, was ich tun kann, um auch meinen Seelenfrieden wieder zu finden. Das scheint mir eine gute Lösung zu sein, deshalb werde ich morgen von meinem Freund Abschied nehmen. Ich kann ihm gar nicht genug danken für alles, was er für mich getan hat.


Bernhard Kauntz, Västerås 2005


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