Café Central

 

Palais Ferstel

Untergebracht ist das Café Central im Palais Ferstel. Dies ist ein multifunktionelles Gebäude in toskanischer Neorenaissance (1860). Es ist das einzige Bauwerk, bei dem der Architektenname aus Hommage an ihn verwendet wird. Und das hat sich Architekt Heinrich Ferstel redlich verdient! Raffiniert ordnet er drei Eingänge auf dem äußerst komplizierten Grundriss an (er musste um das Palais Schwendenwein/Romano herumbauen). Der Brunnenhof dient als zentrale Drehscheibe. Die verbindenden Arkaden sind nach Mailänder Vorbild gestaltet. Indem Ferstel auch die gesamte Ausstattung (Türen, Beleuchtungskörper, Tapeten etc.) entwarf, realisierte er hier in eindrucksvoller Weise seine Vorstellungen von einem Gesamtkunstwerk

Es war kein Palais zum Wohnen, sondern hier war die österr.-ung. k. u. k. Nationalbank, bzw. die Börse untergebracht! Jedoch schon bald übersiedelte die Börse in ihr neu errichtetes Gebäude am Schottenring (1878). Der Börsesaal im ersten Stock dient heute als Ballsaal (war auch mal Turnsaal einer Schule), darunter lag die Schalterhalle der Bank - in der man heute gemütlich Kaffee trinkt, und vom ehemaligen emsigen Treiben nichts mehr spürt.

Aufstieg des Café Central

Blütezeit hatte das Café Central mit dem Zustrom von Intellektuellen, die nach der Schließung des Griensteidls ein paar Häuser weiter hierherüber wanderten. Es entwickelte sich zum geistigen Zentrum des Fin de siècle, 250 Zeitungen in 22 Sprachen und Nachschlagewerke wurden hier angeboten. Hier verkehrte der Maler Oskar Kokoschka, Architekten wie Adolf Loos, der Mediziner Billroth und Politiker: Hitler, Stalin und Leo Trotzkij, damals noch alias Leo Bronstein, haben hier ihren Kaffee getrunken.


Als die Nachricht der Revolution in Russland nach Wien kam, meinte ein hoher Beamter des Außenministeriums ungläubig: "Wer soll denn in Russland Revolution machen! Vielleicht gar der Herr Bronstein aus dem Café Central?" Dieser dürfte dort schon vorher Andeutungen gemacht haben...

 

Es wurde über das Café Central gesagt: "Auf jedem zweiten Thonetstuhl ein reifendes Dichter-Genie, ein Austromarxist, oder Adeliger, ein Zwölftonmusiker oder wenigstens ein Psychoanalytiker, hinter jeder Zeitung ein kluger Kopf, jeder Disput ein literarisches Bonbon, jeder Tropfen Obers eine Weltanschauung." Bild: die Muse küsst den Schriftsteller...

Literatencafé

Das Café Central entwickelte sich mehr und mehr zu einem Treffpunkt der Schriftsteller. Altenberg (Bild), Polgar und Kuh bildeten das klassische Trio. Andere literarische Gäste waren: Schnitzler, Kafka, Werfel, Max Brod, Hugo von Hofmannsthal, Egon Fridell, Karl Kraus, Hermann Bahr usw.


Nicht alle Literaten verkehrten harmonisch miteinander. Todfeinde waren Anton Kuh und Egon Erwin Kisch. Als man Kisch einmal fragte, woran er am liebsten sterben würde, sagte er: "An einem Schlaganfall aus Freude über den Tod Anton Kuhs". Anton Polgar sagte über das Central: "Das Central ist ein Ort für Menschen, die die Zeit totschlagen müssen, um nicht von ihr totgeschlagen zu werden.


Peter Altenberg sitzt sogar als Pappmachee-Figur beim Eingang im Café Central. Er war Gast in vielen Kaffeehäusern: "Wenn der Altenberg nicht im Kaffeehaus ist, ist er am Weg dorthin". Aber sein Stammcafé war eindeutig das Central: Wenn Altenberg nach seiner Wohnadresse gefragt wurde, antwortete er: Wien I, Herrengasse, Café Central (wirklich gewohnt hat er im Graben Hotel). Mit dem Tod von Altenberg übersiedelte man ins Café Herrenhof. Anton Kuh: "...nur die Mumien hielten dem alten Haus die Treue".

Ende des Café Central

So verkehrte man in der Zwischenkriegszeit im Café Herrenhof. Robert Musil (Mann ohne Eigenschaften), Joseph Roth, Franz Werfel, Friedrich Torberg, Adolf Loos, und natürlich die alte Runde, Kuh, Polgar und Fridell. In den 30er Jahren löste sich die Runde auf. Trotzdem bestand das Café Herrenhof weiter bis zu seinem Abbruch 1961, während das Café Central schon nach dem 2. Weltkrieg geschlossen wurde.

Wiedereröffnung

Ab dem Jahr 1975, im Jahr des Denkmalschutzes, wurde das Palais Ferstel renoviert und wieder eröffnet. Das jetztige Café Central ist in der ehemaligen Schalterhalle untergebracht. Am Wochenende gibt es Klavierbegleitung. Air-condition - also im Sommer zu empfehlen!

Ursprünglich war das "alte" Café Central (Bild) im hallenartigen Innenhof untergebracht - wiederum eine geniale Lösung des Architekten Ferstel. Die festliche Prunkstiege aus Marmor verbindet die einzelnen Trakte miteinander, den hallenartigen Innenhof hat er mit Glas überdacht, also wetterfest gemacht. Wer Kaffeehausgenuss und Regenprasseln im Wintergarten heute nacherleben will, muss zum Demel gehen.

 

© Hedwig Abraham, Wien Juni 2002


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Seite erstellt am 30.6.2002     webmaster@werbeka.com