Burgenland

Der Kalvarienberg in Eisenstadt


Die Familie Esterházy, eine der vornehmsten ungarischen Adelsfamilien, hat schon in der Mitte des 17. Jhd. (1674) auf dem Hügel eine Apolloniakapelle errichten lassen. Von dort wurde Abschied genommen, wenn es zu Wallfahrten nach Mariazell ging. Bei der Rückkunft wurden dann feierliche Prozessionen von der Kapelle bis zum Schloss veranstaltet.

Der strenggläubige starke Marienverehrer Fürst Paul Esterházy hat auch die Franziskaner nach Eisenstadt geholt, und vom Orden den Kalvarienberg 1701-1707 aufbauen lassen. Es sind künstlich gebildete Grotten aus Quadersteinen, mit vielen Kreuzwegstationen. Es sind über 20, da man hier auch Szenen aus dem Leben Marias eingebunden hat. Die Künstler - Franziskanermönche - sind namentlich unbekannt.

Tradition der Kalvarienberge

Kalvarienberge gab es viele. Das war etwas Spezielles in der Barockzeit. Der Sinn war der, dass der gläubige Pilger hier das Leiden Christi nachvollziehen konnte.

Schon die ersten Christen sind den Weg nachgegangen; wo Christi Blut die Erde tränkte, hielten sie inne und beteten. Später erfasste der Brauch, den Kreuzweg zu gehen, immer breitere Kreise. Die Wallfahrer zogen ins heilige Land, es war weit und gefährlich, und nachdem die Türken Palästina besetzt hatten, wurde eine Reise dorthin fast unmöglich. So ergab es sich, dass man den Kreuzweg, Szenen von dem Leidensweg des Herrn in Bildern oder in Plastiken darstellte. Die Anzahl der Leidensstationen war verschieden, meistens wurden 14 dargestellt. Beginnend mit seiner Verurteilung oder manchmal auch mit seiner Verhaftung am Ölberg. Bild: Jakobus als Pilger mit der Jakobsmuschel auf der Pilgertasche.

Bergwerk des Glaubens

Mit dem Passionszug in den grottenartigen Nischen wurde eine künstliche Natur geschaffen, ein Theatrum sacrum: Ein im Spiel erstarrtes Jesuitendrama. An Wallfahrtstagen sind die Menschen hier durchgegangen, haben hier gebetet, haben das Ganze sozusagen als Multimediaschau gesehen. Man hat die Figuren gesehen, und die Aufschriften – die Figuren tragen Blätter in ihren Händen (wie Sprechblasen in Comics). Die Leute, die hierher kamen, waren vielfach einfache Menschen. Damit man nicht nur die Szenen sieht, sondern auch versteht, wer wer ist, und was wer sagt, hat man die Aussagen dieser Leute so in Kartuschen immer wieder hineingeschrieben. In einfachen Sätzen. Soviel konnte man damals schon lesen, sodass die Leute eigentlich das ganze Geschehen auch mitbekommen haben und eben das Leiden Christi so drastisch vorgeführt bekommen haben.

Figurenprogramm

Insgesamt sind es 260 Holz- und 60 Steinfiguren, 10 Kapellen, 18 Altäre. Durch Gänge und Treppen sind die Stationen untereinander verbunden. Die lebensgroßen Figuren sind grell bemalt, oft in pathetisch übersteigerter Haltung und Gebärde; der Gesichtsausdruck wirkt bäuerlich-derb, jedoch volkstümlich ausdrucksstark. Es ist nicht die hohe Kunst, es ist laienhafte, bäuerliche Kunst von sehr starker Aussagekraft. Die ersten Figuren gingen bereits in der Zeit der Aufklärung verloren. Im Zweiten Weltkrieg ist auch Vieles zerstört worden, sodass nicht mehr alle Stationen da sind. Manchmal sind die Figurengruppen ein wenig zusammengestellt. Diese barocke Religiosität empfindet man heute vielfach als Kuriosität.

antike und zeitgenössische Gewandung

Christus, auch Mutter Maria und Josef sind eher in antikem Gewand dargestellt, so wie man sich das damals vorgestellt hat, wie man in der Antike gekleidet war, aber die anderen Figuren sind in der Tracht von 1700 gekleidet. Wenn man sich die Juden anschaut: die Herren mit den großen Hüten, mit dem schwarzen Kaftan, mit der großen spanischen Halskrause, dann sind das eben Juden, wie sie hier zu sehen waren. 200 m von hier entfernt begann schon die Judenstadt und genauso hat hier der Franziskanerkünstler die Juden von Jerusalem dargestellt. Auch die Begleitfiguren, wie die Bauern, tragen ländliche Kleidung.

Ende des Achten Weltwunders

Der Kalvarienberg war aufgrund seiner lebensechten, packenden, barocken Gestaltung einzigartig in der Welt. Es kamen große Pilgerscharen zum „achten Weltwunder“. Jährlich kamen 125 Prozessionen, 1711 wurden 450 000 Kommunionen gespendet!

Die Zeit der Aufklärung und des Josephinismus brachte einen gewaltigen Rückgang. Man hat gesagt, solche Dinge regen nicht zur eigenen Religiosität an, sondern eher zum Aberglauben, denn gar wunderliche Dinge sollen sich ereignet haben. Die Figuren wurden teilweise entfernt, dann kam das Verbot aller Wallfahrten, die länger als einen Tag dauerten, und das war auch das Ende der Pilgerprozessionen nach Eisenstadt. Der Kalvarienberg ist dann nur mehr am Karfreitag geöffnet worden.
Es folgte ein stetiger Verfall, bis in der Mitte des letzten Jahrhunderts eine Renovierung erfolgte.

Rundgang

  • Gnadenkapelle: Eine breite, von Engelsfiguren flankierte Freitreppe führt hinauf zu der Gnadenkapelle mit offener Vorhalle. Hinter dem Altar beginnt der Kreuzweg mit der Station Jesus auf dem Ölberg. Man nannte sie deswegen die Todesangst-Christi-Kapelle. 1711 wurde die Gnadenstatue Marias in einer feierlichen Prozession dorthin überführt und vor der Nische auf einem Altar aufgestellt (verdeckt somit halb die erste Szene). Die hölzerne Gnadenstatue thront unter einem reich verzierten Baldachin über dem Säulentabernakel. Die „Gnadenmutter von Eisenstadt“ ist eine Nachbildung von Maria Einsiedeln in der Schweiz.

  • Ecce homo: Höhepunkt des Kreuzweges ist die 11.-15. Station „Ecce homo“. Sie wirkt besonders lebendig und imposant. Christus vor dem hohen Rat: schwarz gekleidete Bürgersleute (einzelne Juden?) blicken aus den Fenstern und von den Mauerkronen auf die Szenerie herab. Auf der Empore steht Christus im Spottgewand, darunter befindet sich die „heilige Stiege - Scala santa“ aus Rom, die von den Wallfahrern nur kniend betreten wurde.

  • Weitere Stationen: Dornenkrönung, Gefangennahme Jesu, Christus an der Geißelsäule, usw.

  • Kreuzkapelle: Auf der Spitze des Kalvarienberges befindet sich die Kreuzkapelle mit geschweiftem Kuppeldach und toskanischen Pilastern. In der Mitte des ovalen Innenraumes befindet sich das Kruzifix mit Maria, Magdalena und Johannes. In den Seitenaltären die Kreuzaufrichtung und die Kreuzabnahme. Danach folgt beim Abgang als 21. Station die Pietà. Von hier hat man einen Ausblick bis weit in die Alpen hinein, bis zum Neusiedler See – an schönen, klaren Tagen sieht man noch das drübere Ufer, sieht also bis Ungarn hinüber.

© Hedwig Abraham, Wien Juli 2002


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Seite erstellt am 7.7.2002     webmaster@werbeka.com