Kunsthistorisches Museum

Die Malerei im Stiegenhaus

Teil 1

Die Lunetten

 

Entwürfe: Raffael, Rembrandt, Rubens
Entwürfe: Murillo, Velázquez, Leonardo
Entwürfe: Holbein, Allegorie der Bildhauerei, Dürer

 

Entwürfe von Hans Makart

Der große Ringstraßenkünstler Hans Makart war für die Ausstattung des gesamten Stiegenhauses vorgesehen gewesen. Das war für ihn der letzte große Staatsauftrag bevor er 1884 starb.

Bis zu seinem Tod fertigte er eine Farbskizze zum großen Deckengemälde und Farbentwürfe auf Goldgrund zu den Lunetten an, welche dann auch noch zur Ausführung kamen.

Makart stellt auf Goldgrund die großen Meister Italiens, Spaniens, Deutschlands und der Niederlande des 16. und 17. Jahrhunderts dar. Entweder mit ihren Modellen oder Lieblingsthemen.
Jedes Bild steht für sich selbst, die Künstler sind also nicht chronologisch geordnet, nur in ihrer Konzeption beziehen sie sich aufeinander: die zwei Großmeister, Velázquez und Rembrandt, setzte er als gerahmte Portraits in der mittleren Querachse zueinander in Korrespondenz, als Gegenpole der mittleren Längsachse die beiden Allegorien (Malerei, Gesetz und Wahrheit). Auch die Lunetten jeweils links und rechts von den Mittelbildern sind in ihrer Komposition aufeinander bezogen. In diesem Sinne sind auch die unten angeführten Bilder abgebildet, ihre Reihung ist also nicht mit ihrer Aufbringung im Stiegenhaus identisch.

Bild: Hans Makart


1. Rembrandt

Ausführung; Selbstportrait Rembrandt

Ein weiblicher und ein männlicher Akt halten Rembrandts Portraitmedaillon dem Betrachter entgegen. Vorbild war das Große Selbstportrait, das hier im KHM hängt.

Rembrandt Harmensz van Rijn schuf ein ungeheures Werk. 700 Gemälde, 300 Radierungen, 1800 Zeichnungen. Er schuf von sich über 100 Selbstportraits, und zahlreiche biblische, historische und mythologische Szenen.

Bild: KHM, großes Selbstbildnis Rembrandt, Ausschnitt


2.Velázquez

Ausführung; Selbstportrait Velázquez

Wie bei Rembrandt flankieren zwei Aktfiguren das Portraitmedaillon. Der spanische Meister Diego Rodriguez de Silva y Velázquez, ist seinem Selbstportrait in den Uffizien, Florenz nachempfunden.


Bild: Velázquez, Selbstportrait Uffizien


3. Hans Holbein

Ausführung; Holbein und Jane Seymour

Hans Holbein der Jüngere ist als junge Halbfigur mit weitausladendem roten Barett gezeigt. Vorbild war sein Selbstbildnis aus Basel. Er wendet sich seinem Modell zu. Die kokett auf die Portraitstudie in Holbeins Händen blickende junge Dame ist Makarts Umsetzung des Jane-Seymour-Portraits der Wiener Galerie, 1536 von Hans Holbein gemalt.

Bild: Holbein, Selbstportrait Basel, Ausschnitt

Seit 1536 befand sich Holbein als Hofmaler im Dienst König Heinrichs VIII. von England. Eines der ersten Bilder, das er in seiner neuen Funktion malte, stellt die Königin Jane Seymour dar - 1513 geboren, war sie 1530 an den Hof gekommen, wo sie nacheinander den Königinnen Katharina von Aragon und Anne Boleyn als Hofdame diente, bis sie unmittelbar nach der Hinrichtung ihrer Vorgängerin 1536 die dritte Gemahlin des Königs wurde. Sie starb bereits im darauffolgenden Jahr nach der Geburt ihres Sohnes Edward.

Bild: Holbein, Jane Seymour, KHM

4. Albrecht Dürer

Ausführung; Dürer mit Modell

Als kompositorisches Gegenstück zu Holbein blickt Albrecht Dürer, nach dem Selbstportrait der Münchner Alten Pinakothek, auf sein vor ihm trauerndes Modell, die aus Kompositionsgründen seitenverkehrte "Melancholie"

Albrecht Dürer war Maler und Grafiker. Geboren 1471 in Nürnberg, dort auch 1528 gestorben. Sein Vater war Goldschmied, ein eingewanderter Ungar. Er hat sich 1455 in Nürnberg niedergelassen. Nach der Ausbildung bei seinem Vater und dem Maler Wolgemut heiratete Dürer Agnes Frey, eine Nürnbergerin. Sie überlebte ihn um 13 Jahre und starb 1539. Um 1500 bereiste Dürer Italien und die Niederlande, er war viel für Kaiser Maximilian I. tätig. Dürer gelang es, die graphische Kunst dem Gemälde in Aussagekraft gleichzustellen.

Bild: Dürer, Selbstportrait Alte Pinakothek

Dürer ist 43 Jahre alt, als er 1514 das Blatt "Melencolia I" sticht. Der Kupferstich ist und bleibt in seiner Gegenständlichkeit und Deutung rätselhaft.

Ein gefügeltes Weib, das auf einer Stufe an der Mauer sitzt, ganz tief am Boden, ganz schwer, wie jemand, der nicht bald wieder aufzustehen gedenkt. Der Kopf ruht auf dem untergestützten Arm mit der Hand, die zur Faust geschlossen ist. Die Haare fallen in wirren Strähnen, trotz dem zierlichen Kränzchen, und düster-starr blicken die Augen aus dem schattendunklen Antlitz. Alles scheint Unmut, Dumpfheit, Erstarrung.

Aber ringsherum ist alles lebendig. Ein Chaos von Dingen. Der geometrische Block steht da, groß, fast drohend; unheimlich, weil es aussieht, als ob er fallen wolle. Ein halbverhungerter Hund liegt am Boden. Die Kugel. Und daneben eine Menge Werkzeuge: Hobel, Säge, Lineal, Nägel, Zange, ein Schnürtopf zum Farbenanrühren - alles ungenützt, unordentlich zerstreut.
Was soll das heißen? Als Erklärung steht oben, den Flügeln eines fledermausähnlichen Fabeltieres eingeschrieben, das Wort: "Melencolia I."

Bild: Dürer, Melancholie

5. Raffael

Ausführung, Raffael und Madonna mit Kind

Der junge Raffael trägt dunkle, florentinische Tracht, mit Samtbarett. Die Locken fallen ihm auf die Schultern. (Vorbild: Selbstportrait Uffizien) Er zeichnet gerade das vor ihm sitzende Modell, eine Madonna mit Kind. Raffael war besonders für seine "schönen Madonnen" berühmt. Vorbild für diese hier war seine Madonna di Loretto; ein Bild, das leider nur mehr in Kopien existiert.

Raffaello Santi starb 1520 in Rom, mit 37 Jahren. Neben seinen Gemälden und Fresken sind auch viele Zeichnungen von ihm erhalten. Verlorene Originale sind in Stichen überliefert.

Bild: Raffael, Selbstportrait Uffizien

6. Rubens

Ausführung; Rubens und das Pelzchen

Hier wählt Makart gleich drei große Gemälde des Meisters als Vorbild.
1. Rubens Selbstportrait, welches in Windsor/England hängt.
2. Das Pelzchen, das in Wien hängt, und seine zweite Gattin zeigt. Wie hingegossen schmiegt sich die junge, nackte Frau an ihren Gatten. Der Pelz ist ihr nun endgültig heruntergerutscht, und bedeckt nur mehr ihre Scham. Im Gegensatz zum Entwurf zeigt die Ausführung durch eine andere Handhaltung nun noch offenkundiger ihre Reize.
3. Das Gemälde genannt Geißblattlaube, das Rubens 1609 malte, und das in München, in der Alten Pinakothek hängt. Sie zeigt Rubens und seine erste Gattin, Isabella Brant. Im Volksmund wird das Geißblatt auch "je länger, je lieber" genannt, es macht in diesem Ehebildnis die Hoffnung auf eine lang anhaltende Beziehung der Dargestellten deutlich. Aus Kompositionsgründen hat Makart die Komposition seitenverkehrt dargestellt.

Bild: Rubens, Selbstportrait, Windsor

Rubens: Pelzchen Rubens: Geißblattlaube

7. Michelangelo

Ausführung; Michelangelo und Adam Vorbild: Michelangelo, Sixtinische Kapelle
Michelangelo und sein Modell. Das Motiv ist eine Paraphrase auf Michelangelos Erschaffung des Menschen in der Sixtina.


Eigentlich hätte Michelangelo Buonarroti als Beamter oder Geschäftsmann in Florenz Karriere machen sollen. Doch er fühlte sich nur zu einem berufen: Er wollte Künstler werden. Mit 13 hatte er seinen Kopf durchgesetzt, und er begann eine Lehre als Bildhauer.

Ein Jahrzehnt später zählte Michelangelo, wie er nun genannt wurde, bereits zu den gefragten Künstlern und ernährte mit seinem Einkommen sogar die Familie.
Doch der Papst wollte noch mehr von ihm: ein Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Dies wurde sein größtes Werk. Thema: die Entstehung der Welt.

In sechs Tagen habe Gott Himmel und Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen geschaffen, kann man dazu in der Bibel nachlesen. Michelangelo brauchte etwas länger, denn neidische Künstler-Kollegen und prüde Päpste wollten das Genie der Renaissance ausbremsen.

Bild: Selbstportrait Michelangelo

8. Tizian

Ausführung, Tizian und Modell Vorbild: Tizian, Venus mit dem Orgelspieler

Aus dem Hintergrund blickt Tizian, vor der Staffelei malend, auf sein Modell, die seitenverkehrte Umsetzung seines Bildes Venus mit dem Orgelspieler, im Prado, Madrid. Die ruhende Venus betrachtet hier ihr Antlitz im Konvexspiegel. Tizian, nach seinem Berliner Selbstbildnis, tritt an die Stelle des Orgelspielers.

Tizian starb fast 100jährig in Venedig an der Pest (1576), und ist in der Frarikirche beigesetzt. Er war berühmt in ganz Europa und wurde 1533 von Kaiser Karl V. in den Adelsstand erhoben.

Bild: Selbstportrait Tizian, Berlin

9. Murillo

Ausführung; Murillo und Christus

Auf ein neogotisches Lesepult gestützt, wendet sich der Maler Bartolomé Esteban Murillo, nach dem Selbstportrait Richmond, seinem vor ihm liegenden Modell, dem toten Christus zu.

Murillo war Schüler von Velázquez. Jener starb 1660, dieser 1682. Beide waren in Sevilla geboren und zunächst Schüler dortiger Meister. Während sich nun Velázquez, als er Hofmaler König Philipps II. geworden war, im Porträt spezialisierte und darin den großartigen Aufschwung nahm, ging Murillos spätere Schaffensperiode in der religiösen Malerei auf. Velázquez malte wenig für die Kirche; eine Krönung Mariä in Madrid ist sein bedeutendes derartiges Bild. Umgekehrt wandte sich Murillo dem Porträt als Selbstzweck nur selten zu.

Bild: Selbstportrait, Richmond

10. Leonardo da Vinci

Ausführung; Leonardo da Vinci und Modell

Als kompositorisches Gegenstück zu Murillo liegt das nackte, nicht näher bestimmbare Modell des Universalgenies vor dem Meister Leonardo da Vinci, der nach seinem Selbstportrait in den Uffizien, Florenz dargestellt ist.

Leonardo, 1452 in Vinci, Italien geboren, war Maler, Bildhauer, Architekt, Techniker, Naturforscher. Er starb auf dem Schloss Ambois an der Loire in Frankreich, 67jährig.

Bild: Selbstbildnis, Uffizien

11.Allegorie der Malerei

Madonna Ausführung; Allegorie der Malerei Galathea

Allegorie der Malerei: Auf den Stufen zu ihren Seiten nackte Knaben, die Kartons der Sixtinischen Madonna (Bild oben links) als Motiv der religiösen und der Galathea Raffaels (Bild oben rechts) als Motiv der profanen Malerei in Händen tragen.

12. Allegorie der Bildhauerei

Ausführung; Allegorie der Bildhauerei

Allegorie der Bildhauerei: In der linken die Statuette Nikes, der geflügelten Siegesgöttin, in der Rechten einen Griffel. Symmetrisch zu ihren Füßen sitzen auf den Stufen des Thrones in malerischer Pose nackte Genien, der linke hält die Tafel für eine Skizze bereit, während der rechte sich auf einen Konvexspiegel stützt.

© Hedwig Abraham, Juli 2002




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