Das Stiegenhaus im 

Kunsthistorischen Museum

Bei Führungen im KHM (Kurzform von Kunsthistorisches Museum) wurde ich schon des öfteren von Gästen gefragt, wer denn in diesem Schloss gewohnt hätte. Viele große Museen der Welt sind ja auch in ehemaligen Schlösser untergebracht, wie z.b. der Louvre in Frankreich oder der Prado in Spanien.

Es gehört zu der Einzigartigkeit dieses Museums, dass es eigens für eine bereits bestehende Sammlung gebaut wurde. Diese war bis dahin auf verschiedene Orte verteilt: Unteres Belvedere, Stallburg, Hofburg. Schon des längeren hat man eine Vereinigung der Bestände angestrebt.

So konnte man die Stockwerkhöhe der Gemäldegalerie (erster Stock) nach den großen Altarbildern Rubens berechnen, und vor allem in der Innenausstattung kommt diese Tatsache zum Tragen. Für die war Baumeister Karl Hasenauer verantwortlich, während sein Partner Gottfried Semper für die Architektur des Hauses zeichnet. Innerhalb von zehn Jahren errichtete dieser das Museum, und weitere zehn  Jahre waren für die Dekorationen im Inneren nötig. Eröffnung 1890.

Bild: Aquarell Robert Raschka, 1891


Pantheon der Kunst

Schon beim Eintreten in das Museum ist der Besucher überwältigt von der prächtigen Gestaltung mit kostbaren Materialien. Klassisch kühler, schwarzer und weißer Marmor dominieren den relativ dunklen Raum. Links und rechts vom Eingang stehen niedrige Bänke, überzogen mit gediegenem, rotem Leder. Von dort aus lässt man die oktogonale Kuppelhalle am besten auf sich wirken.
Unwillkürlich blickt man nach oben, in der Kuppeldecke ist eine kreisrunde Öffnung eingelassen. Man denkt an den Pantheon in Rom. Hier sollte allerdings ein Pantheon der Kunst entstehen. Die Musterung des Plafonds wird am Fußboden wiedergegeben. Durch diese Spiegelung der Rasterung wird die Kuppel zur Kugel. Der Anspruch auf die Weltherrschaft wird damit dokumentiert – die Weltherrschaft der Habsburger.

Bild: Kuppel Eingangsvestibül


Materialien

Abgesehen vom "echten" Marmor aus Carrara (weiß) und Engelsberg (rot) beherrscht "unechter" Marmor - Stuccolustro die Wände. Dieser künstliche Marmor erlaubt weiße, grüne, schwarze, rote, graue und gelbe Sprenkelungen und wurde von dem führenden Kunstmarmorierer der Ringstraßenzeit, dem Italiener Anton Detoma ausgeführt, den Ferstel speziell für seine Bauten nach Wien geholt hat, und der auch hier im KHM sein Können zeigt.

Bild: Fußboden Eingangsvestibül


Wegweiser durch das Museum

Die Kuppel gibt auch Auskunft über den zu erwartenden Kunstgenuss: über der Mitteltreppe steht der Schriftzug

  • Raffael, darüber im kreisrunden Feld eine Malerpalette mit Pinsel. Die Treppe führt hinauf in den zweiten Stock zur Gemäldegalerie. Über der rechten Seitentreppe steht 

  • Michelangelo, (M.angelo) darüber Bildhauerwerkzeug. Hier geht’s hinein zur Antikensammlung. Und über der linken Treppe steht

  • Cellini, darüber sein Goldschmiedewerkzeug. Er steht stellvertretend für die in diesem Trakt untergebrachte Kunstgewerbesammlung. Über dem Museumseingang sieht man auf rotem Marmor den Schriftzug

  • Bramante, darüber die Zeichen eines Baumeisters: Zirkel und rechter Winkel. Er steht für die Architektur des Hauses allgemein.
    Bild: Bramante, darüber Baumeisterzeichen

Bevor wir den Rundgang fortsetzen, noch einige Orientierungshilfen. Linkerhand vom Eingang geht's hinunter zur

  • Garderobe, gegenüber, also rechterhand (nicht zu übersehen) in das

  • Souveniergeschäft. Hier gibt es viele schöne Ansichtskarten von den ausgestellten Werken zu kaufen. Links vorne, neben der Mitteltreppe sind

  • Audio Guides zu erhalten, rechts von der Treppe hat der Stand der

  • Museumsfreunde seinen Platz, wo jedermann von einer freundlichen Mitarbeiterin Auskunft erbitten kann. Von hier aus hat man auch die Möglichkeit an "menschlichen" Führungen teilzunehmen. Empfehlenswert. :-) Hinter diesem Stand ist der Zugang zum

  • Lift für gehbehinderte oder müde Gäste. Falls er außer Betrieb ist - nicht verzagen: auf der gegenüberliegenden Seite ist noch ein Aufzug eingebaut. Und einer funktioniert immer.

  • Toiletten findet man im Halbstock nach dem ersten Treppenabsatz, sowie im ersten Stock auf der Südseite.
    Bild: Pantheon in Rom


Die Habsburger als Mäzene

Hinauf zu den Gemälden führt eine mächtige, breit gelagerte Prunktreppe aus blendend weißem Carraramarmor. Gleich nach dem zweiten Treppenabsatz hält man inne, denn die Initialen des Kaiserpaares Franz Josef und Elisabeth sind sehr augenfällig aus weißem Marmor angebracht.
Auf das Mäzenatentum hinweisend sind auch die beiden Löwen mit Habsburgerwappen auf den Podesten am Ende der Treppe. In heutige Zeit übertragen: Stellen Sie sich vor, die Firma Shell hätte das Museum gebaut, und die Gemälde zur Verfügung gestellt. Anstelle der Initialen des Kaiserpaares wäre hier das Firmenlogo, die Muschel angebracht. Sowohl beim Kommen als auch beim Gehen werden sie eindeutig auf den Stifter, den Wohltäter hingewiesen, dem sie das alles zu verdanken haben...und glauben Sie mir. Sie täten ihn auch nicht vergessen! 

Bild: Prunktreppe




Theseus ist fehl am Platz!

Von diesem Standpunkt aus richtet sich der Blick weiter nach vorne, und bleibt bei der riesigen Theseusgruppe hängen. Das war aber gar nicht „im Sinne des Erfinders“. Im Gegenteil! Hasenauer würde sich im Grab umdrehen.
Napoleon hat einst 1805 den berühmtesten Bildhauer seiner Zeit, Antonio Canova, beauftragt, die Marmorgruppe "Theseus' Kampf mit dem Kentauren" auszuführen. Sie sollte seinen Sieg über die Österreicher bei der Schlacht von Marengo (1800) glorifizieren. Napoleons Ära war jedoch schon wieder zu Ende noch bevor das Kunstwerk fertig war.
Canova suchte nun einen neuen Abnehmer und fand ihn in Napoleons Schwiegervater Kaiser Franz II/I. Denn da die Gruppe so allgemein gehalten war, konnte sie als nationales Denkmal für den Sieg über Napoleon umgedeutet werden. Aufgestellt wurde sie im Theseustempel im Volksgarten, und leider 1890 hierher übertragen

Bild: Theseusgruppe, Antonio Canova, 1819


Höhepunkt: Apotheose der Kunst

Also denken Sie sich diese Gruppe bitte mal weg und schauen Sie auf die große, quadratische, plane Fläche ohne jegliche Dekoration. Der Blick wird weitergelenkt, hinauf zu den leopardengefleckten, schwarzweißen Säulen, empor zu den Interkolumnien - (zwischen den Säulen) und Zwickelbildern (links und rechts vom Architekturbogen), durch den seitlichen Lichteinfall noch weiter hinauf zu den Lünettenbildern (halbmondförmiges Format über dem Gesims) und erreicht den dann den Höhepunkt: das Deckengemälde: „Apotheose (Verherrlichung) der Kunst“.

Und nun kommt etwas ganz Grandioses: denn das gleiche Programm wiederholt sich im Gemälde: Man steigt über Treppen hinauf in ein Künstleratelier, das umfangen ist von der gleichen Architektur wie hier im Stiegenhaus: Doppelsäulen, die Lünetten sind offen und lassen einen Blick auf den Himmel frei, oben öffnet sich die Kuppel – vom Himmel herabgeschwebt kommen Fama mit Palmenzweig und Gloria als Symbolfiguren für Ruhm und Ehre der Kunst. Und so wie man hier im Museum als Besucher das Bild vom ersten Stock aus betrachtet, so nehmen auch hier die Atelierbesucher am Geschehen teil.

Das Deckengemälde hat zwar von hier aus die beste Perspektive, aber zur Betrachtung der Einzelheiten wesentlich bequemer ist der Standort im ersten Stock, wo sich auf einer Tafel auch eine Beschreibung für den Besucher findet.

Bild: Stiegenhaus Südseite


Farbenprächtiges Stiegenhaus

Also es geht weiter, vorbei an der Theseusgruppe, hinauf über eine zweiläufige Stiege. Das Stiegenhaus besticht vor allem durch seine üppige Farbigkeit.
Für die Ausführung war Hans Makart, der große Ringstraßenkünstler vorgesehen. Als er starb, wurde der Auftrag an die Gebrüder Ernst und Gustav Klimt und Franz Matsch übertragen. Diese Studienkollegen hatten 1879 gemeinsam die Künstlerkolonie gegründet. Ihre „Probearbeit“ hatten die drei schon vorher in der Hermesvilla abgeliefert, kurz danach bewährten sie sich beim Deckengemälde im Stiegenhaus des Burgtheaters. Die Arbeit im KHM sollte allerdings auch die letzte des Trios sein.
Die Lünetten zeigen zehn berühmte Maler, sowie die Allegorie der Malerei und Bildhauerei. Die Bilder zwischen den Säulen und den Zwickeln erzählen die Kunstgeschichte.

Bild: Stiegenhaus Nordseite


Obere Kuppelhalle

Im ersten Stock angekommen, betritt man die obere Kuppelhalle. So wie die untere Kuppelhalle ist sie in kühlen, eleganten, schwarz-weißen Farbtönen gehalten, also ganz bewusst im Gegensatz zu dem bunten Stiegenhaus, und auch zu den bunten Gemälden, die den Besucher in den Trakten erwarten (man will ja denen quasi keine Konkurrenzmachen). Es sollte ein Raum der inneren Versammlung sein - heute dient er als Kaffeehaus und Souvenirshop.

Von hier führen riesige Türen auf der einen Seite zur italienischen und spanischen, auf der anderen Seite zur deutschen und niederländischen Malerei. Das Museum besitzt eine der größten Rubens-Sammlungen (3 Säle), Brueghel bildet einen Schwerpunkt, und auch Tizians langes Leben (er wurde fast 100 Jahre alt) kann man hier in seinen Werken verfolgen. Französische und englische Bilder haben die Habsburger kaum gekauft.

Bild: Fußboden der Kuppelhalle im ersten Stock


Ruhmeshalle

Akzente werden hier nur durch Blattvergoldungen bzw. durch die roten Baluster (Steinsäulen der Balustrade) rund um die Mittelöffnung der aufgerissenen Kuppel des Eingangsvestibüls gesetzt. bzw. wird dadurch auch die Vertikallinie des eigenständigen Bau- und Raumkörpers betont (untere Kuppel, obere Kuppel, aufgesetzte Laterne).Es geht von hier aus noch weiter hinauf zum ersten Obergeschoss, auf der Höhe der Balkone, die der heute dort untergebrachten Münzensammlung schließen. Reichhaltiger Figurenschmuck dominiert den Raum. Putti und Genien schmücken die Zone bis zum Tambour hinauf.

Bild: Obere Kuppelhalle


Die Habsburger als Mäzene

In der Kuppel trifft man auf eine Verherrlichung der Mäzene aus dem Hause Habsburg. Acht große Sammler der Familie werden in Schrift, Bild und Tat gezeigt: unterhalb der hochovalen Fenster halten Allegorien das runde Portraitmedaillon, darunter, in einem breiten Reliefzug, die "Taten" der jeweiligen Person, darunter auf rotem Marmor steht ihr Name geschrieben. Flankiert werden die Fenster von Karyatiden, darüber halten geflügelte Kinderfiguren die Wappen und Monogramme des Allerhöchsten Kaiserhauses.

Bild: Kuppel mit Wappen, hochovalen Fenstern und Habsburgerreliefs



Kaiser Franz Joseph I.

Kaiser Franz Joseph ist im Portrait mit seinem typischen Backenbart dargestellt. Gehalten wird das Medaillon links vom Genius der Kunst mit dem Künstlerwappen, umd dem weiblichen Genius rechts mit der Mauerkrone auf dem Kopf - Vindobona. Die ruinenhafte Architektur hinter ihr bezieht sich auf die geschleifte Stadtmauer, an Stelle derer die Ringstraße entstand. Der kleine Putto rechts von ihr entrollt gerade den Plan der Stadterweiterung.

Bild oben: Portrait Kaiser Franz Joseph I.
Bild unten: Werke und Taten des Kaisers



Das Relief darunter zeigt im Zentrum Kaiser Franz Joseph. So wie im Medaillon oben, trägt er die Ordenskette und das Ornat vom goldenen Vlies. Diesmal ist es die Vindobona, die den Kaiser den Plan der Stadterweiterung entgegenhält, und er deutet mit seiner Rechten auf ein Modell des KHM - aufgrund seines Willens ist die Ringstraße, und damit auch das KHM entstanden.
Das Modell des Museums hat zweifacher Bedeutung. Es steht nämlich auch im Zusammenhang mit den beiden anderen Genien dahinter. Die eine trägt ein Modell des Maria Theresia Denkmals, die andere eine Malerpalette in der Hand. Also Architektur, Malerei und Bildhauerei sind hier vereint. Alles Künste, die auch hier im Museum gezeigt werden, und besonders in der Ringstraßenzeit sehr gefördert wurden.
In der linken Ecke liegt der gefesselte Danubius als eine Anspielung auf die Donauregulierung, sein Pendant ist die Nixe ganz rechts, mit einem Wasserkrug in der Hand, einen alten Mann mit Wasser labend. Sie symbolisiert die Hochquellwasserleitung. Beide Projekte entstanden ebenfalls aufgrund der Anordnungen des Kaisers. Der Genius rechts hinter der Vindobona hält das alte Stadtwappen Wiens empor.
Dieses Relief ist das einzige „Denkmal“ der Stadterweiterung, bzw. der Ringstraße.

© Hedwig Abraham, Juli 2002


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