DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

An der Wegscheide


Heute ist etwas ganz Komisches passiert, ich weiß noch immer nicht, ob es Wirklichkeit war, oder ein Traum. Ich bin hier an dieser Weggabelung gesessen und habe mich ein wenig ausgeruht, während ich überlegte, ob ich nun rechts oder links gehen sollte. Als ich da in der Sonne saß, kamen zwei Mädchen aus der Richtung aus der ich selbst gekommen war. Beide waren hübsch, aber sehr verschieden voneinander.

Die eine war dunkelhaarig und sehr geschminkt, zu sehr für meinen Geschmack, wenn ich ehrlich sein soll, und sie trug ein Gewand, das so durchsichtig wurde, als die Sonne durchschien, dass sie genauso gern ohne Kleider gehen können hätte. Und sie brauchte sich ihrer Formen durchaus nicht zu schämen. Sie war es, die zu sprechen begann.


Batoni: Herakles am Scheideweg
"Servus, Herakles", sagte sie und ich wunderte mich darüber, dass sie meinen Namen kannte, wir hatten uns noch nie gesehen, sonst hätte ich mich bestimmt an sie erinnert.

"Gut, dass wir uns hier treffen", sprach sie weiter, bevor ich noch etwas sagen konnte. "Ich möchte dich nämlich einladen, mich auf meinem Weg zu begleiten. Ich verspreche dir, dass du es nicht bereuen wirst. Ich werde dazusehen, dass du von allem Überfluss, den die Menschen und die Natur zu bieten haben, mehr als genug bekommst."

"Naja, du musst wissen, dass ich mit fremden Frauen nicht einfach mitgehe", scherzte ich und sie lächelte, sodass ich nur so dahinschmolz. "Du musst mir vorher schon wenigstens sagen, wie du heißt."

"Oh, ein geschätzes Wesen hat viele Namen", antwortete sie, noch immer lächelnd. "Vergnügen, Verlustigung, oder - unter Freunden kurz Lust, sind Namen, die mir meine Begleiter geben."

"Unsinn", brach da das blonde Mädchen in die Rede. "Sag ihm lieber deine richtigen Namen. Liederlichkeit, Laster und Müßiggang, wie wäre es mit denen?"

Die Blonde sah auch gut aus, sie hatte mehr natürliche Ausstrahlung und wirkte in ihrer Art ein wenig ruhiger, auch wenn sie sich jetzt ereiferte.

"Und wer bist denn du", fragte ich sie.

"Ich bin die Tugend", sagte sie, "und ich kann dir keinen leichtsinnigen Weg durch das Leben versprechen. Gehst du mir nach, wirst du dir deine Erfolge erarbeiten müssen. Willst du Ruhm erreichen, musst du ihn dir erst verdienen. Aber ich biete dir sicherere Werte als die da dir je geben kann.

"Was erzählst denn du, du langweilige Genossin", gab die erste darauf zurück. "Du weißt ja gar nicht, was es heißt zu leben, du, die immer voller Fleiß und Pflichtgefühl dahingeht. Askese und Kasteiung will sie dir erbieten, Herakles. Ruhm und Ehre, dass ich nicht lache! Eine gute Mahlzeit und ein paar Glas Wein dazu sind mir viel lieber."

"Ja, genau", antwortete die Tugend spöttisch. "Du weißt ja selber nicht was eine gute Mahlzeit ist, weil du immer schon das nächste Essen verzehrst, bevor du noch hungrig bist und daher gar nicht weißt, wie genüsslich Essen wirklich sein kann. Und wenn du, wie immer, zuviel trinkst und am Tag darauf darüber jammerst, dann ist das wohl auch nicht sehr erstrebenswert." Sie schüttelte den Kopf und wandte sich dann an mich. "Es liegt an dir, zu wählen, Herakles. Du musst die Verantwortung für dein Leben selber tragen."

Dann weiß ich nicht mehr, was geschah. Ich muss eingeschlafen sein, weil ich soeben hier neben diesem Stein wieder aufgewacht bin, aber von den Mädchen sah man keine Spur. Ich fange an zu glauben, dass ich das alles nur geträumt habe. Aber ich könnte schwören, dass sie wirklich dastanden und stritten - ich hörte ja ihre Stimmen und konnte sogar ihr Parfum riechen.

Aber wie dem auch immer sei, ich habe beschlossen, dass ich jetzt einen Abstecher zum Kithairon-Berg mache. Dort soll es einen Löwen geben, der den Bauern in der Gegend viel zu schaffen macht. Mal sehen, ob ich die Bestie nicht ausrotten kann. So, wenn ich dorthin gehen will, dann muss ich den linken Weg einschlagen - ich glaube übrigens, dass der schmäler ist als der andere....


Bernhard Kauntz, Västerås 1998


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