DAS TAGEBUCH
DES HERAKLES

Die Herolde aus Orchomenos


Megara, Verehrte!

Ich weiß, dass Du niemals diese Zeilen vor Augen bekommen wirst, aber meine Seele ist so voller Anbetung, mein Herz so voller Sehnsucht nach Dir und mein Kopf so voller Gedanken an Dich, dass ich es ganz einfach nicht bleiben lassen kann, es niederzuschreiben - vielleicht hilft mir das ein wenig.

Jetzt sind zwei Wochen vergangen, seit unserem unerwarteten Zusammentreffen im Audienzsaal Deines Vaters, da ich mich plötzlich fühlte als ob mich der Blitz getroffen hätte, als Du ins Zimmer kamst. Aber nein, der Blitz ist ein sehr schlechter Vergleich, ich fühlte mich als ob die Sonne gerade aufgegangen wäre und ihre wärmenden Strahlen meinen ganzen Körper einhüllten. Dein Anblick erwärmte jede Faser in mir, machte mich größer, freundlicher, fröhlicher, ich finde keine Worte, die das Gefühl wirklich beschreiben könnten.

Aber ich glaube, dass dieser Augenblick auch Dich nicht ganz unberührt gelassen hat. Wenn ich Deinen Blick richtig deuten konnte, den Du verschämt aus Deinen wunderschönen Augen zu mir sandtest, obwohl Du keusch Deinen Kopf zu Boden gesenkt hieltest, als Du durch den Raum schwebtest um Deinem Vater eine Botschaft ins Ohr zu flüstern - wenn ich diesen Blick richtig deuten kann, dann weiß ich, dass auch Du spürtest, dass das für uns beide ein schicksalhafter Moment war.

In den letzten zwei Wochen ist nicht ein Tag vergangen, ja, keine Stunde, in der ich nicht in Gedanken zu diesem Augenblick zurückkam. Wie ein rastloser Tiger bin ich daheim hin und her gewankt, mich nur nach einer neuen Möglichkeit sehnend, Dich wiederzusehen, unsicher ob ich Deine Gefühle wirklich richtig erkennen konnte, erfüllt von dunkler Verzweiflung beim Gedanken, dass es nicht so sein könne.

Gestern bin ich wieder fortgegangen, ohne eigentliches Ziel, ich spürte nur, dass ich mich irgendwie aktiv betätigen musste, mich bewegen, um all dieser Energie, die Du in Bewegung gesetzt hast, einen Auslauf zu gewähren. Ich bin den ganzen Tag gewandert und jetzt habe ich mich hier niedergelassen, wo ich heute Nacht mein Lager aufschlagen will. Die Sonne nähert sich dem Horizont und ich muss daran denken, mir Holz zu beschaffen, um Feuer zu machen. Ich wollte nur zuerst meine Gedanken zu Papier bringen, sodass.... nein, jetzt muss ich aufhören, dort kommen Leute.

* * * * * * * * * *

Ich wusste wohl, dass mir das Schicksal eine Möglichkeit bereiten würde, Megara zu sehen, oder mir wenigstens wieder eine Gelegenheit geben würde, den Palast zu betreten; denn jetzt muss ich mit König Kreon sprechen und ihm erzählen was hier vorgefallen ist...

Als ich gestern mit dem Schreiben aufhörte, war es doch, weil auf der Landstraße ein paar Menschen näherkamen. Es waren sechs Männer und sie sahen aus, als ob sie einen guten Platz zum Übernachten gebrauchen könnten. Weil ich wusste, dass ich im Umkreis von einer guten Stunde Wanderung den besten Platz belegt hatte, erbot ich ihnen, doch bei mir in der Mulde zu lagern, wo man recht gut gegen den Wind geschützt war. Sie schienen über den Vorschlag froh zu sein und halfen auch, Feuer zu machen, bevor wir uns zum Abendessen setzten. Ich hatte untertags einen Wildhasen geschossen, den wir jetzt über dem Feuer brieten und bald hatte auch ein Gespräch begonnen.

Alles schien in schönster Ordnung zu sein und ich sah schon einem gemütlichen Abend entgegen, mit Erfahrungsaustausch und Geschichtenerzählen, als sie mir auf meine Frage nach woher und wohin antworteten, dass sie Minyer aus Orchomenos seien und auf dem Weg nach Theben, um dort den jährlichen Tribut für ihren König, Erginos, abzuholen. Ich wurde von einem gewaltigen Zorn erfasst und es fiel mir sehr schwer, mich zurückzuhalten und mich nicht gleich mit ihnen zu schlagen. Aber sie waren ja immerhin zu sechst und warum soll man ein Risiko eingehen, wenn es einfachere Wege gibt, seinen Feinden beizukommen. Deshalb hielt ich mich so gut im Zaum, wie es nur möglich war, antwortete, dass ich selbst aus Mykene stammte, was ja nicht unbedingt gelogen war, und fragte sie, warum dieser Tribut bezahlt werden solle.

Die Geschichte war ganz und gar nicht außergewöhnlich, man hatte sich vor langer Zeit gestritten und hatte zu den Waffen gegriffen, um den Zank auszufechten. Damals waren die Minyer stärker gewesen und als sie vor den Toren Thebens standen, gaben die Thebaner auf. Um ihre Stadt und ihre eigenen Leben zu retten, mussten sie sich dann in die schweren Willküren der Sieger fügen, die Schadenersatz verlangten. Hundert Jahre lang sollten sie den Minyern jeden Sommer eine hohe Abgabe leisten. Jetzt waren siebenundfünfzig Jahre vergangen und fast die Hälfte der Schuld war also noch ausständig. Außerdem hatten die listigen Minyer den Verlierern aufgelegt, dass kein Thebaner während dieser Zeit Rüstungen verfertigen oder tragen dürfe - natürlich um ihnen die Möglichkeit zu erschweren, erneut zu den Waffen zu greifen um die Peiniger loszuwerden.

Das Tributsystem war zwar äußerst normal, und in unserem Fall handelte es sich trotz allem nur um Sachwerte - man denke nur an Athen, die viele Jahre lang sieben Jünglinge und sieben Mädchen als Opfer für den Minotaurus nach Kreta schicken mussten, bis endlich Theseus die Bestie besiegen konnte. Aber hundert Jahre waren eine lange Zeit um Tribut zu erlegen, es gab wohl kaum noch jemand, der sich an die Tage des ursprünglichen Konfliktes erinnern konnte. Und wie auch immer, ich hatte mein Herz auf der Seite der Schwächeren und deshalb war es nur natürlich, die Waagschalen ein wenig ausgleichen zu wollen. Der Beschützerinstinkt Megara gegenüber spielte sicher auch eine Rolle, kurzum, ich verschwendete keinen Gedanken an eventuelle Folgen, sondern sann nur auf Rache. Jetzt, im bleichen Abglanz der Besinnung, sehe ich ja ein, dass es vielleicht nicht so klug war, was ich getan habe, und vor allem, dass es ja nicht meine Sache war, darüber zu entscheiden. Aber geschehen ist geschehen, ich kann den Lauf der Zeit ja nicht zurückdrehen. Außerdem weiß ich nicht, ob ich das wirklich machen würde - es war auf jeden Fall ein Riesenspaß.

Ich wartete also, bis sich die Nacht um uns gelagert hatte und wir in unsere Schlaffelle gekrochen waren. Ich wartete auch dann noch eine Weile, bevor ich mich murrend wieder erhob. Die Wache ahnte nichts Böses, als ich hinter ihm im Gebüsch verschwand, er setzte vermutlich für mein Benehmen natürliche Gründe voraus. Der Rest war ein Kinderspiel. Die Wache ahnte nämlich noch immer nichts Böses, als ich von hinten meine Hand über seinen Mund legte und ihn mit der anderen niederschlug. Ich band ihn provisorisch fest und machte auch die anderen unschädlich. Der Vorletzte kam zwar dazu, einen Warnungsschrei loszulassen, aber da war ja nur mehr einer über, der mir außerdem ziemlich schlaftrunken entgegenkam. Dann band ich jeden von ihnen an einem eigenen Strauch fest, sodass sie während der Nacht einander nicht helfen konnten, sich zu befreien, und stopfte auch jedem ein Stück Stoff in den Mund, sodass sie meinen Schlaf nicht mit unnötigen Ergüssen stören würden, wenn sie aus der Ohnmacht wieder erwachten. Dann legte ich mich wieder nieder und schlief, bis die Sonne aufging.

Beim Frühstück kam mir eine glänzende Idee, wie ich es vermeiden konnte, die ganze Bande im Rücken zu haben, wenn ich ihnen wohl die Fußfesseln gelöst hatte, sodass sie zu Erginos heimgehen konnten, um ihm mitzuteilen, dass der Tribut in diesem Jahr ausblieb. Ich schnitt sechs Äste ab, die eine knappe Manneslänge maßen. Das dickere Ende steckte ich in ihre Hosen, befestigte sie dann um den Bauch und um die Brust und streckte dann die Hände der Minyer an den Ästen so hoch wie nur möglich, um sie dann dort festzubinden. Auch die Ellenbogen fixierte ich an den Ästen. Auf diese Art konnten sie die Stöcke nicht aus den Hosen ziehen, sie aber auch eine gute Weile lang nicht hinunterstoßen.

Dann schickte ich sie nach Hause und während ich diese Zeilen schrieb, folgte ich ihnen mit dem Blick. Jetzt erreichen sie bald den Wald dort drüben und verschwinden aus meinem Blickfeld. Für mich ist es wohl auch Zeit, meine Sachen zu packen und heimwärts zu wandern, um dem König Bericht zu erstatten. Hoffentlich reißt er mir nicht die Ohren aus - aber was sind wohl zwei Ohren, wenn ich nur Megara irgendwo erspähen kann.


Bernhard Kauntz, Västerås 1999


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